Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

«Ein einmaliger Massentest ist wenig sinnvoll»

Barbara Nussbaumer-Streit wertet das weltweit verfügbare Wissen zur Eindämmung der Pandemie aus. Im Gespräch erklärt sie, warum es so schwierig ist, Aussagen zur Wirksamkeit einzelner Massnahmen zu treffen.

Interview: Franziska MeisterMail an AutorIn

Barbara Nussbaumer-Streit

WOZ: Frau Nussbaumer-Streit, die Skigebiete in den Nachbarländern machen bis in den Januar praktisch dicht – die Schweiz hingegen auferlegt dem Wintersport kaum Restriktionen. Wie gefährlich ist das?
Barbara Nussbaumer-Streit: Skifahren selbst ist als Einzelsport an der frischen Luft wenig problematisch für das Infektionsgeschehen. Was Sorgen macht, sind aber die Aktivitäten rund ums Skifahren wie das Anstellen beim Lift oder das Après-Ski. Es wird sich herausstellen, ob die Restriktionen in der Schweiz zu gering oder ob sie ausreichend sind. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es natürlich spannend zu beobachten, wenn das eine Land für den Skitourismus total zumacht, ein anderes hingegen offen bleibt.

Was würden Sie der Politik empfehlen?
Die wissenschaftliche Evidenz kann die Politik letztlich nur informieren. Im Fall des Skitourismus besteht die Gefahr, dass die Infektionszahlen wieder in die Höhe gehen und sich das Virus erneut über ganz Europa ausbreitet. Zumal das Ganze ja immer zeitverzögert ist: Wenn wir eine Veränderung der Infektionszahlen sehen, dann liegt der Auslöser dafür schon ein, zwei Wochen zurück. In der Zwischenzeit können die Zahlen sehr schnell steigen, weil das Wachstum exponentiell wird.

Viele Menschen zweifeln, ob sich all die Massnahmen zur Eindämmung des Virus wirklich rechtfertigen lassen. Was macht Sie zur Autorität in dieser Frage?
Das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane, bei dem ich mitarbeite, bereitet die Evidenz zu verschiedenen Gesundheitsfragen auf und verfasst dazu wissenschaftliche Berichte. Wir bündeln also das beste verfügbare Wissen zu einer Frage. Zu einigen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie wie Quarantäne, Screening oder Reisebeschränkungen liegen solche Berichte schon vor. Wenn wir die Wirksamkeit zu ermitteln suchen, schauen wir nach verschiedenen Dingen. Im Fall der Quarantänemassnahmen prüften wir zum Beispiel, welche Auswirkungen sie auf die Zahl der Infizierten hatten, auf die Übertragungsraten, auf die Todesfälle. Obwohl die Beweislage noch limitiert ist, zeigen alle Studien in die gleiche Richtung: Man kann die Anzahl Infektionen und auch die Anzahl Todesfälle reduzieren, wenn man Kontaktpersonen von Infizierten oder möglicherweise Infizierten schnell in Quarantäne schickt.

Aktuell führt Österreich Massentests im ganzen Land durch, um möglichst viele Infizierte zu finden und in Quarantäne zu schicken. Wie sinnvoll ist das?
Wenn ein Massentest nur einmal durchgeführt wird wie in der Slowakei, finde ich das wenig sinnvoll. Es lassen sich zwar Menschen herausfiltern, die das Virus weiterverbreitet hätten, weil sie keine Symptome zeigen. Gleichzeitig werden aber auch einige der infizierten Personen übersehen. Diese Leute schickt man dann mit einer falschen Sicherheit raus, und die Gefahr besteht, dass sie einen negativen Test als Freibrief betrachten, sich wieder so zu verhalten wie vor der Pandemie. Diese menschliche Komponente ist enorm schwer einzuschätzen. Ausserdem ist ein einmaliger Test nur eine Momentaufnahme und hat wenig Einfluss auf die Pandemie.

Massentests bringen also nichts?
Theoretisch könnten Massentests schon funktionieren. Laut einer Studie der Harvard-Universität müssten sie allerdings mindestens einmal in der Woche wiederholt werden. Denn so würde man auch die infizierten Menschen einfangen, die man beim ersten Test noch übersehen hat. Und alle, die beim ersten Test noch nicht infiziert waren, weil sie sich ein, zwei Tage danach angesteckt haben. Grossflächige Tests müssten wiederholt werden und zielgerichtet sein und zum Beispiel in Regionen mit steigenden Infektionszahlen oder beim Gesundheitspersonal respektive in Einrichtungen mit vielen Hochrisikopersonen eingesetzt werden.

Was wäre die effektivste Massnahme, um Neuansteckungen zu verhindern?
Die effektivste Massnahme gibts nicht – ganz einfach, weil die Massnahmen im Bündel immer besser funktionieren als einzeln. Quarantäne etwa braucht vorgelagert ein gutes Contact Tracing. Das hat man ja in vielen Ländern, darunter auch in Österreich und der Schweiz, feststellen müssen: Kaum waren die Fallzahlen zu hoch, brach das Contact Tracing zusammen. In der Theorie ist die Quarantäne natürlich eine effiziente Massnahme, bloss funktioniert sie nicht mehr, wenn man die Infizierten und ihre Kontakte gar nicht mehr identifizieren kann.

Gibt es ein bestimmtes Bündel an Massnahmen, das besonders effektiv ist?
Das ist leider schwer zu sagen – nicht zuletzt, weil die einzelnen Massnahmen stark miteinander interagieren. Schliesst man etwa die Schulen, schickt man ja nicht nur die Kinder nach Hause, sondern tendenziell auch die Eltern, die ihren Betreuungspflichten nachkommen müssen.

Gibt es aus der Perspektive eines Vergleichs Länder, die mit ihren Massnahmen besonders erfolgreich waren – und was können wir von ihnen lernen?
Ländervergleiche sind spannend, aber gleichzeitig auch schwierig, weil es viele Unterschiede zwischen den Ländern gibt. So unterscheiden sich beispielsweise die Mentalitäten der Menschen, die Lebensbedingungen oder die geografische Lage. Neuseeland zum Beispiel war extrem erfolgreich in der Bekämpfung der Pandemie – die haben schon sehr früh Massnahmen ergriffen und haben jetzt praktisch keine Neuansteckungen mehr. Aber Neuseeland ist eine Insel! So abschotten könnten wir uns mitten in Europa gar nicht.

Und was ist mit asiatischen Ländern wie Südkorea?
Die haben viel mehr Erfahrung mit der Bedrohung durch Pandemien, unter anderem mit Sars. Südkorea etwa hat schon Vorsichtsmassnahmen ergriffen, als das neuartige Virus an die WHO gemeldet wurde. Da hatten sie im eigenen Land noch gar keinen offiziellen Fall. Die waren ganz einfach schon vorbereitet. Bei uns in Europa ist die letzte Pandemie schon sehr lange her.

Wie kommen wir in Europa da weiter?
Um genauer beurteilen zu können, wie sinnvoll Massnahmen zur Eindämmung des Virus sind, wäre es extrem hilfreich, wenn jedes Land die Massnahmen, die es trifft, wissenschaftlich begleiten und evaluieren würde. Im Idealfall hat man natürlich bereits vorab einen Plan, welche Daten man sammeln will und wie man sie später auswertet. Denn die Pandemie wird mit den ersten Impfungen nicht einfach verschwinden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch