Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Was Menschen brauchen

Eltern lernten durch Remo Largo Gelassenheit, Vertrauen und Akzeptanz. Aufs Alter hin wurde der Kinderarzt und Entwicklungsforscher politischer, nicht nur in Bezug auf die Schulen.

Von Esther Banz

Remo Largos «Babyjahre» ist ein Langzeit-Bestseller. Am Umfang des Buches, das erstmals 1993 erschien, kann das nicht liegen. Es ist mit über 500 Seiten so dick und schwer, dass die Lektüre während des Stillens – eigentlich ein idealer Moment zum Lesen – immer etwas umständlich war. Das wissenschaftsbasierte Sachbuch erzeugt, obwohl maximal verständlich geschrieben, auch keinen Sog: Man legt es immer wieder weg. Das ist gewollt, denn es ist ein Begleitbuch – das beste, das man sich als unerfahrene Mutter und junger Vater wünschen kann. In seiner Nüchternheit sorgt es für Entlastung, Entkrampfung, Entschleunigung. Mit seiner zentralen Botschaft, «Jedes Kind ist einzigartig», und seinem Appell, man möge Kinder in dem Tempo sich entwickeln lassen, das ihnen entspricht, war Largo bis zu seinem Tod vergangene Woche eine der prägendsten anwaltschaftlichen Stimmen zunächst kleiner und später auch älterer Kinder und Jugendlicher.

Es ist vermutlich nicht übertrieben zu sagen, Remo Largo habe mit seinen Publikationen grossen Anteil daran gehabt, dass sich der Umgang Erwachsener mit Kindern insgesamt stark und nachhaltig veränderte – von einer oft strengen und bewertenden Erziehung hin zu einer, die die Beziehung ins Zentrum stellt und sich an den Ressourcen des Kindes orientiert, nicht an seinen Defiziten. Heidi Simoni, die das Zürcher Marie Meierhofer Institut für das Kind leitet, sagt: «Er sah in den Kindern stets Persönlichkeiten und vollwertige Mitmenschen, auch wenn sie erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen.»

Gras wachsen lassen

Der Kinderarzt und Vater dreier Töchter, der bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Kinderheilkunde an der Universität Zürich war, leitete am Kinderspital fast dreissig Jahre lang die Abteilung für Wachstum und Entwicklung. Er führte in dieser Zeit die Zürcher Longitudinalstudien über kindliche Entwicklung weiter, die 900 Menschen von der Geburt an begleiten – viele bis heute. Largo wurde oft mit der Formel «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht» zitiert – auch in Bezug auf die sogenannte Frühförderung. Da gab es begriffliche Unschärfen, und Largo wurde bisweilen auch missverstanden: Er war dezidiert gegen Bildungsambitionen beim Kleinkind (Stichwort «Frühchinesisch»), aber nicht gegen die Frühförderung im Sinne eines frühen Erkennens von Förderbedarf. Kinder sollten darin unterstützt werden, dereinst ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen zu können – die Longitudinalstudien dienten denn auch dem Ziel, Kinder mit Entwicklungs- und Verhaltensstörungen in ihrer Entwicklung besser unterstützen zu können.

Largo beeinflusste auch diejenigen, die seine Bücher nicht gelesen hatten. Dadurch, dass er während dreissig Jahren Eltern und Pädagoginnen prägte, drangen seine Erkenntnisse und Botschaften in die Gesellschaft ein – aber nicht tief genug. Die Entwicklung in den Schulen und darüber hinaus verlief nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. Seine Kritik an Lehrplänen, Notengebung und allem, was Menschen normiert, wurde mit zunehmendem Alter lauter. Er beobachtete mit Sorge, wie der Leistungsdruck in den Schulen nicht ab-, sondern zunahm, und wie Eltern sich abstrampeln in einer Gesellschaft und Ökonomie, die ihnen nicht guttun.

Grosser Systemwechsel

Im Alter wurde Largo, der nun viel Zeit hatte, sich auch jenseits von Pädiatrie und Pädagogik mit den Rahmenbedingungen menschlichen Daseins zu beschäftigen, zu einem Verfechter linker und grüner Ideen: Er vertiefte in «Das passende Leben» und in seinem letzten Buch, «Zusammen leben», seine Vorstellung, wonach die Menschen eine Umwelt brauchen, in der sie ihre Grundbedürfnisse befriedigen und ihre Individualität entfalten können. Mit der Umwelt meinte er nebst dem sozialen Umfeld auch die Natur. Es beunruhigte ihn, wie viele Kinder ohne Verbindung zur Natur aufwachsen – und wie Erwachsene die Natur zusehends ausbeuten und zerstören. Er schrieb über die Klimakatastrophe, den Artenverlust und über egomane Politiker, sodass manche ihn für verbittert hielten. Aber Largo blieb bis zum Schluss Optimist, so jedenfalls bezeichnete er sich selber. Er beschäftigte sich mit kindgerechten und überhaupt menschenfreundlichen Formen des Zusammenlebens, las Thomas Picketty, Noam Chomsky oder Richard Sennett und sprach sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen, gemeinschaftliche Wohnformen und verantwortungsvollen Handel mit dem Globalen Süden aus.

Es überrascht nicht, dass Largo sich in den letzten Monaten seines Lebens auch damit auseinandersetzte, was die aktuelle Pandemie für die Menschen bedeutet. Er wünschte sich einen grossen Systemwechsel und eine Solidarität, die nicht nur den Privilegierten ein selbstbestimmtes Leben erlaubt, sondern «gleichermassen für möglichst alle Lebewesen auf dieser Welt». Gerne hätte er dazu beigetragen, allen Menschen ein «passendes» Leben zu ermöglichen. Dafür war seines zu kurz. Er verstarb mit 76 Jahren in seinem Zuhause im sankt-gallischen Uetliburg.

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