Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Hat man die Kultur als Wirtschaftsfaktor vergessen?

Sandra Künzi wundert sich über die Prioritätenliste des Bundes, fühlt sich in Bern an Ischgl erinnert und möchte gerne von der Corona-Taskforce des Bundes eingeladen werden.

Von Silvia SüessMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Die wichtigere Frage ist doch: Welchen Wert hat Kultur im Unterschied zum Einzelkonsum?»

WOZ: Sandra Künzi, Sie sind Autorin, Musikerin und Performerin. Kann man aus Ihrer Sicht derzeit mit gutem Gewissen Leute an Veranstaltungen einladen?
Sandra Künzi: Nadja Zela hat dieses Wochenende ihre neue Platte, «Greetings to Andromeda. Requiem», im «El Lokal» in Zürich getauft. In ihrer Einladung schrieb sie: «Euch interessierten Fünfzig rät unsere Landesregierung allerdings dringlichst zuhause zu bleiben wegen der Ansteckungsgefahr. Bin ich vielleicht ein Arschloch, dass ich euch trotzdem einlade?» Aber nein, ich finde nicht. Kulturveranstaltungen sollen weiterhin stattfinden können – dort, wo es noch möglich ist.

Sie selber wohnen in Bern, da sind alle Kulturlokale geschlossen …
Am Freitagabend vor dem zweiten Kultur-Lockdown in Bern Ende Oktober hätte ich noch einen Gig gehabt. Wir hätten noch auftreten können, aber wir sagten ab, da der Raum relativ klein und nicht gut durchlüftet war. Das war sehr hart: Wenn du deinen Auftritt präventiv absagst, weil du denkst, es ist zu heikel. Trotzdem bin ich eigentlich dagegen, dass man gesamtschweizerisch einen Kultur-Lockdown verhängt, wie das am Samstag von der Science Task Force des Bundes empfohlen wurde. Handkehrum bedeutet die Botschaft «Bleiben Sie zu Hause!» eigentlich genau das.

Was sind Ihre Argumente gegen die Schliessung der Kulturbetriebe?
Eine Coronastrategie braucht Differenzierung – ausser man macht es à la Kurz in Österreich mit dem Holzhammer und verordnet einen totalen Lockdown. Aber wenn man einen Teil-Lockdown nach Prioritäten macht, darf die Differenzierung nicht nach Branche erfolgen, sondern es müssen andere Kriterien ausschlaggebend sein.

Welche?
Drinnen/draussen? Luftzufuhr? Raumgrösse? Aufenthaltsdauer? … Na ja, die Wissenschaft soll die Kriterien definieren. Aber anwenden soll man sie dann nicht nur auf die Kultur, sondern überall, auch auf die Läden und Restaurants. Es gibt sicher Gründe, dass man das im Moment nicht so macht – wahrscheinlich wäre es viel zu kompliziert. Aber ein direkter Austausch dazu mit der Kulturbranche ist dringend nötig.

Wie ist es für Sie als Kulturschaffende, dass sich in den Einkaufsmeilen die Menschen ballen, während Kulturhäuser schliessen müssen?
Für mich ist es schon seltsam, dass Läden und Restaurants offen sind und in Bern Glühwein-Chalets aufgebaut werden, während Theater oder Kinos schliessen müssen. Hallo, Ischgl? Wenn zuoberst auf der Prioritätenliste des Bundesrats Pflege, Bildung und Shopping stehen, dünkt mich das schwierig. Aus meiner Sicht müsste es heissen: Pflege, Bildung, Kultur.

Es wird immer wieder moniert, die Kultur sei als Wirtschaftsfaktor vom Bund vergessen gegangen. Teilen Sie diese Ansicht?
Ja, die Kultur ist auch ein Wirtschaftsfaktor, kein riesiger, aber auch kein kleiner. Doch die wichtigere Frage für mich ist: Welchen Wert hat Kultur im Unterschied zum Einzelkonsum? Kultur hat einen gesamtgesellschaftlichen Wert und Auftrag. Und das ist das Entscheidende. Daher müsste die Kultur aus meiner Sicht vor dem Privatkonsum stehen. Klar, hier beginnt eine heikle Diskussion: Ist ein Konzert von Gölä wertvoller als das Kleid einer Berner Designerin, das ich in deren Laden kaufen kann? Wir Linken und Kulturschaffenden gehen irgendwie automatisch davon aus, dass Kultur mehr wert ist als Kleider. Doch für manche Leute ist Shoppen vielleicht wichtiger, als ins Theater zu gehen. Und da stellt sich die Frage: Wie gewichtet man die unterschiedlichen Güter? Und vor allem: Wer darf sich anmassen, diese Güterabwägung vorzunehmen und für die gesamte Gesellschaft zu entscheiden?

Im Moment sind das der Bundesrat in Absprache mit der Corona-Taskforce und die Kantone.
Genau. Und ich hoffe, dass mich die Corona-Taskforce des Bundes zu einem Gespräch einlädt. Dieser direkte Dialog zwischen Wissenschaft, betroffenen Branchen sowie der Politik ist essenziell. Den braucht es jetzt dringend und regelmässig.

Die Aussichten in der Kulturbranche sind eher düster, oder wie sehen Sie die nähere Zukunft?
Solange es Menschen gibt, wird es auch Kultur geben. Die verschwindet ja nicht, nur weil Staaten Lockdowns verhängen. Als Präsidentin des Verbandes der Theaterschaffenden bemühe ich mich darum, dass Kulturschaffende, Veranstaltende, Technikerinnen und alle anderen, die in der Kulturbranche arbeiten, Unterstützung bekommen. Als Künstlerin finde ich: Wer, wenn nicht wir Kulturschaffenden, soll und kann jetzt einen kreativen Umgang mit der neuen Situation finden? Jetzt ist der Moment, um Neues zu denken, um neue Räume zu öffnen, um zusammenzusitzen und herauszufinden, wie wir unter diesen Bedingungen wieder ein Publikum erreichen. Es geht darum, kreative Lösungen im Grösseren zu finden. Wenn wir ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen hätten, könnten wir viel entspannter darüber nachdenken. Und für die Ämter wärs auch effizienter.

Sandra Künzi (51) ist Präsidentin von t. Theaterschaffende Schweiz und Mitglied der verbandsübergreifenden Taskforce Culture. Sie lebt mit ihrer Familie in Bern. Im Lockdown im Frühling musste sie etwa ein Dutzend eigene Veranstaltungen absagen.

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