Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Des Funkers Glück ist sein Verhängnis

Er wird zum Mitläufer und fühlt sich doch unschuldig: In ihrem neuen Roman «Der Empfänger» erzählt Ulla Lenze von einem Spion wider Willen – der Protagonist ist ihr eigener Grossonkel.

Von Eva Pfister

Was geschieht mit jemandem, dem immerzu gegen seinen Willen eine Identität aufgezwungen wird? Schriftstellerin Ulla Lenze. Foto: Julien Menand, Laif

Josef Klein lebt gern in der Anonymität von New York. 1924 ist er vor der Armut im inflationsgeplagten Deutschland geflohen und hat im multikulturellen Harlem eine neue Heimat gefunden. Nun schreibt man das Jahr 1939, Klein arbeitet in einer Druckerei, die ein anderer deutscher Einwanderer betreibt: Er lebt allein mit einem Hund – und einem selbstgebauten Funkgerät, das ihn zunehmend beglückt, auch wenn er ein ganzes Jahr braucht, bis er sich überwinden kann zu sprechen: «Etwas von sich in die Welt senden, auf gut Glück.» Er erlebt das als grosse Befreiung: «Niemand sah ihn. Niemand wusste etwas über ihn. Nicht, wie gross oder klein er war, ob er in einem Einfamilienhaus mit Garten in Brooklyn wohnte oder in einer Mietskaserne in Harlem. Nur Stimme sein, überall, jeder Zeit.»

Aber gerade das Funkgerät wird Josef Klein zum Verhängnis. Deutsche Kunden der Druckerei entdecken seine Fähigkeiten und drängen ihn in ihre Dienste. Es sind Hitler-Sympathisanten, und obwohl sie Klein nicht ins Vertrauen ziehen, begreift er mit der Zeit doch, dass die verschlüsselten Texte, die er nach Deutschland sendet, weniger dem angeblichen Textilhändler in Hamburg nützlich sind als den Kriegsvorbereitungen des Deutschen Reiches.

Er wär so gern ein Niemand

Josef Klein ist der Protagonist in Ulla Lenzes neuem Roman «Der Empfänger» – und er ist eine historische Person. Klein war einer von 33 deutschen AgentInnen, die im Herbst 1941 verhaftet wurden, weil sie Informationen über die US-Rüstungsindustrie nach Deutschland übermittelt hatten. Ausserdem ist er der Grossonkel der Autorin, die den Balanceakt unternommen hat, den Fakten seiner Lebensgeschichte entlang einen Roman zu schreiben. So hat sie die Hintergründe genau recherchiert: das Leben in New York vor dem Zweiten Weltkrieg, das Ambiente der deutschen EinwanderInnen, von denen in den dreissiger Jahren viele in die Naziideologie abdrifteten. Aber als Romanfigur ist Josef Klein eine fiktive Gestalt, und was Ulla Lenze an ihr besonders interessiert, ist die Tragik eines Mannes, dem immerzu gegen seinen Willen eine Identität aufgezwungen wird.

«Möchtest du dir nichts aufbauen? Willst du niemand sein?», fragt einer der «Mitkämpfer» den Funker. «Ganz richtig, ich will niemand sein», antwortet Josef Klein. Aber durch die politischen Veränderungen verliert er seine Anonymität. Plötzlich gehört er zur deutschen Kolonie in New York, die seine Solidarität einfordert, und wird von den New YorkerInnen als Deutscher angefeindet. Seine amerikanische Freundin versucht, ihn auf die andere Seite zu ziehen: Er solle zum FBI gehen und die anderen verraten. Aber dagegen sträubt sich der Zauderer lange – zu lange.

1942 wurden alle beteiligten 33 SpionInnen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt und nach dem Krieg aus den USA abgeschoben. Josef Klein kommt ins zerstörte Deutschland zurück. Er wohnt bei seinem Bruder und dessen Familie im Rheinland, ein Fremder in dieser Nachkriegsgesellschaft, und weil er so wenig von sich erzählt, erregt er Misstrauen. Dass er seinen Bruder nicht wirklich mag, sich dafür von seiner Schwägerin erotisch angezogen fühlt, macht die Situation nicht besser. Die Stimmung im Haus wird so bedrückend, dass Josef bald weiterzieht. Er sieht keine andere Möglichkeit, als die Hilfe der alten Seilschaften anzunehmen und mit falschen Papieren nach Argentinien zu gelangen.

Bis zur Verharmlosung

Die Reise ist kompliziert und strapaziös, und dennoch verspürt Josef Klein unterwegs wieder das Glück der Anonymität. Etwa in Dakar: «Das nächste Schiff geht in zwei Tagen, er mietet sich in einer Pension ein. Spinnweben verkleben die Fenster, die Matratze liegt auf dem Steinboden, gelbe Lehmgassen ringsum. Er spricht im Liegen vor sich her Dakar, Dakar und fühlt sich wohl. Er spürt den regelmässigen Gebetsruf durch seinen Körper rieseln, er liegt und lauscht den Wortgirlanden, die ihn, weil er nichts versteht, an einen Ort jenseits aller Sprache ziehen, in fast körperlicher Verbundenheit mit allem.» Auch in Südamerika ist Josef Klein auf die Hilfe der Deutschen angewiesen, wieder erlebt er, dass er nicht ohne Zugehörigkeit existieren kann, eben ohne «jemand zu sein». Wieder träumt er von Flucht – und noch einmal bricht er auf.

Ulla Lenze erzählt sehr anschaulich und spannend von diesem Menschen, der vergeblich versucht, sich aus der Politik rauszuhalten, der zum Mitläufer wird und sich doch unschuldig fühlt. Nicht immer ist das Handeln dieses Josef Klein ganz einleuchtend. Manchmal wirkt er allzu naiv und weltfremd, wie er sich so durchzulavieren versucht. Einerseits geht er mit zu einem Treffen der neuen deutschen PatriotInnen, dann scheint er wieder ganz ahnungslos, was die politischen Vorgänge betrifft.

So kommt der Eindruck auf, dass die Autorin doch versucht, ihren Grossonkel vielleicht nicht gerade zu entschuldigen, aber doch durch Romantisierung zu verharmlosen. Dazu passt auch, dass der Josef Klein ihres Romans davon träumt, wie der Held von Henry David Thoreaus «Walden» einsam im Wald zu leben. Weit weg von den politischen Zeitläufen.

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