Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Einer im Knast, einer im Schloss

Von Anna JikharevaMail an Autor:in

Eben noch verkündete er vor kitschiger Kremlkulisse am Moskauer Flughafen die Freude über seine Rückkehr, wenige Minuten später landete er in Polizeigewahrsam: Einmal mehr nahm das Schicksal des prominentesten russischen Oppositionellen Alexei Nawalny eine dramatische Wendung. Was dann passierte, war so kafkaesk wie vorhersehbar. Durch die Ausreise nach Deutschland nach dem Giftanschlag auf ihn habe er gegen Bewährungsauflagen verstossen, argumentierten die Behörden. Nach einem improvisierten Eilprozess steckten sie den 44-Jährigen für dreissig Tage in Haft. Demnächst soll ein Gericht entscheiden, ob Nawalny für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis muss.

Mit seiner sorgfältig inszenierten Rückkehr nach Russland hat der Kremlkritiker das Regime einmal mehr offen herausgefordert. Dass die Behörden den Flugverkehr über der Hauptstadt ins Chaos stürzten, nur damit Nawalny sich nicht im Applaus seiner AnhängerInnen sonnen kann, zeigt, wie sehr das Regime ihn zu fürchten scheint. Doch wer Angst hat, agiert oft irrational. Die Absicht hinter dem Giftanschlag verkehrte sich für das Regime ins Gegenteil: Nawalny wurde vom nationalen Oppositionellen zum weltweit bekannten Politstar.

Die eigentliche Bombe liess der Antikorruptionskämpfer dann aber am Dienstag platzen: Während er sich in Deutschland von seiner Vergiftung erholte, hatte sein Team akribisch recherchiert. In einem zweistündigen Video mit dem Titel «Ein Palast für Putin. Geschichte der grössten Bestechung» ist das luxuriöse Anwesen des Staatschefs an schönster Lage zu sehen. Demnach soll er sich für 1,1 Milliarden Euro ein ganzes «Königreich» am Schwarzen Meer gebaut haben: 39-mal grösser als das Fürstentum Monaco, mit einer Eishalle, Austernfarmen und eigenen Weinbergen.

Mit seiner Enthüllung bricht Nawalny einmal mehr ein Tabu. Denn Wladimir Putins Privatleben zu beleuchten, hat bisher kaum jemand gewagt. Wie gross die Unterstützung für Nawalny in Russland ist, wird sich in den kommenden Wochen weisen: Am Samstag wollen seine AnhängerInnen auf die Strasse gehen.

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