Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Wir brauchen eine neue sexuelle Revolution

Fünf Thesen für utopischen Sex.

Von Andrea Roedig

1. Habt Sex wie die Schnecken: Die Geschlechtsrollen wechseln

Patricia Highsmith liebte Weinbergschnecken. Als Hobbyzoologin war sie fasziniert von deren langem und intensivem Liebesspiel, aber auch von der Art der Begattung, die in beide Richtungen geschieht. Denn Weinbergschnecken sind Zwitter, wie viele andere landlebende Schneckenarten auch. Die grausamen Krimis der Highsmith sind keine Modelle sexueller Befreiung, und die Autorin hat eine sehr böse Geschichte über die hypertrophierten Ergebnisse der Schneckenbegattung verfasst. Aber das Bild der Schnecke transportierte für sie auch das zugleich pervers und utopisch anmutende Versprechen, beiderlei Geschlecht zu tragen. In einer sexuellen Revolution gehe es nicht darum, «Männer» und «Frauen» als Geschlechter aufzulösen, sondern lediglich darum, die Geschlechtsrollen konsequent als Phantasmen der Lust anzusehen, die mit den realen Körpern nur bedingt etwas zu tun haben.

Eine sexuelle Revolution müsste gar nicht die Zweigeschlechtlichkeit abschaffen, sondern lediglich dafür sorgen, dass die Funktionen männlich/weiblich, aktiv/passiv, mächtig/ohnmächtig frei flottieren können und potenziell immer umkehrbar sind. Um die Egalität im Unterschied herzustellen, bedarf es radikaler sexueller Praktiken. Feminismus wird sich nur durchsetzen, wenn – schlicht gesagt – Frauen ihre Männer ficken. Wenn beide Geschlechter gleichermassen die Erfahrung machen, zu penetrieren und penetriert zu werden. (Die Auswirkung dieser einfachen körperpolitischen Massnahme auf Gender Equality wird enorm sein.)

2. Habt Sex wie die Pflanzen I: Entkoppelung sexueller und gesellschaftlicher Rollen

Noch etwas weiter als Highsmith geht der italienische Philosoph Emanuele Coccia, der pflanzliches Leben als das Muster unserer eigentlichen, wahren Seinsweise versteht. Sexualität ist hier die «erhabenste Form der Sensibilität» – und die ist immer eine Metamorphose. «Die Vernunft ist eine Blüte – alles, was rational ist, ist sexuell und alles, was sexuell ist, ist rational», schreibt Coccia. Es ist hier nicht der Ort, diese These zu untersuchen. Aber die Idee einer pflanzenhaften Menschlichkeit, die nichts weiter wäre als Sich-Ergiessen, Empfänglichkeit und Bereitschaft zur Transformation, ist bestechend.

Auch Pflanzen sind zwittrig. Erst wenn die Geschlechtsrollen rotieren, wird es möglich sein, die sexuelle, erotische Identität von der gesellschaftlichen Rolle eines Menschen zu trennen. Und das ist nötig. Im Jahr 2068 ist es reine Privatsache, ob jemand als Mann lebt oder als Frau. Das heisst nicht, dass wir den öffentlichen Raum ent-erotisieren, im Gegenteil. Doch die Geschlechterrollen haben nichts mehr zu tun mit der gesellschaftlichen Anerkennung und den damit einhergehenden Machtverhältnissen. Alle könnten alles sein. Im Wald sagt ja auch niemand: Schau, diese herrliche Mannbuche, diese wunderbar weibliche Eiche – der Wald ist geschlechtlich, aber es spielt keine Rolle für das, was wir am Wald lieben.

3. Habt Sex wie die Pflanzen II: Das Patriarchat muss weg

Das tiefste Problem am menschlichen Sex ist, dass er sich auf eine andere, einen anderen richtet, die oder der das Begehren vielleicht nicht erwidert. Hier ist der Bereich der grössten Verletzlichkeit. Natürlich, die Ablehnung, Zurückweisung eines Begehrens führt zu Scham oder Wut, zu Frustration und Aggression – aber: Es gibt kein Recht auf Sex.

Das heisst in erster Linie: Das Patriarchat muss weg. Die Höherbewertung der männlichen Lust, der männliche Anspruch auf Triebbefriedigung muss fallen, genauso wie die immer noch patriarchal-heteronormativen Bewertungsmassstäbe für das, was als attraktiv gilt und was Potenz sein soll. Equality! Wenn die sexuellen Rollen rotieren und wenn mit ihnen keine gesellschaftlichen Machtansprüche mehr einhergehen, dann wird Sex zu einem freien, schönen Spiel. Ohne Hohn, Häme und Spott. Ein Kompliment ist dann einfach nur ein Kompliment. Wie wäre es, in einer Welt zu leben, in der Sex – wie die Liebe – weder durch Geld noch durch Gewalt erzwungen werden kann?

4. Habt dann trotzdem Sex wie die Raubtiere: Grenzüberschreitung muss sein

Es geht nicht um braven Sex. Pflanzen können ziemlich brutal sein; sie sind hinterhältige Räuber. Volkmar Sigusch, der weise Sexualwissenschaftler, schreibt, dass «die Lust, die aus einer Perversion gezogen werden kann, einzigartig ist. Jene Erregung, die der sexuell Perverse erlebt, der seine Begierde relativ konfliktfrei in Aktionen umsetzt, ist für den Nichtperversen im Allgemeinen unerreichbar.» Sex, der überwältigend, also wunderbar sein soll, ist notwendigerweise Grenzüberschreitung; oft ist er auch Perversion dessen, was als das gilt, «wie es sein soll». Aus dem Verbot ziehen wir bislang die grösste Lust. Es gibt kein Recht auf Sex, aber es gibt ein Recht auf Begehren jeder Art. Die Erfüllung bleibt ein Wunsch, eine von Respekt getragene Bitte. Anders kann es nicht funktionieren. Dann aber öffnen sich alle Spielräume.

5. Habt Sex wie die Engel: Ars erotica als himmlischer Raum

Die Engel haben kein Geschlecht, sagt man. Wer weiss. Es geht darum, den Sex nicht vom Körper, aber von der «Natur» und ihren Gewaltsamkeiten zu befreien. Sex geht über Sex hinaus. Im Jahr 2068 leben wir vielleicht jene «ars erotica», von der auch Volkmar Sigusch träumt, und haben den destruktiven, unterm ökonomischen Joch verkrüppelten Trieb hinter uns gelassen. Sex ist jetzt mächtig, aber befreit von Macht; er ist mitunter gewaltsam, aber niemals gewalttätig. Er übt Schmerzhaftes nur als Zärtlichkeit aus. Er erlaubt, jedes Geschlecht leben und anbeten zu können, wie es gefällt. Phantasmatisch. Real. Er ist in seiner immensen Körperlichkeit nahezu geistig. Er hat wenig mit der Welt und der Gesellschaft da draussen zu tun. Er ist vollkommen privat, intim, und wirkt darin doch politisch, denn er macht uns zu besseren Menschen.

Was noch? «Guter Sex ist antimasturbatorisch», sagt meine Freundin. Das heisst, dass er gebietet, an die eigenen tiefsten Wünsche und Wunden nur über den Umweg des anderen zu rühren. Wie die zwittrigen Pflanzen und Schnecken, die beide Geschlechter tragen, aber sich niemals selbst begatten können.

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