Nr. 45/2020 vom 05.11.2020

Grell und greller

Jim Carrey zeichnet wie besessen gegen Trump, bei «Saturday Night Live» spielt er Joe Biden. Viel lustiger aber ist sein erster Roman.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Jim Carrey

Auf dem Gebiet der Comedy waren diese US-Präsidentschaftswahlen zuletzt auch ein Duell zwischen den massgeblichen Parodisten der beiden Protagonisten: Auf der einen Seite Alec Baldwin, der seit 2016 das Kunststück vollbringt, einen Präsidenten zu parodieren, der sich eigentlich gar nicht parodieren lässt, weil er jede Überzeichnung schon selber vorwegnimmt – und ihm gegenüber war es ausgerechnet Jim Carrey, dieser hoch elastische Komiker mit einem Körper wie Gummi, der den hüftsteifen Herausforderer Joe Biden gab. Besonders komisch waren beide nicht in den letzten Wochen, aber das mochte daran liegen, dass der Wahlkampf selber so grotesk wirkte, dass eine altgediente Show wie «Saturday Night Live» die mediale Wirklichkeit schwerlich überbieten konnte.

Die Rolle als Joe Biden war neu für Jim Carrey, aber im kreativen Widerstand gegen Donald Trump ist er ähnlich ausdauernd wie Baldwin. Nur dass er bis dahin vor allem mit dem Zeichenstift gekämpft hatte. Am Tag, bevor Trump in Amt ohne Würden gewählt wurde, zeichnete er diesen als Killerclown, der auf einen roten Knopf drückt. Es war der Auftakt für Hunderte von politischen Cartoons, die Carrey seither auf Twitter postete – ein Zeitvertreib, der an Besessenheit grenze, wie ein Reporter des «New Yorker» im Juli 2018 mit leichtem Befremden nach einem Hausbesuch beim Schauspieler in Los Angeles schrieb.

Die Leere des Starkults

Carreys Cartoons sind grelle, schnell hingeworfene Grotesken: Art brut aus der Villa eines Hollywoodstars. Soll man das nun als Beschäftigungstherapie eines alternden Komikers abtun, dessen beste Rollen schon länger zurückliegen? Könnte man vielleicht, wenn man Carreys rasend komisches neues Buch nicht gelesen hat, das ob seines tagespolitischen Aktivismus auf Twitter und bei «Saturday Night Live» leider etwas untergeht. Auch der Verlag, bei dem nun die deutsche Ausgabe erscheint, setzt alles daran, dass das Buch möglichst abschreckend daherkommt. Anstelle der schillernden Unschärfe des englischen Originals musste natürlich der Star selbst in lustiger Pose aufs Cover, und vom doppelbödigen Titel «Memoirs and Misinformation» stehen auf Deutsch nun gross die «Memoiren» auf dem Umschlag, und darunter, in kleiner Schrift nur, die «Falschinformationen».

Das mit den Memoiren ist eine falsche Fährte: Stargeplauder gibts hier nirgends und Autobiografie höchstens als Zerrbild. Ausser wenn die Hauptfigur, ein Filmstar namens Jim Carrey, sich an seine frühesten Versuche als Komiker erinnert, wenn der kleine Knirps seine todkranke Mutter aufheitern wollte. Sonst ist das vor allem eine gnadenlose Hollywoodsatire, in der die Absurdität der Filmindustrie und die existenzielle Leere des Starkults die abgefahrensten Blüten treiben. Mit Dana Vachon, einem Exbanker, der mit einem Wall-Street-Roman als Autor debütiert hatte, hat Carrey offensichtlich auch die richtige Schreibkraft für seinen galoppierenden Irrwitz gefunden.

Mit Taylor Swift zum Mao-Kult

Das beginnt damit, dass Popstar Taylor Swift in der chinesischen Provinz Henan mit dem Zeh in einem Skelett stecken bleibt und merkt, dass sie auf einem Massengrab aus der Zeit der Kulturrevolution steht. Worauf der Drehbuchautor Charlie Kaufman, der auch dabei ist, unbedingt einen Film über Mao Zedong drehen will. Wer aber soll Mao spielen? Jim Carrey natürlich, wer sonst. Tyrannei und Starkult sind schliesslich durchaus verwandt, zumal der Roman ziemlich überzeugend darlegt, dass der chinesische Parteiführer eigentlich der Vater des modernen Kapitalismus sei.

Carrey sieht schon den langersehnten Oscar winken, aber dann wird der Berufsnarzisst doch wieder von den infantilen Seiten Hollywoods eingeholt – und statt Mao wartet nur eine Rolle in der Verfilmung eines Kinderspiels über hungrige Nilpferde. Das ist lange sehr komisch, bis es gegen Ende vollends in apokalyptischen Unfug entgleist. Stars wie Gwyneth Paltrow und Nicolas Cage treten als Karikaturen ihrer selbst auf, das Ganze ist schliesslich als Roman gekennzeichnet. Nur ein grinsender Actionstar darf «aus rechtlichen Gründen» nicht namentlich genannt werden und heisst deshalb nur «Laser Jack Lightning». Aber man kann sich mühelos zusammenreimen, wer gemeint ist: Tom Cruise.

«Memoiren und Falschinformationen» ist auf Deutsch beim Droemer-Verlag erschienen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch