Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Sie machte den Afro zum politischen Statement

Wie wird ein Mensch zur Ikone? Ein Bildband zeigt dies am Beispiel der radikalen Schwarzen Bürgerrechtsaktivistin und Feministin Angela Davis. Sie selbst nutzt ihren Status lieber für andere Menschen.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

«Free Angela & All Political Prisoners»: Poster aus dem Jahr 1971. Lisbet Tellefsen Archive

«Wir müssen für Dein Leben kämpfen, als wär es unser eigenes – was es ja ist –, und mit unsern Körpern den Weg zur Gaskammer versperren. Denn wenn sie Dich am Morgen mitnehmen, werden sie in dieser Nacht für uns kommen.» Mit diesen Worten beschloss James Baldwin seinen offenen Brief, mit dem er am 19. November 1970 zur Befreiung von Angela Davis aufrief. Es sollte der Auftakt zu einer beispiellosen internationalen Bewegung werden: Drei Monate später zählte die Kampagne bereits 200 nationale und 67 internationale Komitees, im Oktober 1971 demonstrierten allein in Paris über 400 000 Menschen für die Freilassung der Schwarzen Bürgerrechtsaktivistin, Philosophin und Kommunistin.

Ein halbes Jahrhundert später hat das Thema nichts von seiner Aktualität verloren, wie der Bildband «Angela Davis. Seize the Time» deutlich macht: Aus «Free Angela Davis» wurde «Black Lives Matter». Im Fokus stehen die Jahre zwischen 1969 und 1974, die Angela Davis zur Ikone transformierten. Die einen verehrten sie als «Black Folk Hero», erkoren sie zur überlebensgrossen Symbolfigur der revolutionären Linken, die andern erklärten sie zur Staatsfeindin und brandmarkten sie als Kriminelle, Präsident Richard Nixon nannte sie gar eine «Terroristin».

Aneignen und umdeuten

Grund dafür war nicht allein ihre politische Überzeugung, sondern ihr aktives Engagement für die Black Panthers und politische Gefangene wie George Jackson. Im August 1970 versuchte dessen Bruder Jonathan, ein Protégé von Davis, George aus dem Gerichtssaal zu befreien – mit Waffen, die er bei Angela Davis zu Hause entwendet hatte. Davis tauchte unter und wurde vom FBI prompt auf die Liste der zehn meistgesuchten VerbrecherInnen gesetzt. Nach zwei Monaten auf der Flucht wurde sie schliesslich verhaftet und angeklagt. Dass sie das Gericht im Juni 1972 in allen Anklagepunkten freisprach, wäre ohne die «Free Angela Davis»-Bewegung wohl nicht möglich gewesen.

Die Bilder im Buch stammen mehrheitlich aus dem Privatarchiv der damaligen Aktivistin Lisbet Tellefsen aus Oakland. Sie hat über Jahrzehnte Material rund um die internationale Befreiungskampagne gesammelt: Poster, Flyer, Buttons, Briefe, Postkarten, Fotos, aber auch Fahndungsbilder und -plakate. Dabei steht weniger das Historische im Zentrum als die Frage, was politische Kunst ist und was sie ausmacht. Omnipräsent etwa ist das Ikonenbild von Angela Davis schlechthin: ihr Porträt mit bildfüllendem Afro, das die Frisur definitiv vom modischen zum politischen Statement transformierte. Es taucht in den verschiedensten Variationen auf, meist auf Plakaten, aber auch auf Buttons und T-Shirts, mal collagiert als Foto, mal gezeichnet, gemalt oder als Siebdruck, mal realistisch, mal verfremdet. Oft ist es kombiniert mit grafisch gestalteten Parolen und Schriftzügen, die teilweise mit ihrem Konterfei verschmelzen.

Ihnen gemeinsam ist ein Akt der subversiven Aneignung und Umdeutung von Angela Davis’ Konterfei. Die Originalbilder stammen entweder von Aufnahmen aus der Titelstory «The Making of a Fugitive» des Magazins «Life» oder von Fahndungsplakaten des FBI. «Sister: you are welcome here», heisst es dann etwa auf Plakaten, die im ganzen Land an Türen und Fenstern von Black Communities klebten, die der Aktivistin auf der Flucht Unterschlupf anboten.

Ausgewählte Werke junger KünstlerInnen schlagen die Brücke zu aktuellen Auseinandersetzungen mit politischer Kunst. So kombiniert Sadie Barnette in der Installation «My Father’s FBI Files» die grösstenteils schwarz eingefärbten Fichen ihres Vaters, der ein Mitglied der Black Panthers und mit Angela Davis befreundet war, mit Familienfotos und pinkem Graffitispray zu einer Serie von Collagen.

Die Fackel der Freiheit weiterreichen

Im Interview, das dem Buch angefügt ist, streicht Angela Davis die zentrale Rolle von Kunst für politische Bewegungen heraus: Kunst erreiche die Menschen auf einer ganz anderen Ebene, weil sie mit Imagination arbeite – «und wenn wir glauben, dass Revolution möglich ist, dann müssen wir uns auch verschiedene Seinsarten vorstellen können, verschiedene Gesellschaftsformen, verschiedene Formen sozialer Beziehungen». In ihrer Wahlheimat Oakland sieht Davis einen Ort, der eine andere Zukunft vorstellbar macht. Die Stadt ist ein historischer Hort des linken, antirassistischen Widerstands, der mit den Black Panthers in den sechziger und siebziger Jahren seinen Höhepunkt fand und sich bis heute fortsetzt.

Auch Davis ist bis heute als radikale Schwarze Feministin politisch aktiv, sie hat die Bewegung zur Abschaffung der Gefängnisse mitbegründet und geprägt. Als sie selbst 1972 aus dem Gefängnis freikam, reiste sie in die DDR, nach Frankreich und in andere Länder, aus denen sie grosse Unterstützung erfahren hatte, um sich bei den Menschen zu bedanken. «Freiheit bedeutet, wie Toni Morrison gesagt hat, für die Freiheit anderer zu kämpfen», sagt sie im Interview. «Allein kann man sich nicht frei fühlen.» Den kollektiven Kampf möchte sie heute aber nicht mehr in der ersten Reihe führen, lieber arbeitet sie mit jungen AktivistInnen zusammen. «Meine Rolle ist es jetzt, von ihnen zu lernen.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch