Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Wie erleben Sie als Tiefling den Fantasyrassismus?

Die Journalistin Veronika Kracher hat für ihr Buch «Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults» die Szene der «unfreiwillig Zölibatären» erforscht. Zur Entspannung beschäftigt sie sich mit Videospielen.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn (Interview) und Nikita Teryoshin (Foto)

Veronika Kracher: «Videospiele sind ja oft eine Ermächtigungsfantasie – und gerade als dreizehnjährige Jugendliche fühlt man sich sehr ohnmächtig.»

WOZ: Frau Kracher, seit gestern ist das Computerspiel «Baldur’s Gate 3» draussen. Auf Twitter haben Sie neulich geschrieben, dass Sie die Veröffentlichung kaum erwarten können. Ihre Nacht war vermutlich kurz?
Veronika Kracher: Kann man so sagen. Den Vorgänger «Baldur’s Gate 2» spielte ich mit zwölf – und ich glaube, ich habe damals ein halbes Jahr fast nichts anderes gemacht. Allerdings war ich auch ein nerdiges Kind mit wenig Freunden, jedenfalls bis die Punkszene in mein Leben trat und ich rausmusste zum Biertrinken.

Was macht dieses Spiel so besonders?
«Baldur’s Gate» ist ein Fantasyrollenspiel, in dem man als Heldencharakter Abenteuer überstehen muss – und schon Teil eins und zwei waren für mich und viele andere wegweisend, was die Komplexität der Charaktere und die Handlung angeht. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, wie man dieses Spiel spielen kann.

Bislang wurde aber erst eine unfertige Version von «Baldur’s Gate 3» veröffentlicht, oder?
Ja, man merkt schon, dass es ein «Early Access» ist, es ist stellenweise noch etwas schwerfällig, und es gibt Sachen, die noch hinzugefügt werden müssen. Bei diesen «Early Access»-Spielen ist es ja genau so intendiert, dass die Entwickler Feedback von der Community einarbeiten können – und ich werde mich dabei sicher nicht zurückhalten! (Lacht.)

Wo sehen Sie denn bislang Verbesserungspotenzial?
Ich spiele einen Tiefling, das sind Kinder von Dämonen, die sich mit Menschen gepaart haben. Deswegen erfahren die Tieflinge sehr viel Fantasyrassismus. Anfangs ist man in einem Camp voller Tieflinggeflüchteter, wobei aber noch relativ wenig thematisiert wird, dass meine Figur auch ein Tiefling ist – es fehlt noch an spezifischer Interaktion. Das wäre beispielsweise etwas, das man den Entwicklern als Feedback geben könnte.

Sie sind ja vermutlich eher in einem linken, akademischen Milieu unterwegs. Wird man da nicht schief angeschaut, wenn man sich für Videospiele interessiert?
Ich habe einen eher nerdigen, linken Freundeskreis, wir spielen fast alle Pen-and-Paper- und Computerspiele – und viele von uns haben gerade durch die Ausschlusserfahrungen, die man als jugendlicher Nerd macht, damit angefangen, sich für linke Politik zu interessieren. Man muss differenzieren, wie so eine Sozialisation in der Gamingcommunity abläuft: Es gibt viele supertoxische Männernerds, die durch ihre Mobbingerfahrungen fest auf eine misogyne Schiene geraten sind. Aber das muss nicht bei allen so laufen.

Wie ticken denn diese toxischen Gamer?
Es ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen, dass Leute, die intensiv Videospiele spielen, das «Gamer»-Sein für sich als eigene Identität reklamieren, auch weil sie sich als Gamer lange von anderen ausgeschlossen fühlten. Diese Typen regen sich dann darüber auf, dass Computerspiele inzwischen viel populärer sind als vor zwanzig Jahren. Daraus entwickeln sie das Bedürfnis, ihre Community gegen sogenannte «Normies» zu verteidigen – also gegen «normale» Leute, die da angeblich von aussen eindringen. Auch wird jede Kritik als persönlicher Angriff gewertet. Das gilt erst recht, wenn die Kritik von Frauen kommt.

Das spiegelte sich vor ein paar Jahren auch in der sexistischen Gamergate-Kampagne wider, als rechte Trolle gezielt Videospieljournalistinnen und Entwicklerinnen ins Visier genommen haben, oder?
Ja, gerade Frauen müssen immer erst die eigene Credibility beweisen. Es kommen dann so Fragen wie: Hattest du überhaupt schon mal einen Controller in der Hand? Die Erfahrungen bei Gamergate haben einerseits progressive Bestrebungen befördert, sodass inzwischen selbst Mainstreamstudios queere Charaktere in ihre Storys einbauen. Andererseits gibt es als Reaktion darauf einen starken Backlash von Teilen der Community.

Es ist schon ziemlich schräg, wenn Leute sich selbst in erster Linie als Gamer identifizieren.
Absolut. Man kann da nur kopfschüttelnd sagen: Deine ganze Identität beruht darauf, dass du acht Stunden am Tag «Call of Duty» spielst? Okay, Bro, mir wäre das peinlich!

Wieso haben Sie so eine Faszination für Rollenspiele entwickelt?
Ich bin in meiner Adoleszenz, also in der Zeit, in der man mit dem ganzen Schrecken und der Faszination der Pubertät zu tun hat, zu Fantasy und Rollenspielen gekommen. Die bieten ja gerade eine Möglichkeit, mit Identitäten zu spielen. Für mich war das ein wichtiger Coping-Mechanismus. Videospiele sind ja oft eine Ermächtigungsfantasie – und gerade als dreizehnjährige Jugendliche fühlt man sich sehr ohnmächtig. Das war auch die Zeit, in der ich mich politisiert habe. Und da wird man plötzlich mit all den schlimmen Dingen auf der Welt wie auch der eigenen Machtlosigkeit konfrontiert. Fantasy- oder auch Science-Fiction-Spiele können dir aber die Erfahrung einer Welt vermitteln, in der du eine wichtige Rolle einnimmst.

Nächste Woche erläutert Veronika Kracher, warum nicht nur Incels ein Problem sind, sondern die Männlichkeit als solche.

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