Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Jeder Kanton anders, manche Kantone gar nicht

Weil die föderale Pandemiebekämpfung gescheitert ist, greift jetzt der Bundesrat wieder ein. Ob aber der Massnahmenmix der richtige ist und die verbliebenen Schutzkonzepte etwas taugen, ist unklar.

Von Renato BeckMail an Autor:in

Unantastbare nationale Heiligtümer: Skiorte. Foto: Jean-Christophe Bott, Keystone

Von Freitag an gelten in der gesamten Schweiz wieder einheitliche Regeln, wie die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen ist. Vorgesehen ist, dass Restaurants, Läden und Fitnesscenter um 19 Uhr schliessen. In Privathaushalten dürfen sich nur noch fünf Personen aus zwei Haushalten treffen, kulturelle Anlässe und öffentliche Veranstaltungen sind ganz verboten. Sollten die Fallzahlen trotz dieser Massnahmen nicht sinken, sind weitere Verschärfungen auf Weihnachten hin geplant. Gesundheitsminister Alain Berset war am Dienstag kurz davor, einzelne Kantone für ihr Missmanagement anzuprangern. Stattdessen lobte er dann jene Kantone, die harte Massnahmen verhängt haben. Dass der Bundesrat jedoch nur Stunden, nachdem etwa Zürich oder Baselland ihre neuen Strategien präsentierten, dazwischenging, spricht eine deutliche Sprache. Die Bekämpfung der Coronapandemie in der Schweiz ist zur Glaubenssache verkommen. Das Resultat davon: 19 von 26 Kantonen weisen laut den neusten Zahlen der ETH bedrohliche Reproduktionswerte von über 1 aus, was heisst, dass die Zahl der Angesteckten immer schneller steigt.

Der homöopathische Minimalweg

Schwer betroffene Kantone wie der Thurgau oder das Tessin griffen zur Homöopathie, kürzten die Öffnungszeiten der Restaurants und Bars um ein paar Stunden und hofften, dass ein kleiner Eingriff Grosses bewirkt. Der Coronahotspot St. Gallen vertraute noch Anfang der Woche auf die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft und wartete zu, obwohl nur das Tessin höhere Fallzahlen ausweist. Der Kanton Zürich sträubte sich lange gegen Eingriffe, dann wählte auch er den Minimalweg: Er verkürzt die Öffnungszeiten der Restaurants um eine Stunde und schliesst Casinos und Erotikbetriebe. Die Sonntagsverkäufe, die zuletzt Massenereignis waren, sollten bis Weihnachten erlaubt bleiben, danach aber nicht mehr. Auch diesem absurden Treiben will der Bundesrat ein Ende setzen. Und im Aargau tat sich bislang überhaupt nichts.

Die unterschiedlichen Herangehensweisen sind dem Föderalismus geschuldet, den Eitelkeiten und Budgets einzelner Regierungen, aber auch der Tatsache, dass nach bald einem Jahr Coronapandemie noch immer keine Gewissheit herrscht, welcher Massnahmenmix der effektivste ist. «Bei einem Massnahmenpaket ist es kaum möglich, die Wirkung einzelner Massnahmen zu messen und wissenschaftlich evident nachzuweisen», klagt die Gesundheitsdirektorenkonferenz der Kantone. Zwar verdichtete sich die Informationslage zum Virus in vielen Bereichen. «Wir haben seit Beginn der Pandemie sehr viele Erkenntnisse gewonnen, die uns bei der Eindämmung helfen», sagt etwa Brigitte Meier, Leiterin der Arbeitsgruppe Forschung im Bundesamt für Gesundheit. Wo es aber um die richtige Wahl der Massnahmen und um die wirkungsvollsten und verträglichsten Kombinationen geht, fehlt es nach wie vor an belastbaren Daten (vgl. «Ein einmaliger Massentest ist wenig sinnvoll»).

Niemand weiss, was funktioniert

In Basel-Stadt verhängten die Behörden am 23. November eine dreiwöchige Schliessung sämtlicher Restaurationsbetriebe, auch Turnhallen, Fitnesscenter und Bordelle mussten zusperren. Dabei beruft sich die Gesundheitsdirektion auf ein Papier der Science Task Force, einer Gruppe von WissenschaftlerInnen, die laufend Einschätzungen zur Pandemie und deren Eindämmung abgeben. Im Ende Oktober veröffentlichten Dokument betont die Task Force die Wichtigkeit von Aerosolen bei den Übertragungen und schält die Risiken heraus, die in vollen, kleinen, schlecht durchlüfteten Innenräumen stecken.

Kurz vor Ablauf der Basler Frist zeigen die Zahlen nun aber, dass die Wirkung des Mini-Lockdowns weitgehend verpufft ist: Die Ansteckungen sind nur minimal rückläufig, weshalb der Gastro-Lockdown um eine Woche verlängert wird. Woran das liegt, weiss niemand. Wichen die BaslerInnen in der Freizeit in die Nachbarkantone aus? Verschoben sie Feierlichkeiten ins Private? Um hier Klarheit zu schaffen, müsste die Bevölkerung zu ihrem Verhalten befragt werden. Zwar finanziert der Nationalfonds etwa eine grosse Studie, die klären will, wie gut die Leute auf Präventionsbemühungen ansprechen. Eine entscheidende Frage – geklärt wird sie aber erst 2022.

Noch schlechter ist die Forschungslage zu den Schutzkonzepten. Welche Massnahmen in der Praxis was leisten können, ist fast gänzlich unbekannt. Brigitte Meier vom BAG räumt ein: «Die verschiedenen Schutzkonzepte wurden meines Wissens bis jetzt noch nie wissenschaftlich begleitet.» Es gebe aber Forschungsprojekte, die all die Massnahmen untersuchen würden. Die Erkenntnisse werden für diese Pandemie zu spät kommen, könnten aber für die Zukunft wichtig sein. Gleichwohl erfolgte im Sommer unter Verweis auf deren Tauglichkeit die grosse Öffnung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Nun, wenige Monate später, kommt man vielerorts um erneute Schliessungen nicht herum. Nur in den Skiorten, die vom Bundesrat geschont werden, schwört man weiter auf Schutzkonzepte – jedenfalls bis in einigen Wochen auch deren Durchlässigkeit bewiesen sein dürfte.

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