Nr. 43/2020 vom 22.10.2020

Schön der Reihe nach

Annette Hug spricht sich Mut zu

Von Annette Hug

Wenn es heisst, Ruhe zu bewahren, hilft Konzentration auf kleine, aber feine Fragen. Zum Beispiel: Woher kommt der Ausdruck «Eis ums andere wie z Paris?» Via Skype wird mir diese Frage auf Filipino gestellt. Sprachtandems laufen digital noch besser als live. Das ist eine gute Sache, wenn wieder Einschränkungen drohen.

«Eis ums andere wie z Paris» bot ich als Übersetzung an für «uutay-utayin», wobei ich die verdoppelte erste Silbe besonders schön fand. Mehrmals musste ich sie üben, denn «u-u» soll frisch, nicht unheimlich klingen. Wir sollen uns nicht fürchten. Alles hat seine Ordnung, alle stehen schön in die Reihe, mit gebührendem Abstand. Früher seien die Schweizer Männer nach Paris ins Puff gegangen, erzählte ich auf Filipino, «und dort gab es schon so viele Freier, dass sie lange anstehen mussten». Wer weiss, wo ich diese Geschichte als Kind gehört habe. Sie stimmt wohl nicht.

«Il faut faire comme on fait à Paris» sei das französische Pendant, sagt ein Mundartspezialist im Radiopodcast. Die französische Hauptstadt sei für gute Manieren berühmt gewesen. Dort kam ein Gang nach dem andern auf den Tisch, nicht wie bei uns, wo man alles aufs Mal servierte. Das freie Erfinden von Worterläuterungen im Gespräch mit Fremdsprachigen ist völkerverbindend, habe ich im Chinesischunterricht in Schanghai gelernt. Da verriet mir eine Lehrerin, dass sie sich ihre Geschichten von den alten Chinesen manchmal nur ausdenke, um mir ein Schriftzeichen irgendwie näherzubringen.

Mit dem Coronavirus ist Völkerverbindung noch anspruchsvoller geworden. Im Frühling fanden auch Treffen zwischen Zürich Wiedikon und Zürich Schwamendingen online statt. Aber als dann eine chinesische Studentin, mit der ich mich so zum Sprachaustausch traf, ihren Abschluss machte, verlor sie ihr Zimmer in einem Haus für studentisches Wohnen. Gleichzeitig strich ihre Airline alle Flüge nach China ersatzlos.

So ging unser Tandem in eine Wohngemeinschaft über. Küchenschränke reicherten sich mit Reisnudeln und Austernsauce an. Über Instagram konnte ich aus den Sommerferien Ausschnitte eines Karaokeabends in meinem Wohnzimmer mitverfolgen. Dass die Völkerverbindung mit meinen NachbarInnen klappen würde, war da noch nicht gesagt.

Jetzt bleiben mir einige Pack Reisnudeln, eine sehr schöne Essschüssel und die glückliche Entdeckung, dass jemand vor der Abreise Waschmittel und Geschirrspültabs aufgestockt hat. Ich bin versorgt, während die Studentin für viel Geld nach Peking zurückgeflogen ist. Am Flughafen wurde sie in einen Bus gebeten, um in die Innere Mongolei zu fahren, wo sie zwei Wochen (auf eigene Kosten) in einem Quarantänehotel verbrachte. «Kein Problem», textete sie. Das WLAN sei gut. Die Verbindung steht.

Mit einer gewissen Nostalgie betrachte ich die Toilettentür, die während jener Karaokenacht versperrt war. Ein Gast hatte sich eingeschlossen und musste von einer Art Rettungsdienst befreit werden, was ein Heidengeld kostete. Die Haftpflichtversicherung übernahm das zu meiner Überraschung. Jetzt ist alles wieder ganz ruhig. Ganz digital. Ich soll nicht nervös werden, nicht überängstlich und nicht wütend. Vielleicht erst mal lernen, wie ich zu den Reisnudeln im Küchenschrank eine gute Suppe koche.

Annette Hug ist Autorin in Zürich, sie kann privat organisierte Sprachtandems auch aus finanziellen Gründen empfehlen. Es lebe die Tauschwirtschaft.

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