Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Sie lieben sich, sie belügen sich, sie halten einander aus

Eine Serie über sexuelle Gewalt, die auch lustig ist? Das geht gut, wie die Regisseurin und Schauspielerin Michaela Coel beweist. Die Britin geht das Thema schlau und ernsthaft an, kann aber ebenso den Clown spielen.

Von Alice Galizia

Herz der Geschichte: Das Trio aus Arabella (Michaela Coel, mal mit Hörnern, mal mit pinker Perücke), Terry (Weruche Opia, mit Gloriole) und Kwame (Paapa Essiedu). FOTOS: NATALIE SEERY, HBO

«Ich weiss, sexuelle Belästigung ist illegal, aber es kam wirklich von Herzen», sagt Tracey Gordon, Protagonistin der Sitcom «Chewing Gum» (2015). Eben wollte sie ihren strengstgläubigen Freund mit 24 Jahren zu ihrem gemeinsamen ersten Mal verführen, worauf sich dieser empört von ihr trennt (und von einem Auto angefahren wird). Tracey, eine junge schwarze Frau aus einem Block irgendwo am Rand Londons, sucht ihren Weg zwischen ultrachristlicher Familie und sexueller Selbstbestimmung. Das ist oft albern, aber auch sehr pointiert: Schöner als mit obigem Zitat könnte man wohl kaum umschreiben, wie kompliziert der Umgang mit Sexualität und damit verbundenen Grenzüberschreitungen sein kann.

Erinnern lernen

Michaela Coel, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin von «Chewing Gum», wagt sich nun in der dieses Jahr erschienenen Serie «I May Destroy You» als Regisseurin und ebenfalls Hauptdarstellerin noch näher an diese Fragen heran: Was ist das eigentlich, ein sexueller Übergriff? Und was passiert danach? Die Serie basiert lose auf Coels eigener Erfahrung mit sexueller Gewalt. Im englischsprachigen Raum wurde sie stürmisch gelobt, der «Guardian» schrieb stolz, die Serie fühle sich fast ein wenig wie eine US-amerikanische Produktion an.

Sehr viel düsterer als im zuckrigen «Chewing Gum» erzählt «I May Destroy You» von Arabella: Anfang dreissig, als Autorin eines Romans mit dem Titel «Chronicles of a Fed-Up Millennial» einigermassen erfolgreich, kehrt sie von einer Clubnacht mit einem Blackout zurück. Nur langsam und unvollständig setzen sich die Erinnerungen zusammen: Irgendeine Bar, irgendwer hat ihr K.-o.-Tropfen gegeben, und dann das Bild eines fremden Mannes, der sie vergewaltigt. Wo, wer, wie? Keine Ahnung. So begleitet «I May Destroy You» Arabella beim Erinnern, beim langsamen Wieder-zu-sich-Kommen. Die erste ist nicht die einzige Vergewaltigung, die gezeigt wird, ebenso werden weitere Schattierungen sexueller Gewalt thematisiert, auch in Situationen, in denen die Umstände weniger eindeutig sind.

Was eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der manchmal sehr feinen Linie ist, die zwischen einvernehmlichem Sex und einem Übergriff verläuft, ist gleichzeitig womöglich ein Problem der Serie: Es gibt in zwölf Folgen kaum eine Szene, in der Sexualität nicht als grundsätzlich bedrohlich dargestellt wird, und wenn, dann ist es eine (potenziell schöngefärbte) Erinnerung. Wohl wahr, dass ab einem bestimmten Grad an Intimität immer die Gefahr eines Kontrollverlusts besteht; allerdings ist es gerade deswegen eine feine Linie, weil ebendieser Kontrollverlust auch extrem lustvoll sein kann.

Es gibt noch anderes im Leben

«I May Destroy You» ist hart und manchmal fast nicht auszuhalten, aber tatsächlich oft auch sehr lustig. Das ist nicht mehr der überzeichnete Humor aus «Chewing Gum», aber Michaela Coels Stärke, schnelle Dialoge zu schreiben, bleibt und auch ihr ausgesprochenes Talent, den Clown zu spielen. Schliesslich stellt die Serie Arabella nie bloss als Opfer dar; das ist sie auch nicht. Sie zeigt den Schmerz, die Trauer, die Zähheit eines Traumas durch einen sexuellen Übergriff. Aber auch, dass es daneben noch einige andere Dinge gibt, die im Leben übrig bleiben.

Arbeit zum Beispiel. Und Freundschaften. Was Ersteres angeht, will Arabella kaum etwas gelingen; mit ihren AgentInnen und dem Verlag gerät sie dauernd aneinander, weil sie mit ihrem zweiten Roman nicht vorwärtskommt. Schön ist in diesem Zusammenhang die Darstellung der Verlagsleiterin, die zum Entzücken von Arabella ebenfalls schwarz ist, sich im Verlauf der Serie aber kaum als Verbündete herausstellt. «Vergewaltigung? Fantastisch!», meint sie zu Arabellas Vorhaben, über ihre Erfahrungen zu schreiben, und weigert sich später strikt, einen Vorschuss auszuzahlen, als Arabella in Schwierigkeiten steckt. Der CEO ist eben immer noch der CEO, auch wenn er eine schwarze Frau ist.

Und auch die Sache mit den Freundschaften ist eben nicht so einfach. Da ist Terry (Weruche Opia), die beste Freundin seit der Grundschule, erfolglose Schauspielerin und ein ganz wundersames Gemisch aus Naivität und Stärke. Und Kwame (Paapa Essiedu), Fitnesstrainer und in seiner Freizeit vor allem auf der schwulen Dating-App Grindr unterwegs: Er erlebt an einem solchen Hook-up ebenfalls einen sexuellen Übergriff. Sie lieben sich, sie lügen sich an, sie machen Fehler und halten einander aus. Dieses Dreigespann an Freundschaft ist das eigentliche Herz der Geschichte; so, wie wohl von Arabella kaum viel übrig bliebe, gäbe es Terry und Kwame nicht, gilt das auch für die ganze Serie.

Wie schlau diese Serie ist, zeigt sich auch im Umgang mit Diskriminierung und deren Vielschichtigkeit – gleichzeitig schwarz zu sein, eine Frau zu sein, arm zu sein. Meist ist das gar nicht so konkret wie in jener Szene, in der Arabella ihren AgentInnen einen ihrer Texte vorliest: Sie habe sich erst spät mit Feminismus und ihrem Frausein auseinandersetzen können, zuvor sei sie viel zu beschäftigt damit gewesen, schwarz und arm zu sein. Die AgentInnen finden den Text ganz wunderbar, müssen aber trotzdem – sorry! – darauf hinweisen: «Das ist es nicht, was wir jetzt brauchen. Wann ist dein Entwurf fertig?»

Eine Antwort auf «Girls»

«Race» sei nicht ihr Fokus gewesen, meinte Coel gegenüber dem «Guardian», und doch schwingt dieser Faktor mit, sei es nur in der selbstverständlichen Darstellung des Alltags junger schwarzer LondonerInnen der zweiten Generation, wie sie es auch schon in «Chewing Gum» getan hatte. Damit sind Coels Arbeiten auch als Antwort auf eine Serie wie Lena Dunhams «Girls» zu lesen, die sich ebenso freizügig mit dem Alltag junger Frauen in der Grossstadt auseinandersetzte und daher als «‹Sex and the City› in Arm» bezeichnet wurde. Allerdings gab es in der ersten «Girls»-Staffel keine einzige schwarze Sprechrolle, was angesichts der Tatsache, dass die Serie in Brooklyn spielt, ein schon eher peinliches Versäumnis ist.

Was «I May Destroy You» fehlt? Die Täterperspektive. So läuft die Serie doch manchmal Gefahr, sexuelle Gewalt als etwas Unbegreifbares darzustellen und jene, die sie ausüben, als eindimensional böse. Das ist schade. Denn schliesslich, wie schon Tracey sagte: Manchmal kommt etwas von Herzen und ist deswegen trotzdem und in keiner Weise in Ordnung. Vielleicht ist es aber auch nicht Coels Aufgabe, auch darauf noch einzugehen. Sie macht dafür einen anderen, zentralen Punkt: Am Ende bedeutet ein Trauma keinesfalls, dass es kein Weiterleben gibt.

«I May Destroy You» läuft ab dem 19. Oktober 2020 auf Sky. «Chewing Gum» gibt es auf Netflix.

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