Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Lustschmerz im Schwarzwald

In ihrem Debütroman erzählt Leona Stahlmann vom sexuellen Erwachen einer Masochistin. Doch «Der Defekt» ist auch eine subtile Zerstörung von Heimatgefühlen.

Von David Hunziker

Die seltsame Anziehungskraft von Wörten wie «Disziplin», «Strafe», «Unterwerfung»: Für Leona Stahlmann ist ihre sexuelle Identität eng verbunden mit Sprache. Foto: Simone Hawlisch

Auf einem Waldspaziergang kommt Mina an einem See vorbei, wo sie Vetko am Ufer stehen sieht und ihn unbemerkt beobachtet. Die angestrengten, abgehackten Bewegungen seiner Hände, er scheint etwas vor- und zurückzuschieben, werden von seinem Körper verdeckt. Die Umschreibungen lassen es vermuten, aber auch, dass Mina nicht versteht, was hier geschieht: Der junge Mann onaniert. Nach einem kurzen Wortwechsel rennt Mina weg, doch sie kommt auf ihren Spaziergängen immer wieder an diesen Ort zurück, und auch Vetko bleibt seinem Ritual treu.

Es gibt viele Sexszenen in «Der Defekt», dem ersten Roman der Hamburgerin Leona Stahlmann, aber um die körperliche Vereinigung geht es dabei kaum. Es ist auch kein erotisches Buch; vielleicht geht es nicht einmal um Liebe. Mina befürchtet, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist, weil die körperliche Liebe für sie untrennbar verbunden ist mit einem Verlangen nach Schmerz, Disziplin und Gewalt. «Du willst genau da hin, wo dein Wollen aufhört», erklärt Mina ihre Neigung einer Schulfreundin. Doch bevor sie sich dem zwei Jahre älteren Vetko, einem schlaksigen Sonderling und Aussenseiter, annähert, ist ihr Verlangen bloss eine diffuse Gewissheit.

Intensive Beschreibung

Bald macht Vetko ihr einen Vorschlag: «Füg dich!» In ihren Elternhäusern sammeln die beiden die Utensilien zusammen, die sie für ihr Spiel benötigen: Mutters Stopfnadeln, Bambusstäbe für Zuchtrosen, Wäscheklammern oder einen Seidenschal der Oma, der schon bald Minas «Zunge einschnürte bis fast in den Rachen», wodurch sie «sich selbst so köstlich und unerträglich fremd wurde». Zögerlich, aber gleichzeitig getrieben von ihrer Lust, gibt Mina sich immer kühneren Übungen hin, kniet mit verbundenen Augen nackt auf offenem Feld, schluckt eine ätzende Flüssigkeit. Nur spielerisch ist Vetkos Machtanspruch über sie nicht, doch in entscheidenden Momenten behauptet sie die Kontrolle über den Kontrollverlust.

Es gibt nicht viel Bewegung in dieser Geschichte, seinen Gehalt bezieht der Roman aus der intensiven Beschreibung. In opulenter Sprache, mit faszinierendem Reichtum an Begriffen und verschlungenen Sätzen, beschreibt Stahlmann das ambivalente Innenleben von Mina und ihre sinnlich überwältigende, aber auch ungemein bedrückende Umgebung: die patriarchale Dorfgemeinschaft mit ihrem schwelenden Gewaltpotenzial, den umliegenden Schwarzwald, wo es auch im Frühling finster und feucht ist, dampfende Töpfe mit urchigen Gerichten, überall knorriges Holz.

Das Buch liest sich wie ein Ringen der Sprache mit dem organischen Wildwuchs unter dem properen Antlitz einer ländlichen Kultur: vom Pflanzenreich über die Körperbehaarung bis zu den vererbten Zellen der Vorfahren, in deren Struktur Mina die Ursache ihrer Triebe, des vermeintlichen Defekts vermutet. In der Übermacht des Natürlichen zeigt sich die Verlorenheit von Mina, die keinen kulturellen Ausdruck für die Regungen ihres Körpers findet. Bei einer Recherche im Netz stösst sie auf gängige Bilder von BDSM-Sex: glänzendes Leder, gebräunte Körper, Hundemasken – und wendet sich erschrocken ab.

Kein Vanillasex

Die Autorin Leona Stahlmann spricht öffentlich über ihre eigene BDSM-Sexualität. Sie wehrt sich gegen die Verurteilung und Pathologisierung und argumentiert, dass es sich beim Sadomasochismus nicht bloss um eine Vorliebe, sondern um eine sexuelle Identität handelt. Im «Spiegel» schrieb Stahlmann vergangenes Jahr, BDSM sei für sie keine «Bereicherung des sexuellen Spektrums», sondern «eine Festlegung mit Ausschlusszwang für alles andere». «Meine Sexualität habe ich mir nicht ausgesucht. Sie hat viele Versuche von Partnerschaft mit sogenannten ‹Vanillas›, nicht BDSM-lern, scheitern lassen, sie ist nicht verhandelbar.»

Ihre sexuelle Identität ist für sie eng verbunden mit Sprache. Mit drei Jahren habe sie von ihrer Neigung gewusst, noch ohne Begriffe dafür zu haben, mit sieben habe sie angefangen, in einem Wörterbuch Begriffe zu umkreisen, die eine seltsame Anziehung auf sie hatten, ein «auratisches Leuchten»: «Disziplin», «Strafe», «Unterwerfung». Dass sie Schriftstellerin geworden ist, führt sie nicht zuletzt auf diese frühe Konfrontation mit Sprache zurück. «Der Defekt» ist auch ein Versuch, dem Sadomasochismus neue Bilder zu geben, jenseits von Stereotypen und moralischem Zwielicht.

Doch dieser Roman lässt sich nicht auf das identitätspolitische Anliegen seiner Autorin reduzieren. Die detailversessene Beschreibung organischer Strukturen, egal ob menschlicher oder nichtmenschlicher, könnte man als eine Form von Nature Writing lesen, die ohne romantische Sehnsucht auskommt. Auf jeden Fall ist «Der Defekt» auch ein Antiheimatroman, die deutsche Gemütlichkeit dieser Kuckucksuhr- und Sauerkrautwelt lässt einen erschaudern. Zu den besten Passagen gehören diejenigen, in denen die Ursprünglichkeit der dörflichen Welt gebrochen wird: wenn der Bürgermeister die aus Kalifornien importierten Mammutbäume auf dem Marktplatz einweiht oder wenn eine Aktivistin aus der Stadt, die für einen lokalen Nationalpark kämpft, die im Dorf ausgemisteten Haushaltsgegenstände bewundert, die Vetko für ein Mehrfaches des einstigen Werts verkauft. Hier sind wir an einem der Orte, wo vintage noch einfach alt ist.

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