Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Zürcher PR-Profis in Stuttgart

Wie Laura Zimmermann, Kopräsidentin der Operation Libero, bei der Wahl des Oberbürgermeisters mitmischt.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Geht es nicht gerade um ein milliardenschweres Bahnhofsprojekt, ist die Stuttgarter Lokalpolitik eine eher unspektakuläre Angelegenheit. Das gilt allerdings gewiss nicht für den derzeit tobenden und fast schon operettenhafte Züge aufweisenden Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters. Im Mittelpunkt dabei: ein Jungpolitiker, den die Zeitung «Der Freitag» kürzlich zum «schwäbischen Macron» erklärte, die Zürcher PR-Agentur Rod sowie die mit dieser personell verbandelte Operation Libero.

Ökosoziales Bündnis scheitert

Was war passiert? Im ersten Wahlgang am 8. November hatte der konservative CDU-Politiker Frank Nopper mit knapp über dreissig Prozent den grössten Stimmenanteil gewonnen, während sich das Lager links der Mitte – nach bewährter Manier – in mehrere KandidatInnen aufgesplittert hatte. Anteil daran hatte auch der parteiunabhängige Bewerber Marian Schreier: Der Dreissigjährige ist eigentlich SPD-Mitglied, war aber gegen den Widerstand des sozialdemokratischen Ortsverbands angetreten. Schreier ist in Stuttgart aufgewachsen, seit 2015 residiert er jedoch als Bürgermeister in der viereinhalbtausend Seelen grossen Gemeinde Tengen unweit von Schaffhausen. Der Politiker war mit nur 25 Jahren in dieses Amt gewählt worden. Nun will Schreier zurück nach Stuttgart, um den aus dem Amt scheidenden grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn zu beerben.

Nach dem ersten Wahlgang hatten sich die drei aussichtsreichsten KandidatInnen links vom Konservativen Nopper zusammengesetzt, um ein ökosoziales Bündnis zu schmieden. Dieses scheiterte daran, dass Schreier, der am 8. November auf fünfzehn Prozent gekommen war, auf seiner Kandidatur beharrte – so berichteten es jedenfalls die Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle sowie Hannes Rockenbauch von der WählerInnenvereinigung Stuttgart ökologisch sozial.

Dann wurde es schmutzig: In den sozialen Netzwerken kursierte der Hinweis, dass Schreier in seinem Wahlkampf von der Zürcher Agentur Rod gemanagt und von den dort tätigen PR-Profis David Schärer und Laura Zimmermann, die zugleich Kopräsidentin der Operation Libero ist, persönlich betreut wird. Plötzlich fragte man sich also in Schwaben: Hat Schreier womöglich deshalb das Bündnis für die Stichwahl an diesem Sonntag platzen lassen, weil er durch schriftliche Zusagen an die Agentur gar keine Kompromisse eingehen konnte? Die WOZ hatte ja immerhin 2019 berichtet, dass die Operation Libero vor den Nationalratswahlen auf KandidatInnen zugegangen war und diesen Werbung im Wahlkampf zugesichert hatte, sofern diese sich im Gegenzug auf inhaltliche Positionen verpflichteten. Nun argwöhnten manche mit Verweis auf die damalige WOZ-Berichterstattung, dass dies im Falle von Schreiers Kandidatur fürs Stuttgarter Rathaus ähnlich gelaufen sein könnte.

«Karrieristensau»

Einen handfesten Nachweis dafür gibt es nicht. Allein aber die Rede von einer «Swiss Connection» liess manche rotsehen, was wohl bezeichnend ist für das Image, das die Schweiz weiter nördlich gemeinhin hat: Unbekannte demolierten Schreiers Auto und beschmierten es – sprachlich eher ungelenk – mit den Worten «Hau ab Karrierst Sau».

Fest steht: Die PR-Leute Schreiers verstehen ihr Handwerk. Am vergangenen Freitag veröffentlichte der Kandidat einen Videoclip, in dem er gegen ihn gerichtete Schmähnachrichten verliest («Bro, ich hab schon Grundschüler mit mehr Bartwuchs und weniger Lauchstatur gesehen») und kommentiert. So gewinnt man als polarisierende Figur Sympathiepunkte. Derweil griffen die UnterstützerInnen des Mitbewerbers Rockenbauch, der mit vierzig Jahren ebenfalls noch relativ jung ist, aber im Gegensatz zu Schreier ein klares links-grünes Profil aufweist, auf weniger ausgefeilte Kommunikationsstrategien. Sie veranstalteten einen kleinen Strassenzirkus in der Innenstadt. Dessen Motto: «Operation Lieber Rocky».

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