Nr. 50/2021 vom 16.12.2021

Flickenteppich im Schulhausflur

In der fünften Welle werden die Schulen zu Pandemietreibern. Lehrer:innen sind am Limit, Eltern wütend. Und auch Epidemiolog:innen fordern eine Abkehr von der Durchseuchungsstrategie.

Von Sarah Schmalz und Lukas Tobler

Was die Mutter dreier Söhne in Basel besonders ärgert: Sie hat sich nur zwei Wochen vor dem Boostertermin mit dem Coronavirus infiziert. Überträger war ihr Sohn, der eine Primarschule besucht. Der Kanton testet die Kinder in den Schulen zwar regelmässig. Aber als sich ihr Sohn ansteckte, herrschte in seiner fünften Klasse noch keine Maskenpflicht. «Dazu kommt, dass man sich ohne jegliche Konsequenzen vom Testen befreien lassen kann», sagt die Mutter, die nicht mit Namen genannt werden möchte. Wie viele andere Kantone setzt Basel-Stadt auf Pooltests. Dabei werden die Speichelproben der Schulkinder gruppenweise analysiert. Ist ein Pool positiv, werden die entsprechenden Kinder einzeln nachgetestet. «Für Kinder, die von den Pooltests dispensiert sind, gilt das alles nicht. Sie gehen weiter zur Schule», sagt die Mutter. Der Sohn hatte kaum Symptome, sie selbst wurde trotz Impfung härter getroffen: «Ich lag mit Fieber, Kopfschmerzen und Geschmacksverlust eine Woche lang flach.»

Geschichten wie diese häufen sich: Seit Wochen breitet sich das Virus unter Kindern und Jugendlichen am stärksten aus – während der Trend bei den Jugendlichen diese Woche etwas abgeflacht ist, steigen die Zahlen bei den Null- bis Neunjährigen weiter. Die Durchseuchung der Minderjährigen ist Programm. Die Schulen stützen sich dabei auf die Empfehlung von Pädiatrie Schweiz. Die Kinderärzt:innenvereinigung betonte stets: Die Krankheitslast sei für Kinder nach einer Infektion gering. Und: Sie seien keine Treiber der Pandemie, weil «die wichtigste Transmissionsrichtung von jungen Erwachsenen zu Kindern führt und nicht umgekehrt».

«Annahme ohne jede Logik»

Bundesweite Massnahmen blieben so bislang chancenlos. Die Bestimmungen: ein unübersichtlicher Flickenteppich. Während einige Kantone wie Graubünden und Schaffhausen die Schulen früh zu regelmässigen Tests auf allen Stufen verpflichteten, sind solche in vielen Kantonen freiwillig und werden vielerorts nur in den oberen Klassen durchgeführt. Der Kanton St. Gallen schreibt sogar: «Repetitive Testungen an Schulen sind möglich, aber der Kanton empfiehlt sie nicht.»

Auch bei den Masken herrscht Unübersichtlichkeit: Während etwa Luzern seit kurzem eine Maskenpflicht für Schüler:innen ab der ersten Klasse kennt, gilt sie in anderen Kantonen – wie Appenzell Innerrhoden – erst ab der Oberstufe. Und dann ist da der Kanton Bern: Dessen SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg fiel im Herbst mit einem Vertuschungsversuch auf. Er klärte nicht über zahlreiche falschnegative Tests an einer Schule auf. Schnegg hält zudem am «Ausbruchstesten» fest, das im Kanton erst ab drei positiven (selbst getesteten) Schüler:innen in einer Klasse geschieht.

Dabei veröffentlichten bereits im Herbst namhafte Wissenschaftler:innen – darunter die Epidemiolog:innen Christian Althaus und Isabelle Eckerle – ein Papier, das die von den Kinderärzt:innen empfohlene Durchseuchungsstrategie scharf kritisiert. Die Annahme, dass die Virusübertragung in erster Linie von Erwachsenen zu Kindern geschehe, entbehre jeglicher Logik, schreiben die Wissenschaftler:innen. «Wenn dem so wäre, hätten die Ansteckungen bei Kindern parallel zur steigenden Impfrate bei Erwachsenen sinken müssen. Stattdessen stiegen sie an.» Sie verweisen zudem auf eine Erhebung aus Grossbritannien: «Diese zeigt, dass das Virus am häufigsten durch junge Menschen zwischen zwei und sechzehn Jahren in einen Haushalt getragen wird.»

Auch Edith Leibundgut von der Elternorganisation «Kinder schützen – jetzt!» sagt: «Pädiatrie Schweiz hat falsch informiert, mit fatalen Folgen für die ganze Gesellschaft.» «Kinder schützen – jetzt!» kämpft seit Monaten für «wissenschaftsbasierte» Coronamassnahmen an den Schulen. Die Situation sei prekär, kritisiert Leibundgut. Während die Ansteckungszahlen seit Wochen viel zu hoch seien und das Virus ungestört in den Schulen zirkuliere, arbeiteten Politik und Behörden viel zu langsam: «Das Boostern geht nicht voran, und auch die Impfung für Kinder von fünf bis elf Jahren kommt nicht rechtzeitig.» Diese wurde zwar kürzlich von der Heilmittelzulassungsbehörde Swissmedic zugelassen, wird aber erst ab Januar zur Verfügung stehen.

Leibundgut, die lange als Dozentin für Public Health arbeitete, sorgt sich nicht nur um die Gesundheit Erwachsener, denen nun vermehrt eine Ansteckung droht. Sie sagt: «Wir haben die Pflicht, die Kinder zu schützen. Gemäss dem Institut für Epidemiologie der Uni Zürich werden drei Prozent der Kinder nach einer Infektion an Long Covid leiden. Wenn sich das Virus so stark verbreitet, sind das bis zu 50 000 beeinträchtigte Kinder.» «Kinder schützen – jetzt!» fordert deshalb von den Kantonen, spätestens nach den Weihnachtsferien repetitive Tests in Kindergärten und Schulen einzuführen, «kombiniert mit einer vorläufigen Maskenpflicht, bis die Schulen Covid-frei sind». Weiter brauche es saubere Luft mittels Querlüften, CO2-Messgeräten und Luftfiltern.

Immer die gleichen Forderungen

Neben den Kindern sind vor allem auch Lehrpersonen, die in den meisten Kantonen nicht prioritär geimpft werden, von der Durchseuchungsstrategie betroffen. Etwa Vanessa Käser. Sie ist beim VPOD engagiert, Berufsschullehrerin im Kanton Bern und Mitglied der Schulkommission im Berner Schulkreis 1. Und sie ist besorgt. Schulleiter:innen würden vom Berner Testregime überbeansprucht; die Energie schwinde zunehmend. «Die sich ständig ändernde Situation verlangt dem Personal in Bildung und Betreuung viel ab», sagt sie. Seine Interessen würden dagegen kaum berücksichtigt. Die Lehrer:innen müssten einfach umsetzen, was ihnen von der Gesundheitsdirektion aufgetischt werde, ohne dafür externe Unterstützung zu erhalten, so Käser.

Käser ist mit ihrer Kritik nicht allein. Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), kritisiert die Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen scharf: «Sie müssen ständig improvisieren, wegen eines Ausfalls spontan plötzlich eine weitere Klasse übernehmen – oder sie werden krank», sagt sie. Vergangenen Mittwoch publizierte der LCH mit seinem Westschweizer Pendant eine Medienmitteilung, die schweizweite koordinierte Schutzmassnahmen fordert.

«Es sind eigentlich immer noch die gleichen Forderungen, die wir schon seit Monaten stellen», sagt Peterhans. Im Wesentlichen decken sie sich mit jenen von «Kinder schützen –jetzt!»: Reihentests, CO2-Messgeräte, Masken. Vor allem aber: eine einheitliche nationale Strategie. Genauso wie auf kantonaler Ebene würden auch auf nationaler Ebene die Interessen der Lehrpersonen kaum berücksichtigt, sagt Peterhans. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektor:innen zeige wenig Interesse an den Forderungen des LCH.

Dass der Bundesrat daran bald etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Zur Enttäuschung von Vanessa Käser. Von schweizweit verbindlichen Massnahmen würde sie sich vor allem mehr Planbarkeit erhoffen – «das wäre eine grosse Entlastung». Mit dem jetzigen Flickenteppich würden Lehrpersonen ausbrennen, ohne dass die Pandemie bewältigt werde. Der einzige Hoffnungsschimmer sind die Weihnachtsferien. Dem Kanton Bern kann es damit nicht schnell genug gehen: Dort wurden die Ferien um eine Woche vorverlegt. Peterhans sagt: «Die Schulen sollten wenn immer möglich offen bleiben.» Aber die Gesundheit der Kinder und Lehrpersonen habe Vorrang. «Zurzeit kann sie nicht mehr gewährleistet werden.»

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