Nr. 44/2020 vom 29.10.2020

Mit Blumen gegen Beton

Der Zementmulti Lafarge-Holcim möchte sein Werk in der Romandie ausbauen. Seit Jahren wehren sich lokale UmweltschützerInnen rechtlich dagegen. Jetzt erhalten sie Unterstützung von der ersten «Zone à défendre» der Schweiz. Die Reportage aus einer illegalen Utopie.

Von Sebastian Sele (Text) und Nora Rupp (Fotos)

Das letzte Mal, als sich die Schweiz für La Sarraz VD interessierte, fielen Schüsse. Mehr als zehn Männer blockierten am 23. August 2019 um 3.10 Uhr die örtliche Ausfahrt der A1. Sie stoppten zwei Geldtransporter, machten von Fäusten, Kalaschnikows und Sprengstoff Gebrauch, steckten drei Autos in Brand und verschwanden mit der Beute in den Grossraum Lyon.

Heute, etwas mehr als ein Jahr später, ist La Sarraz wieder in den Schlagzeilen. Erneut geht es um illegale Aktivitäten, um Sprengstoff und um Geld. Und doch ist fast alles anders. «Wir werden nicht in die Offensive gehen», sagt Stelis, eine etwa zwanzigjährige Frau, die sich selbst den Namen einer Orchidee gegeben hat. «Weder gegen Menschen noch gegen Dinge.»

Stelis bewohnt die erste «Zone à défendre» (ZAD) der Schweiz, sie beschreibt sie als gelebte Utopie. «Der Staat hat hier keinen Einfluss.» In den Bäumen hängen Häuser, am Boden machen Menschen Capoeira. Die Zufahrten zur Utopie sind mit Barrikaden aus Holz, Reifen und Stacheldraht blockiert. Nur wenige Meter hinter einer der Barrikaden graben sich die Maschinen des grössten Zementproduzenten der Welt in den Hügel, den Mormont.

Grösster Klimakiller der Schweiz

Seit 1953 baut Holcim dort Kalkstein ab. Inzwischen hat sich der Steinbruch durch grosse Teile des Hügels gegraben. Das lokale Werk produziert jährlich 800 000 Tonnen Zement und fast 400 000 Tonnen CO2. Es gehört zu den zehn grössten Treibhausgasproduzenten der Schweiz. Das Gesamtunternehmen Lafarge-Holcim rangiert auf Platz 1.

Seit längerem möchte Lafarge-Holcim den Abbau am Mormont ausweiten. «Das Werk muss seine Reserven unbedingt aufrechterhalten, um die Produktion von einheimischem Zement zu gewährleisten», schreibt die Firma auf ihrer Website. Auf dem Werk selbst steht in meterhohen grünen Buchstaben: «Ihr regionaler Partner für nachhaltiges Bauen.» Doch Lafarge-Holcim musste seine Pläne vorerst wieder zurückstellen. Einer der Gründe dafür heisst Alain Chanson.

Chanson steht auf einer Wiese und erzählt Geschichten von Vögeln, Orchideen und Gerichtsentscheiden. «Raten Sie mal: Wie viel Vogelfutter habe ich im letzten Winter verbraucht?», fragt der Biologe in die Runde und liefert die Antwort gleich selbst nach: «150 Kilogramm!» Chanson ist in der Gegend geboren. Den Mormont kennt er seit seiner Jugend. «Hier sind die Orchideen überall», schwärmt er und kann belegen, dass er recht hat. Im Frühjahr zog er mit einem Smartphone durch die Wiesen. Erblickte er eine Orchidee, notierte er Standort, Funddatum und die Art in einer App: 106-mal Bocksriemenzungen, 46-mal Ohnhorn-Knabenkraut, 13-mal Purpur-Knabenkraut. Eine Art jedoch fand er nicht mehr. «Der Herbstdrehwurz wurde durch den Steinbruch vollständig ausgerottet.»

2013 gründete Chanson mit anderen AnwohnerInnen die Association pour la Sauvegarde du Mormont. Er erhob Einsprache gegen den Ausbau des Steinbruchs und mobilisierte Pro Natura, den WWF und Helvetia Nostra, es ihm gleichzutun. Am 26. Mai 2020 wies das Kantonsgericht die Beschwerde ab. Chanson zog den Fall vor das Bundesgericht weiter. Bereits in diesem Winter wird der Entscheid erwartet. «Der juristische Weg ist sehr langsam», sagt Besetzerin Stelis. «Mit der ZAD wollen wir zusätzlichen Druck aufbauen.» Dieser sei nötig, wenn es einen Ort gebe, der «exakt jetzt» verteidigt werden müsse.

Blendgranaten und Tränengas

Die erste «Zone à défendre» entstand in den 1960er Jahren nahe dem französischen Nantes. Die Behörden wollten einen neuen Flughafen bauen, die AnwohnerInnen nicht vertrieben werden. Sie weigerten sich, ihre Grundstücke zu verlassen, und aus BäuerInnen wurden BesetzerInnen. Das Gelände blieb jahrzehntelang besetzt, bis Emmanuel Macron 2018 verkündete, auf den Bau eines neuen Flughafens zu verzichten. Bei den anschliessenden Räumungsversuchen feuerte die Polizei Berichten zufolge 11 000 Tränengas- und Blendgranaten ab. Über 300 Menschen sollen verletzt worden sein. Noch immer leben Menschen in der ZAD.

Am Waadtländer Mormont gibt es noch kein Räumungsbegehren von Lafarge-Holcim, dem Eigentümer des Geländes. Doch die BewohnerInnen sind darauf vorbereitet. «Wir haben ein Alarmsystem», sagt Stelis. Wird das Horn geblasen, klettern die dreissig bis fünfzig BesetzerInnen in die Baumhäuser oder verschanzen sich im Haus in der Mitte der ZAD. «So können wir unsere Positionen halten.» Die Strategie nennt Stelis «aktive Defensive».

Im Gemeindehaus von La Sarraz ist der Tonfall streng. «Die Verhandlungen mit den Hardcore-Aktivisten sind völlig unergiebig», klagt Gemeindepräsident Daniel Develey (FDP). In keinem einzigen Punkt könne er den BesetzerInnen zustimmen. Seine Kritik hingegen listet er gerne auf: illegale Besetzung, blockierte Gemeindestrassen, wildes Zelten, Aufstellen von Zäunen und anderen Hindernissen, ungenügende Gesundheitsstandards. Die BesetzerInnen würden zwar alle Masken tragen, «wahrscheinlich aber eher aus Gründen der Anonymität als des Gesundheitsschutzes».

Es scheint, dass im Dorf mit seinen 2700 EinwohnerInnen, den drei Kirchen und den zweimal stündlich haltenden Pendlerzügen vor allem die Normalität abseits der Schlagzeilen geschätzt wird. In dieser schafft Lafarge-Holcim über hundert Arbeitsplätze. Lokale Restaurants, Malerinnen und Elektriker profitieren von Gästen, KundInnen und Aufträgen aus dem Werk am Mormont. «Die Bevölkerung ist ein direkter Nutzniesser», sagt Develey.

Am ersten Montagmorgen nach Beginn der Besetzung besuchte François Girod, der Manager des lokalen Lafarge-Holcim-Werks, die ZAD. «Sympathisch» sei die Begegnung gewesen, sagt eine Besetzerin, die sich Papillon nennt. «Ein bisschen wie ein Rollenspiel.» Hier die AktivistInnen, die sich für den Planeten einsetzen. Dort der Pragmatiker, der bereits alles tut, was in seinen Möglichkeiten liegt.

François Girod beschreibt sich selbst als «Manager von einem der best-performenden Zementwerke der Lafarge-Holcim-Gruppe in Sachen CO2-Ausstoss». Auch sein Arbeitgeber spricht gerne über Nachhaltigkeit. Das Werk gehöre europaweit sogar zu jenen mit der besten CO2-Bilanz. Und: «Wir haben bereits eine Netto-CO2-Einsparung von mehr als dreissig Prozent pro Tonne Zement im Vergleich zum Niveau von 1990 erreicht», schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Spricht es über klimaneutralen Beton und CO2-Bindung, macht es jeweils weltweit Schlagzeilen.

«Starke Aktion»

«Dem Klima der Erde ist es völlig egal, dass die Emissionen von Lafarge-Holcim pro Tonne reduziert werden», entgegnet Julia Steinberger. Entscheidend sei, dass bei erhöhter Produktion auch die Gesamtemissionen stiegen. Die Professorin für Ökologische Ökonomie an der Universität Lausanne war selbst auf dem Mormont. Über das Megafon liess sie die BesetzerInnen wissen: «Eure direkte Aktion ist sehr, sehr stark!» Sie spricht vom Klimanotstand, vom Pariser Klimaabkommen, von der Notwendigkeit, den CO2-Ausstoss auf null zu bringen. «Aktionen wie die ZAD sind nötig, um Regierungen und Private zu zwingen, Massnahmen zu ergreifen, die diesen Umständen gerecht werden.»

Lafarge-Holcim gibt sich von den Forderungen unbeeindruckt. Auch während der Besetzung sprengt sich der Konzern weiter durch den Mormont. «Die Explosionen können brutal sein», sagt Chanson. Sie erschüttern auch das BesetzerInnencamp, wo irgendwo jemand ein Graffito mit der Aufschrift «No Future» angebracht hat.

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