Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Die tiefere Satire

Die SRG-Ombudsstelle kritisiert die Sendung «Deville». Dabei wäre Ombudsfrau Esther Girsberger selbst ein Fall für diese Stelle.

Von Renato BeckMail an AutorIn

Esther Girsberger und Kurt Schöbi

Erst die Verleumdungskampagne gegen die Konzernverantwortungsinitiative mit üblen Videos, deren Spuren vor die Haustür des SVP-Werbebüros Goal führten. Dann die Intervention der Ombudsstelle der SRG gegen die Satiresendung «Deville», die die Konzernverantwortung ins Visier genommen hatte. Während im einen Fall ein schweres werberisches Vergehen vorliegt, wirkt der zweite Fall geradezu harmlos.

Zugegeben, ein überspannter Vergleich – genauso überspannt wie jener der beiden neuen SRG-Ombudsleute am Tag nach der Abstimmung über die Kovi, verglichen sie in ihrem Gastkommentar in der «Aargauer Zeitung» und andern Titeln von CH Media die SRF-Satiresendung doch mit der BBC, die sich «mit kriminellen Methoden» ein Interview mit Lady Di erschlichen haben soll.

Findige Anklage

Die Ombudsstelle der SRG wird seit April dieses Jahres von Esther Girsberger, frühere Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» und heutige Businessfrau, und dem Mediendozenten Kurt Schöbi geleitet. Sie folgen auf Roger Blum, der sich über viele Jahre zu Streitsachen geäussert hat. Auch zur Freiheit der Satire im Umfeld von Abstimmungen. Blum fand: Ein Satireverbot bei Abstimmungsthemen darf es nicht geben, und ausgewogen kann Satire nicht sein.

Um an diesem Urteil vorbeizukommen, werfen Girsberger und Schöbi «Deville» originellerweise vor, nicht einfach Unterhaltung fabriziert, sondern auch noch präzise Informationen geliefert zu haben. Denn Comedian Dominic Deville dröselt in seiner Sendung die leidige Entstehungsgeschichte der Kovi auf, bevor er lustig wird. Damit, so die findigen AnklägerInnen, falle die Sendung unter die strengen Bestimmungen zur Abstimmungsberichterstattung. Dominic Deville sagt dazu: «Dass jemand meine Art der Unterhaltung nicht schätzt, damit kann ich leben. Dass jedoch meine Art der Unterhaltung mit der ‹Tagesschau› verwechselt wird, weil meine Sendung anscheinend über einen zu grossen ‹Informationsgehalt› verfügt, lässt mich zweifeln. Habe ich meine Arbeit zu gut gemacht oder die ‹Tagesschau› ihre zu schlecht?»

Am Gastkommentar der Ombudsleute ist noch einiges mehr eigenartig. Erst einmal, dass er überhaupt geschrieben wurde. Dann das Timing: Er erschien, noch bevor die Ombudsstelle ihren Schlussbericht zur «Deville»-Sendung vom 22. November veröffentlichte. SRF gibt an, ihn erst am Dienstagabend erhalten zu haben, laut Schöbi wurde der Schlussbericht wie der Gastkommentar am Montag publiziert. Schliesslich die Wortwahl: Deville habe mit der Sendung «für Empörung gesorgt», habe eine «enorme Verärgerung provoziert». Dabei gab es bloss vierzehn Beanstandungen, angesichts der aufgeheizten Debatte rund um die Kovi eine läppische Zahl.

«Kenne ich nicht»

Wer so schreibt, will keinen Streitfall im Sinne einer Schlichtungsbehörde auslegen, der will die öffentliche Meinung formen. Wozu, das macht der Gastbeitrag ganz am Ende klar: Jetzt gelte es, die notwendigen zwanzig Unterschriften zu sammeln, damit die Unabhängige Beschwerdeinstanz UBI den Fall prüfen könne. Denn während die Ombudsstelle bloss Empfehlungen aussprechen kann, verpflichtet ein Urteil der UBI SRF dazu, Massnahmen zu treffen, «damit die Verletzung sich nicht wiederholt». Sie kann also das tun, wozu Girsberger und Schöbi die Hände gebunden sind: die Freiheit der Satire einschränken.

Der Branchendienst «Medienwoche» weist auf eine weitere Merkwürdigkeit hin. Der Einzige, der gegen die Kovi-Sendung Schlagzeilen produzierte, war ein Freisinniger namens Leroy Bächtold, der sich auf 20min.ch über die Satire ausweinte. Derselbe Leroy Bächtold ist Vorstand der Zürcher FDP, Kreis 7 / 8, in ebenjener Zürichberg-Sektion also, für die FDP-Mitglied Girsberger in der Schulpflege der Jugendmusikschule sitzt. Diese erklärt auf Anfrage: «Leroy Bächtold kenne ich nicht.»

Girsberger besitzt übrigens eine Firma, die SprecherInnen an Konzerne und Verbände wie Economiesuisse vermittelt. Einen Interessenkonflikt kann sie nicht erkennen, die Firma liege seit März brach, zudem seien 90 Prozent ihrer KundInnen KMUs. Ihre Kundin Economiesuisse verteidigt sie auch schon mal in ihrer Kolumne in der «Aargauer Zeitung». So verwoben, wie sie mit der Gegnerschaft der Kovi ist, müsste jede Ombudsstelle, die etwas auf sich hält, darüber einen Gastkommentar in den Titeln von CH Media verfassen.

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