Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Die Wiedergänger, die das Land verdient

Clipping nehmen sich auf ihrem neuen Album «Visions of Bodies Being Burned» den Rap als Spielwiese und gebrauchen den Horror als Metapher für die latente rassistische Bedrohung.

Von Alice Galizia

Zeitlose Ansagen: Daveed Diggs von Clipping. Foto: Mat Hayward

Hip-Hop dreht sich um Identität: um die eigene Positionierung in der Welt, um Abgrenzung und Zugehörigkeit. Das Erzählen aus der Ich-Perspektive, wie es die meisten RapperInnen tun, gibt ein Gefühl von Authentizität – da kann es zum Problem werden, wenn die eigene Geschichte brüchig wird. Wir wollen nicht wissen, dass Eminems Kindheit gar nicht so beschissen war, wie er uns immer glauben machen wollte.

Was tut man also, wenn man, wie Daveed Diggs, ein freundlicher, gut gelaunter Mann ist, aber wütende Musik machen möchte? Diggs, der Rapper der Gruppe Clipping, lässt es einfach, in der ersten Person zu rappen. Keine identitäre Angelegenheit also, das Projekt Clipping – es geht nicht um den Rapper, der sich ja auch keinen Künstlernamen zugelegt hat; es geht aber sehr wohl darum, Geschichten zu erzählen. Ursprünglich ein Noise-Projekt der Produzenten Jonathan Snipes und William Hutson, macht sich die Gruppe seit der Zusammenarbeit mit Diggs den Rap zur Spielwiese. Natürlich ist das konzeptverliebt, natürlich sind die drei ein bisschen besessen von der Ästhetik, mit der sie sich gerade beschäftigen. Aber es ist eben auch sehr gut, was sie da zusammenschustern aus Industrial, experimenteller Musik und Hip-Hop.

Brüchiges Land

Im Oktober nun ist «Visions of Bodies Being Burned» erschienen, der zweite Teil ihrer Horrorcore-Serie und ein Sequel zum letztjährigen «There Existed an Addiction to Blood». Es beginnt mit einem lauter werdenden Klopfen, das zu sagen scheint: Es gibt kein Entkommen. Aber wovor? Diggs wirft wütig Referenzen durcheinander, bezieht sich etwa auf die Geto Boys, die das Horrorcore-Genre im Hip-Hop prägten, oder den Horrorfilm «Candyman»: die Geschichte eines schwarzen Künstlers, der wegen seiner Beziehung mit einer weissen Frau umgebracht wird und als Wiedergänger Chicago in Angst und Schrecken versetzt. Über allem: Diggs’ Raspelstimme – er kann atemlos schnell rappen. Das Feature mit dem Noise-Rap-Duo Ho99o9 zeigt aber: Bei den beiden, die aus weniger privilegierten Verhältnissen kommen als die Mitglieder von Clipping, sitzt die Wut weit tiefer im Bauch. «Looking Like Meat» ist brachialer und gradliniger als die anderen Tracks auf dem Album.

Eine lustvolle ästhetische Auseinandersetzung ist das alles einerseits, andererseits wird der Horror auch als Metapher eingesetzt: Diese ermöglicht, von rassistischer Gewalt und Diskriminierung zu erzählen, ohne sich auf die Tagesaktualität beziehen zu müssen – die Anklage ist zeitlos, weil es der Rassismus auch ist. Da ist es eine willkommene Genugtuung, wenn in «Pain Everyday» die Geister der Opfer von Lynchmorden zurückkehren, um sich zu rächen. «Visions of Bodies Being Burned» zeichnet die USA als brüchiges, verängstigtes Land und passt auch deswegen genau in dieses furchtbar durcheinandergeratene Jahr.

Nichts zu hoffen

In der Woche, nachdem George Floyd von einem Polizisten ermordet worden war, war Diggs’ Mailbox voll – mit Nachrichten, die ihn aufforderten, sich dazu zu äussern. Das habe ihn frustriert, sagte Diggs gegenüber der «New York Times»; alles, was er dazu sagen könne, habe er die letzten fünfzehn Jahre immer wieder gesagt.

Er hat sich dann trotzdem dazu durchgerungen: «Chapter 319» erschien als einzelner Track zwischen den beiden Alben, explizit und wütend, auf dem Cover ein brennendes Polizeiauto. Es ist auch einer der wenigen Songs, in denen Diggs in der ersten Person erzählt. Die Zeile, in der er Donald Trump und seine WählerInnen als «White Supremacists» bezeichnet, bescherte der Band einen Hit auf der Videoplattform Tiktok.

Aber eigentlich braucht es dieses Explizieren nicht. Wirkungsvoller als die direkte Anklage ist an dieser Musik, wie sie ein ständiges Gefühl der Bedrohung heraufbeschwört – ein Gefühl, das Schwarze Menschen in den USA sehr real begleitet. «Nothing is Safe», nichts ist sicher, hiess der programmatische Track im ersten Teil, nichts zu hoffen, nichts, wofür man beten könnte.

Diese diffuse Angst: Daveed Diggs hat sie auch zum Thema seines ersten Films gemacht, bei dem er die Hauptrolle spielt und das Drehbuch mitgeschrieben hat. «Blindspotting» (2018) handelt von Collin, der auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird – und darum mehr denn je befürchten muss, dass nur irgendetwas Dummes passiert, das ihn wieder hinter Gitter bringt. Die Anspannung überträgt sich von Beginn weg auf die Zuschauerin, bis sie sich vor jedem Klopfen an der Tür, jeder unerwarteten Bewegung fürchtet. Der Film ist aber auch eine präzise (und ebenso lustige) Studie über die Gentrifizierung in Diggs’ Heimatstadt Oakland.

So richtig bekannt wurde Diggs übrigens weder mit Clipping noch mit «Blindspotting», sondern durch seine Rollen als Marquis de Lafayette sowie Thomas Jefferson im Musical «Hamilton», einem Stück über die Gründerväter der USA mit einem Cast aus lauter Schwarzen und Latinos. Es nervt fast ein wenig, wie talentiert er ist, dieser Daveed Diggs.

«Blindspotting». Regie: Carlos López Estrada. USA 2018.
Die Verfilmung von «Hamilton» läuft auf Disney+.

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