Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Eine widerwärtige Fabel

Von Ayse TurcanMail an AutorIn

«Gibst du mir einen ab?», fragt die blonde Schwangere den Jungen, der am Fenster sitzt und Kekse isst. Mit offenem Mund kaut sie auf dem hörbar trockenen Gebäck, bis sie plötzlich ihre linke Brust aus dem Oberteil zieht und ein bisschen Milch auf den Keks presst. Eine Hälfte gibt sie dem Jungen, die andere steckt sie sich selbst in den Mund. «Schmeckts?», fragt sie und lacht. Es ist eine von vielen Szenen in «Favolacce», die ein eigentümliches Unbehagen auslösen. Beide, der Junge und die Schwangere, werden am Ende des Films tot sein.

Mit dem Suffix -acce wird im Italienischen aus einem neutralen oder positiven Substantiv ein schlechtes. Statt in einer Fabel (favola) befinden wir uns in «Favolacce» in einem menschlichen Albtraum, der der Realität zum Verwechseln ähnelt. Was uns die Geschichte lehren soll, ist nach den ersten Szenen klar: Die Menschen, zumindest die Erwachsenen, sind im besten Fall unbedarft und abstossend wie die schwangere Frau, im schlimmsten Fall so richtig böse. Die Mittelstandsgesellschaft im italienischen Vorort Spinaceto wetteifert hier darum, wer sich am widerwärtigsten aufführt. Die Frauen und Männer sind sexistisch, egoistisch und schlagen ihre Kinder. Deren Versuche, sich zu wehren, bleiben erfolglos.

Die Kritik an der Gesellschaft, an deren Werten, Zwängen und Umgangsformen, steht in «Favolacce» so sehr im Fokus, dass der Plot zur Nebensache wird und die Figuren Karikaturen bleiben. Doch ist der Film der Gebrüder D’Innocenzo, die an der Berlinale für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurden, trotz seiner überspitzten Tragik stets unterhaltsam, bisweilen sogar lustig. Etwas mehr Zurückhaltung bei den Referenzen hätte dem Werk aber gutgetan: Die Trostlosigkeit und Leere der Figuren käme auch ohne die zahlreichen Märchen- und Holocaustverweise ausreichend zur Geltung – insbesondere im Kontrast zu den üppigen Landschaftsbildern, dem Zirpen der Grillen und dem traumhaft traurigen Soundtrack.

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