Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Karma Police

Michelle Steinbeck begegnet einer Prophetin

Von Michelle Steinbeck

Zu den seltenen hedonistischen Freuden dieser Zeit gehört zum Glück noch der Flohmarktbesuch. Manchmal ist die Ausbeute nicht mehr als ein schmaler, scheinbar ungelesener Band, aber der hat es in sich. Der Verkäufer sieht mich blättern und sagt: «Kennst du sie?» Ich sage: «Ja, ihren ‹Hering an der Decke› lese und verschenke ich immer wieder.» Und er: «Aber kennst du auch ihren speziellen Abschied?» Hilde Ziegler, die Schauspielerin und Autorin, sei im tiefsten Winter mit einer Flasche Schnaps den Gempen hinaufgestapft und habe sich im Schnee eingegraben. Ein paar Tage später wurde sie dann gefunden. Ich drücke dem Verkäufer, der selber ein alter Schauspieler und Geschichtenerzähler ist, zwei Franken in die Hand und nehme das Büchlein. Wir sind Verlagskolleginnen, Hilde und ich, im Verlag, in dem mein erstes Buch erschien und der heuer sein Fünfzig-Jahr-Jubiläum feiert. Dieses Buch von ihr kenne ich noch nicht. Ich freue mich.

Stellt sich heraus, es sind ihre Kolumnen. Geschrieben für die «Basler Zeitung» in den neunziger Jahren, also etwa während ich laufen, reden, lesen, schreiben lernte. Scheinbar lange her. Die Texte sind erschreckend heutig. Hilde Ziegler schreibt über dieselben Dinge, über die auch heute geschrieben werden soll. Sie nimmt die Pharmaindustrie auseinander, engagiert sich gegen Tierversuche, Zoos und Fleischessen, beschreibt den laut werdenden Fremdenhass gegenüber Geflüchteten, legt sich mit SRF an. Sie schreibt über die kapitalistische Turbomaschine, über die verblödete, verfettete, ignorante Neben-uns-die-Sintflut-Wohlstandsgesellschaft, die schon da täglich das bescheuerte Mantra runterbetet, das die ständige Zerstörung von Mensch und Natur legitimieren soll, das wir gerade jetzt in diesem Abstimmungskampf noch aggressiver als sonst um die Ohren gehauen bekommen: KMU, KMU, Wirtschaftsstandort, Arbeitsplätze, Amen.

Sie schreibt auch über den Flohmarkt.

Sie schreibt über die Scheinheiligkeit dieses reichen Gartenzwerglandes, das sich friedliche Neutralität auf die Fahne schreibt und Milliarden macht im Geschäft mit Waffen. Diesen traurigen Staat, der auf diesen Milliarden brütet und sie nicht mal in einer Epidemie rausrückt für seine brotlosen Künstlerinnen und schuftenden Pfleger.

Hilde, die Prophetin: Sie schreibt sogar über die bundesrätlich verordnete Eigenverantwortlichkeit. «Wir brauchen viele Kranke, damit die Pharmaindustrie nicht zugrunde geht, wir brauchen viele Kriege, damit die Waffenfabriken nicht zugrunde gehen. Menschen dürfen zugrunde gehen. Das Geschäft nicht.»

Je mehr ich lese, desto weniger wundere ich mich, dass die Schweiz der schlimmste Seuchenherd der Welt ist. Wenn wir die aktuelle Abstimmung anschauen, wird es offensichtlich. Es ist Karma. Willst du, dass deine Pensionskasse weiterhin in Kriegsmaterial investiert – ja, nein? Willst du, dass Schweizer Firmen, die Menschen und oder ihre Lebensgrundlage kaputtmachen, dafür haftbar gemacht werden können – ja, nein? Willst du, dass die Schweiz die grösste Profiteurin von Leid auf der Welt bleibt – ja, nein?

Ja? Kein Problem: SRF glaubt auch nicht an die Karmawende und legte deshalb gleich einen ganzen Thementag zum brennenden Thema «Online sterben» ein. Da gibt es zum Beispiel einen erbaulichen Youtube-Link zum Walliser Jodelsegen, auch ein beliebter Schweizer Brauch.

Michelle Steinbeck ist Autorin.

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