Nr. 43/2020 vom 22.10.2020

Der Ökonom als glühender Humanist

Der Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen versucht, Entwicklung anders zu denken. Nun sind einige seiner Schriften neu veröffentlicht worden.

Von Raul Zelik

Will den Kapitalismus menschlicher gestalten: Amartya Sen im Jahr 2010. Foto: B. Cannarsa, Laif

Ein häufig zu hörender Einwand gegen die Wirtschaftswissenschaften lautet, diese hätten sich in eine Art Pseudonaturwissenschaft verwandelt, die mit mathematischen Formeln zu kaschieren versuche, dass ökonomische Beziehungen eben keine Naturprozesse sind. Einer der wenigen ÖkonomInnen, die sich der Abkoppelung der Wirtschaftswissenschaften von den gesellschaftlichen Verhältnissen immer widersetzt haben, ist der Inder Amartya Sen.

1933 in Westbengalen geboren, beschäftigte er sich als junger Forscher vor allem damit, wie eine Entwicklungsstrategie aussehen könnte, die in einem Land wie Indien stabile Löhne, aber auch Überschüsse für Neuinvestitionen garantiert – also für ein Gleichgewicht zwischen Wohlstand und Fortschritt sorgt. In den frühen achtziger Jahren publizierte Sen eine viel beachtete Studie, in der er zeigte, dass der Hunger in Indien weniger durch Nahrungsmittelknappheit als durch die Ungleichheit bei der Verteilung und durch zu hohe Lebensmittelpreise verursacht wird. Er trug massgeblich dazu bei, dass die Vereinten Nationen seit 1990 einen alternativen Wohlstands- und Entwicklungsindikator ausweisen, den sogenannten Human Development Index, der den Erfolg von Ökonomien nicht nur am Sozialprodukt, sondern auch an Lebenserwartung und Bildungszugängen misst.

Und schliesslich entwickelte er, in engem Austausch mit der feministischen Moralphilosophin Martha Nussbaum, auch den sogenannten Befähigungsansatz: Sen und Nussbaum zufolge dürfen sich Freiheitstheorien nicht nur mit formalen Rechten und dem Fehlen staatlicher Verbote beschäftigen, sondern müssen auch über die Befähigung nachdenken, Freiheit praktisch auszuüben. Damit rückten sie Bildung, Gesundheit, soziale Sicherheit, aber auch die individuelle Verletzlichkeit von Kranken und Behinderten in den Blick der liberalen Freiheitstheorie.

Mehr reale Freiheiten

Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Sen sind nun einige seiner Schriften neu veröffentlicht worden. Explizit als Einführung in sein Werk angelegt ist das Bändchen «Die Welt teilen. Sechs Lektionen über Gerechtigkeit», das Aufsätze und Vorträge aus den nuller Jahren versammelt. Thematisch vermittelt das Buch einen guten Überblick: Es behandelt etwa den Hunger, die sozioökonomische Bedeutung der Pressefreiheit und die Notwendigkeit einer gerechteren Globalisierung. Leider aber sind die Texte so allgemein gehalten, dass sich die durchschnittliche LeserIn eher in oberflächlichen Pauschalurteilen bekräftigt sehen dürfte.

Deutlich erhellender ist der neu aufgelegte Titel «Ökonomie für den Menschen». Obwohl bereits 1999 auf Englisch erstveröffentlicht, ermöglicht das Buch einen noch immer aktuellen Einstieg in Sens Schaffen. Gleich zu Beginn skizziert der indische Ökonom sein zentrales Anliegen: die Neudefinition des Entwicklungsbegriffs. «Entwicklung lässt sich», schreibt Sen, «als Prozess der Erweiterung realer Freiheiten verstehen, die den Menschen zukommen. Die Konzentration auf menschliche Freiheit kontrastiert mit engeren Auffassungen von Entwicklung, in denen Entwicklung mit dem Wachstum des Bruttosozialprodukts oder mit dem Anstieg des persönlichen Einkommens gleichgesetzt wird.»

Mit diesem Fokus auf die Erweiterung der realen Freiheiten, im Unterschied zu den formalen, setzt sich Sen von Strategien ab, wie sie in den sechziger und siebziger Jahren vielerorts propagiert wurden. Militärdiktaturen wie etwa diejenige in Südkorea verstanden sich als Modernisierungsregime, die ihre Länder mit Gewalt für den Fortschritt «fit machen» wollten. Ähnliches gilt auch für den sozialistischen Entwicklungsbegriff.

Eine echte Ausnahmeerscheinung

Das Bemerkenswerte an Sens Perspektive war also, dass er für eine humanistische Entwicklung plädierte, die die sozialen Ungleichheiten, die Klassenverhältnisse, das koloniale Erbe und die Geschlechterunterdrückung in den Blick nimmt. Sen kritisierte die Allmacht der Märkte und hielt doch am Liberalismus fest. Damit bleibt er aber hinter dem Stand der postkolonialen Debatten zurück, die sich seit Jahrzehnten mit der Frage beschäftigen, ob nicht das Entwicklungsparadigma selbst – also die Vorstellung, es gebe Gesellschaften, die sich entwickeln müssten – das internationale Ungleichheitsverhältnis mit hervorbringt. Die Unterentwicklung des Globalen Südens wäre dementsprechend die notwendige Kehrseite des Reichtums im Norden.

Solche Einwände finden bei Sen keine Berücksichtigung. Sein Anliegen ist es, den kapitalistischen Weltmarkt menschlicher zu gestalten. Auch wegen der sich anbahnenden Klimakatastrophe ist dieser Ansatz damit wohl viel zu immanent gedacht. Dennoch: Amartya Sen gehört zu jenen eher rar gesäten ÖkonomInnen, die sich immer der gesellschaftlichen Verantwortung gestellt und moralische und soziale Fragen mitverhandelt haben.

Bei seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises warnte Sen ganz in diesem Geist vor der drohenden «Pandemie des Autoritarismus». Dieser glühende Humanismus macht ihn zu einer echten Ausnahmeerscheinung im ökonomischen Mainstream.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch