Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Was fehlt, wenn das Körperliche wegfällt?

Sandra Künzi erklärt, warum die Kultur keinen Fernsehwettbewerb braucht und man die SRF-«Morgengeschichte» infrage stellen darf. Und sie denkt an den Frauenstreik zurück.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Mir fehlt die Sinnlichkeit, die ich an einem Livekonzert erlebe: der Geschmack, die Hitze, die Bewegung, die Lautstärke»: Sandra Künzi auf dem Bundesplatz in Bern.

WOZ: Sandra Künzi, vor kurzem schrieb die Sendung «Kulturplatz» einen Wettbewerb unter Kulturschaffenden aus: «Überraschen Sie uns und unser Publikum und gewinnen Sie einen Platz in unserer Sendung durch Ihre Eingabe.» Die Ausschreibung löste bei den Kulturschaffenden einen Shitstorm aus. Was lief da falsch?
Sandra Künzi: Grundsätzlich ist es gut, dass sich SRF bemüht, in dieser Krise den Kulturschaffenden einen Platz zu geben. Allerdings gehört das ganz klar auch zu seinem Auftrag – es ist nicht einfach nur nett. Wenn ich etwas gelernt habe in dieser Krise, dann ist es das: Wenn man jemandem helfen will, muss man als Erstes das Telefon in die Hand nehmen und die Betroffenen fragen, wie man helfen kann. Und das ist hier schiefgelaufen: Die Mitarbeitenden von SRF glaubten, die Bedürfnisse der Kulturbranche zu kennen. Was sind ihre Bedürfnisse? Die Kulturschaffenden brauchen Aufträge und keine Wettbewerbe! Sie brauchen Sendegefässe, für und über ihre Arbeiten. Aber gratis ein neues Projekt erarbeiten? Das ist entwürdigend. Ausserdem sind viele erschlagen. Sie können unter den aktuellen Umständen nicht innert weniger Tage einen originellen Wettbewerbsbeitrag für SRF hervorzaubern.

SRF verkündete auch, dass die Sendungen «52 beste Bücher» auf SRF 2 und die «Morgengeschichte» auf SRF 1 gestrichen würden. Fängt das Problem nicht hier an: Fixe Plattformen fallen weg, dafür werden neu Wettbewerbe geschaffen?
Ja, es ist schlimm, dass diese beiden Formate wegfallen. Sie sind die Letzten ihrer Art und für Autorinnen und Autoren sehr wichtig. Handkehrum: Wie lange gibt es die «Morgengeschichte» schon? Fünfzehn Jahre, dreissig Jahre? Da kann man ja schon mal was ändern. Es wäre doch sehr bünzlig, wenn wir Kulturschaffenden sagen: Wir haben seit dreissig Jahren unsere «Morgengeschichte» im SRF, und die wollen wir auch weiterhin haben. Die Frage ist einfach, ob es einen ebenbürtigen Ersatz geben wird. Bisher wurden offenbar nicht mal die zuständigen Redaktorinnen von SRF mit einbezogen … Ich empfehle dazu die Lektüre von Guy Krnetas Text «Requiem auf die Morgengeschichte» im «Kontertext» auf infosperber.ch.

Wie sieht es eigentlich mit der internationalen Solidarität unter Kulturschaffenden aus?
Wer mit Künstlerinnen und Künstlern aus anderen Ländern arbeitet, ist mit ihnen solidarisch – man hat ja auch gemeinsame Produktionen. Als unser Lesefest Aprillen ausfiel, bezahlten wir allen dieselbe Ausfallgage, egal woher die Autorinnen und Autoren kamen. Und das machen viele Veranstaltende so. Aber sicher: Man bemüht sich im Kleinen, und vielleicht ist es in der Krise logisch, dass man sich zuerst am Regionalen, am Lokalen orientiert.

Wie kann lokale Hilfe denn ganz konkret aussehen?
Im Frühling konnte ich für dreissig Mitarbeitende einer Internetbude eine Onlinelesung machen. Das KMU aus Thun hatte mich gebucht, weil der Chef fand, «euch geht es schlecht und wir können noch arbeiten, also unterstützen wir euch». Das fand ich super. Ich erhielt 400 Franken für dreissig Minuten Lesung. Es war speziell: Ich alleine in meinem Zimmer, und bei meinen Pointen hörte ich keine Lacher, dafür ploppten so Smileys und Explosionen auf dem Bildschirm auf. Aber klar, solche Formate gehen nicht für alle Sparten.

Im ersten Lockdown boten viele ihre Kunst gratis im Netz an. Sie auch?
Nein. Ich habe nichts dagegen, dass man Kunst im Netz macht, aber ich finde, es ist eine eigenständige Kunstform, die ich selber nicht beherrsche. Nur etwas abfilmen oder einfach so Trashfilmchen gratis ins Netz zu stellen, ist ja nicht per se Kunst. Mittlerweile hab ich auch die Schnauze voll von Flachbildschirmen. Ich kann sie nicht mehr sehen. Wir sind doch körperliche und sinnliche Wesen.

Was genau vermissen Sie, wenn das Körperliche wegfällt?
Mir fehlt die Sinnlichkeit, die ich an einem Livekonzert erlebe: der Geschmack, die Hitze, die Bewegung, die Lautstärke. Ich habe es gerne laut, ich tanze und schreie gerne. Aber es ist etwas unangenehm, alleine auf der Strasse herumzutanzen und herumzuschreien – und erst noch peinlich für meinen Sohn. Aber vielleicht kommt das in Zukunft draussen öfters vor, wenn man es sonst nicht mehr kann? Kürzlich in Delémont sangen vier Jugendliche auf der Strasse Arien. Laut, gut, mehrstimmig. Das war super.

Am Frauenstreik vor über einem Jahr gingen in der ganzen Schweiz Tausende von Frauen auf die Strasse. Sie moderierten den Anlass auf dem Bundesplatz, der voll dicht aneinandergedrängter Menschen war. Wie ist das, wenn sie heute daran zurückdenken?
Ich bin so froh, dass der Frauenstreik vor Corona war! Man hätte niemals, nicht mal mit den besten alternativen Konzepten, dieses Empowerment hervorbringen können wie durch diese 40 000 Körper auf dem Bundesplatz. Eine Zukunft, in der Kultur nur noch digital stattfindet ohne Körper? Das kann ich mir nicht vorstellen. Das will ich mir nicht vorstellen. Ich liebe die Schwerkraft. Auf und neben der Bühne.

Sandra Künzi (51) ist Juristin, Kulturschaffende, Kulturveranstaltende, Mitglied der verbandsübergreifenden Taskforce Culture und Präsidentin von t. Theaterschaffende Schweiz. Sie stellt sich jetzt auf einen langen Winterschlaf der Kulturschaffenden ein.

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