Nr. 43/2020 vom 22.10.2020

Gehören Männer gänzlich abgeschafft?

Die Incel-Forscherin Veronika Kracher erläutert, warum die Abhängigkeit der Männer vom Weiblichen zu einer narzisstischen Kränkung führt – und wieso aus weiblicher Zurückweisung antifeministischer Aktivismus resultiert.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn (Interview) und Nikita Teryoshin (Foto)

Veronika Kracher in Berlin: «Für mich wäre eine befreite Gesellschaft eine, in der man nicht mehr aufgrund seiner Geschlechtsteile Rollen zugeschrieben bekommt.»

WOZ: Frau Kracher, in Ihrem Buch zitieren Sie Ingeborg Bachmann mit dem Satz «Alle Männer sind krank». Ist das nicht sehr zugespitzt?
Veronika Kracher: Ich beziehe mich in meiner Arbeit stark auf die Theorien von Rolf Pohl, einem Sozialpsychologen und Geschlechterforscher, der sich damit beschäftigt hat, wie der heterosexuell-männlichen Betrachtung von Weiblichkeit immer eine pathologische Komponente innewohnt. Pohl zufolge fühlen sich Männer von weiblicher Sexualität in gewisser Weise verfolgt.

Wie kommt er darauf?
Pohl erklärt das damit, dass der Mann zunächst mit der Erfahrung aufwächst, von einer Frau, nämlich seiner Mutter, abhängig zu sein. Dies steht wiederum in krassem Kontrast zu der ihm vermittelten Vorstellung von hegemonialer Männlichkeit: dass gerade Unabhängigkeit als männlich gilt. Da man aber faktisch eben vom Weiblichen abhängig ist, obwohl dieses gesellschaftlich ja eigentlich unter einem steht, führt das zu einer narzisstischen Kränkung.

Weil also auch Männer Mütter haben, fühlen sie sich in ihrer Männlichkeit gekränkt?
Ja. Ausserdem erfahren Männer ihre Abhängigkeit von Frauen – zumindest im heterosexuellen Kontext – darin, dass sie Frauen begehren. Sie benötigen daher die Bestätigung von Frauen, um sich adäquat als Männer fühlen zu können. Das versetzt Männer in einen inneren Widerspruch, dem sie damit Herr zu werden versuchen, dass sie Frauen patriarchaler Kontrolle unterwerfen.

Wegen dieses inneren Widerspruchs schreiben Sie auch, Männlichkeit sei permanent in der Krise?
Genau. Deswegen finde ich auch die Rede von der «kritischen Männlichkeit» problematisch. Diese wird ja im gegenwärtigen Diskurs gegen die «toxische Männlichkeit» in Stellung gebracht. Männlichkeit ist aber historisch als etwas gewachsen, das nur durch die Abwertung und Unterdrückung des Nichtmännlichen funktioniert. Bei einer Männlichkeit, die das nicht mehr tut, kann man nicht mehr von einer Männlichkeit im eigentlichen Sinn sprechen.

Also anstatt von «kritischer Männlichkeit» zu sprechen, lieber gänzlich von «Männlichkeit» schweigen?
In einem pädagogischen Kontext kann die Rede von «kritischer Männlichkeit» ihre Berechtigung haben. Andererseits hatte ich selbst schon mit einem Typen zu tun, der sich als «kritischen Mann» bezeichnet hat. Als ihn dann aber eine Freundin darauf hingewiesen hat, dass er vielleicht gar nicht so ein kritischer Mann ist, weil er sich einige problematische Sachen geleistet hat, ist er völlig ausgetickt. Er hat sich derart angegriffen gefühlt, dass er sogar versucht hat, meine Freundin bei ihrer Arbeitsstelle anzuschwärzen. Insofern scheint die Selbstbezeichnung als «kritischer Mann» zumindest manchen auch dazu zu dienen, Kritik an der eigenen Person gar nicht erst zuzulassen.

Dann lautet das Ziel also: Männlichkeit an sich abschaffen!
Ich würde eher sagen, Geschlechterverhältnisse generell zu überwinden. Für mich wäre eine befreite Gesellschaft eine, in der man nicht mehr aufgrund seiner Chromosomen oder seiner Geschlechtsteile Rollen zugeschrieben bekommt, man daher nicht länger mit bestimmten Erwartungen konfrontiert und auch nicht länger unterdrückt wird.

Ist nicht allgemein zu beobachten, dass Männer empfindlich auf Kritik reagieren und viele sich etwa von der modischen Rede von den «alten weissen Männern» verletzt fühlen?
Generell sind feministische Kämpfe immer Angriffe auf patriarchale Herrschaft – und das ist ja auch gut so, weil patriarchale Herrschaft massloses Leid verursacht, auch für Männer. Eine Sozialisation unter den Bedingungen hegemonialer Männlichkeit, das Gefühl, sich in Männerbünden permanent beweisen zu müssen – das ist ja auch nichts Angenehmes. Trotzdem ist die Angst davor, diese Herrschaftsposition zu verlieren, gerade für Männer, die nichts anderes haben als ihre Identität als Mann, etwas Bedrohliches – und deswegen reagieren sie gewalttätig. Das vermittelt sich schon im Alltäglichen: Wenn man Männern einen Korb gibt, sagen die wenigsten: «Okay, kein Problem.» In der Regel reagieren sie wütend.

Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?
Ich wurde als offensichtlich Minderjährige oft von erwachsenen Männern angegraben, was auch daran gelegen haben dürfte, dass diese Männer wissen, dass Minderjährige nicht in dem Masse Grenzen festlegen können wie Erwachsene. Sie versuchen bewusst, diese Machtdiskrepanz auszunutzen. Aufgrund ihrer männlichen Sozialisation haben sie eben gelernt, dass ihnen als Männern wegen ihres Phallus Dinge einfach zustehen – und unter diese Dinge fallen auch Frauen. Wenn dann eine Frau auf die Idee kommt, zu sagen: «Nein, ich will mit dir nichts zu tun haben!», dann ist das für sie schrecklich. So kann aus einer narzisstischen Kränkung letztlich antifeministischer Aktivismus resultieren.

In der letzten Folge erklärt Veronika Kracher, worin das Problem an Serien wie «The Big Bang Theory» liegt. Ihr Buch «Incels: Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults» erscheint am 6. November 2020.

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