Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Frauen haben kein Östrogenmonopol

Das Stapferhaus widmet sich gern grossen Fragen: «Fake», «Heimat», «Geld» waren schon Thema. Bodenständig und doch radikal vielfältig behandelt die neuste Ausstellung das heiss umstrittene Thema «Geschlecht».

Von Aoife Rosenmeyer

Clever designter Parcours: Sind denn wenigstens die Geschlechtsorgane eindeutig? Foto: Anita Affentranger, Stapferhaus

Die Multimediapräsentation gleich zum Einstieg in die Lenzburger Ausstellung «Geschlecht» beginnt harmlos, doch sie hat es in sich. Das Geschlecht werde beim Menschen durch die X- und Y-Chromosomen definiert, wird da erklärt, durch die Hormone Östrogen und Testosteron und natürlich auch durch unsere – weiblichen und männlichen – Geschlechtsorgane. Frauen haben zwei X-Chromosomen in ihrer DNA, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Doch gibt es nicht auch XX-Männer und XY-Frauen?

Männer haben kein Testosteronmonopol, Frauen keins auf Östrogen. Männliche wie weibliche Geschlechtsorgane produzieren diese Hormone, aber auch unsere Gehirne und andere Organe, beeinflusst durch Alter, Umwelt und Lebenserfahrung. Sind denn wenigstens die Geschlechtsorgane eindeutig? Selbstverständlich nicht, werden wir aufgeklärt: Penisse, Vaginas, Hoden und Eierstöcke haben zwar denselben Ursprung, doch bereits bei der Geburt gibt es sie in zig Ausprägungen, Grössen und Kombinationen.

Bonbonfarbene Kapseln

Damit wir nicht gleich zu Beginn der Ausstellung von dieser – biologisch fundierten – Diversitätsfeier davongetragen werden, endet die Präsentation mit einer ernsten Note: Wir sind hier in der Schweiz. Unsere Geburtsurkunden und unsere Pässe lassen keine Grauzonen zu. Du bist entweder männlich oder weiblich. Darauf verweisen nachdrücklich auch die zwei Türen, die nun unerwartet aufspringen, die eine leuchtet pink, die andere blau. Man muss sich für eine entscheiden, um weiterzukommen – so wie wir auch beim Eintritt in die Welt in eine geschlechterspezifische Rolle hineinerzogen und -gelockt werden. Mit vorgefassten Normvorstellungen zu Kleidung, Verhalten und Spielvorlieben sind wir meist von Kindesbeinen an auf eine Geschlechterrolle konditioniert. Und egal, welchen Weg wir einschlagen: Er beschneidet uns.

Sind die AusstellungsbesucherInnen endlich aus den bonbonfarbenen Kapseln in die Hauptausstellung entkommen, empfängt sie ein Wandgemälde. Darauf erzählen Zahlen, Texte, Gesetze, Kleidungsstücke, Schlagzeilen, Sportanlässe und Konsumgüter die jahrtausendealte Geschichte von geschürten und unterwanderten Erwartungen. Klar wird: Es geht nicht um etablierte Normen, die mit der Zeit immer liberaler wurden, sondern um Fort- und Rückschritte, die stets politisch und gesellschaftlich begründet waren (Ja, Appenzell Innerrhoden, auch du kommst vor!). Geschlecht ist nicht einfach etwas Persönliches, sondern Handelsgut, Besitztum und Autoritätsträger. Auch die wissenschaftliche Aufklärung zum Thema ging insgesamt nur schleppend voran.

So erhellend dieses Kernstück der Ausstellung ist, stellt es doch nur einen Bruchteil der Wahrheit dar. Der clever designte Parcours von «Geschlecht» lädt vor allem auch zur Selbstbefragung und -betrachtung ein. Wortwörtlich: In einem Fotoautomaten werden wir aufgefordert, auf eine männliche Art zu posieren, dann auf eine weibliche. Während des Countdowns, bis das Foto geschossen wird, schlagen meine Gedanken Purzelbäume: Was sieht männlich oder weiblich aus? Will ich wirklich so posieren? Wie werde ich aussehen, wenn ich das mache? Werde ich mich noch wiedererkennen?

Biologie erlaubt Varianten

In einem weiteren Raum werden Geschlechterquoten in Sport, Politik, Haushalt oder Teilzeitarbeit illustriert, selbst Selbstmordraten sind nach Geschlecht aufgeschlüsselt. ExpertInnen erörtern die Einsichten, die diese Zahlen erlauben, aber auch deren Grenzen. Eine Statistik ist immer nur so komplex wie die Informationen, die in sie einfliessen, und das offensichtlichste Problem mit diesen Quotenstatistiken ist, dass eine binäre Aufteilung in männlich und weiblich schlicht nicht genügt.

Ein rationaler Kopf, der binär konditioniert ist, möchte auch intersexuelle und queere Realitäten sauber unterscheiden und einordnen. Die Ausstellung «Geschlecht» übertönt solche Sortierwünsche geschickt mit offenherzigen Testimonials und Interviews: «Als ich das verstand», erzählt etwa die intersexuelle Audrey Aegerter, «wurde mir bewusst, dass für viele Leute, insbesondere für die Medizin, ein intergeschlechtlicher Körper oder ein solches Kind, auch wenn es gesund ist und Teil der schönen und natürlichen Diversität, tatsächlich nichts wert ist.» Als Individuen leben wir in einer konstruierten Welt, die immer noch vorherrschend in weiblichen oder männlichen Kategorien denkt. Für manche ist das gut so, andere leiden darunter. Wirklich frei im Geschlecht aber ist unter diesen Bedingungen niemand, wie es in einem weiteren Interview heisst.

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was die alten und jungen Menschen in ihren Videotestimonials erzählen. Doch die wohlüberlegten Voten regen zum Nachdenken an – und auch zum Mitfühlen. Geschlecht ist nichts Gegebenes, Geschlecht ist etwas Gelebtes. Die Biologie erlaubt erstaunlich viele Varianten. Es ist die Gesellschaft, die reduziert und einengt. Mit dem Wissen, das die Ausstellung in Lenzburg vermittelt, aber auch in der Selbsterkenntnis, die sie ermöglicht, schafft sie etwas Rares: echte Aufklärung.

«Geschlecht» ist noch bis Ende Oktober 2021 im Stapferhaus Lenzburg zu sehen, der Begleitkatalog «Geschlecht – jetzt entdecken» ist bei NZZ Libro erschienen. www.stapferhaus.ch

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