Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Der Trost der Groteske Warum in Seuchenfilmen so oft Zombies ihr Unwesen treiben. Und wie das unseren Blick fürs reale Geschehen prägt.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Es erschien wie eine unheimliche Übertragung. Als sei unsere Wirklichkeit vom Kino infiziert worden, redete der Gesundheitsminister plötzlich wie Laurence Fishburne im Film «Contagion». «Am besten schützen wir uns, indem wir Distanz halten. Keine Hände schütteln; zu Hause bleiben, wer krank ist; Hände waschen.» Wer hats gesagt, Alain Berset oder die Filmfigur?

Zu Beginn der Pandemie wurde Steven Soderberghs Seuchenthriller von 2011 für eine Weile zum Film der Stunde. Trockener Husten, so fängt es auch hier an. Noch bevor wir ein erstes Bild sehen, hören wir jemanden husten – und ganz zum Schluss des Films dann zeigt eine Montage ganz lapidar und ohne Worte, wie das Virus am Ursprung der Seuche von einer Fledermaus via einen Zwischenwirt auf die Menschen übergesprungen ist. Dazwischen nimmt «Contagion» teils bis ins Detail erstaunlich präzise die Mechanismen einer Pandemie vorweg, wie sie uns jetzt ereilt hat: von der ungebremsten Ausbreitung des Erregers auf den Verkehrswegen der globalisierten Welt über die behördlichen Versuche zur Eindämmung und Kontrolle bis hin zur Quarantäne, die den zwischenmenschlichen Alltag verkümmern lässt.

Soderberghs Film, so scheint es, hat das alles ziemlich genau kommen sehen. Trotzdem wäre es naiv, deswegen vom Kino als Prophezeiungsanstalt zu sprechen. Die so verblüffenden Übereinstimmungen in dieser spekulativen Fiktion ergeben sich aus den Szenarien und der Sprache der Epidemiologen, die der Drehbuchautor Scott Z. Burns bei seinen Recherchen konsultiert hat. Was «Contagion» filmisch auszeichnet, ist nicht etwa seine vermeintlich prophetische Kraft, sondern die Tatsache, dass die fundierte Recherche nicht irgendwelchen dramaturgischen Konventionen geopfert wird.

Zwar wird auch hier manches zugespitzt. Aber kaum eine Eskalation wirkt übermässig dramatisiert, es gibt auch keine heroischen Figuren im breit gefächerten Ensemble – selbst die von Kate Winslet gespielte Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörde erliegt irgendwann der Seuche, die sie eindämmen sollte. Und am Ende gibt es zwar einen Impfstoff, aber kaum einen Spannungsaufbau auf ein «packendes» Finale hin. Soderbergh inszeniert die Auswirkungen der Pandemie nicht mit starken Effekten, sondern so distanziert wie ein Labortechniker, der registriert, was bei seiner Versuchsanordnung überall vor sich geht.

«Contagion» ist ein nüchternes Planspiel, das sich als Thriller ausgibt. Als solches hat der Film auch die Angstfigur nicht nötig, die neuerdings in vielen Seuchenfilmen als monströse Verkörperung einer Infektion ihr Unwesen treibt: den Zombie.

Weder tot noch lebendig

«Viren führen uns ins Reich der Untoten», heisst es im Buch «Angesteckt» von Elisabeth Bronfen. Das ist nicht einfach als leichtfertig aus der Schauerliteratur geliehene Metapher zu verstehen. Es gehört ja gerade zur Natur von Viren, dass sie nun mal keine lebenden Organismen sind, aber eben auch mehr als bloss totes Material – ganz ähnlich wie Vampire oder Zombies. Bereits an der Gestalt des Vampirs, der in «Nosferatu» (1922) die Pest mit sich bringt, lässt sich dabei ablesen: Die Angst vor einer Ansteckung ist im Schauerkino oft ideologisch grundiert, als Angst vor fremden Körpern.

In der populären Folklore neuerer Seuchenfilme wurde der Vampir vom Zombie verdrängt, seit Danny Boyle in «28 Days Later» (2002) die zuvor träge Figur beschleunigt und zum rasenden Wirt einer hoch ansteckenden Krankheit vereindeutigt hat. Gerade im Abgleich mit einer realistischen Fiktion wie «Contagion» zeigt sich aber auch, worin die tröstliche Funktion des Grotesken besteht: Bei einer Zombieseuche sind die Infizierten unverkennbar monströs und darum in der Regel sofort als Krankheitsträger ersichtlich. Unsere diffuse Angst vor einem unsichtbaren, weil mikroskopisch kleinen Erreger wird also in einen sichtbaren Körper gebannt. Dagegen liegt der alltägliche Horror in «Contagion» – wie jetzt in der Wirklichkeit – immer auch darin, dass nicht ersichtlich ist, wer die Seuche weiterverbreitet und wer nicht.

Zu Beginn der Pandemie im Februar 2020 warf der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen in einem Essay für die «Zeit» die Frage auf, inwiefern solche populären Fiktionen aber auch unseren Blick auf den Ernstfall trüben. Um diese Trübung zu ergründen, sollte man sich den massenwirksamsten Seuchenthriller der letzten Jahrzehnte etwas genauer anschauen. Das war nicht etwa «Contagion», sondern die 200-Millionen-Dollar-Produktion eines Schweizer Regisseurs, der sich im Unterschied zu Steven Soderbergh nicht gross mit fundiert recherchierten Pandemieszenarien aufhält: «World War Z» von Marc Forster. Wenn niemand immun ist gegen Bilder, wie Franzen schrieb: Was heisst das dann für einen globalen Blockbuster wie «World War Z», der in Nullkommanichts eine virale Zombieapokalypse entfesselt? Was sind das für Bilder, die uns da infizieren? Wie trübt diese Fiktion unseren Blick für das reale Geschehen während der Pandemie?

Krieg gegen das Virus

Was bei «World War Z» zuallererst auffällt: Die Verwandlung von infizierten Menschen in blindwütige Zombies geht hier so rasend schnell vor sich, dass augenblicklich das Kriegsrecht ausgerufen wird – die Versuche zur Eindämmung der Seuche sind also von Anfang an militarisiert. In der Hauptrolle spielt Brad Pitt zwar pro forma einen früheren Mitarbeiter der Vereinten Nationen, der kurzerhand in den Aktivdienst zurückbeordert wird. Doch es ist klar, dass der Mann in erster Linie als soldatischer Körper mit Bürgerkriegserfahrung rekrutiert wird, nicht wegen seiner wissenschaftlichen Expertise. Um dies zu verdeutlichen, liefert der Film schon früh auch die zynische Pointe dazu: Die Suche nach dem Ursprung der Seuche hat gerade erst begonnen, da findet der blitzgescheite junge Virologe an der Seite unseres Helden bereits einen slapstickhaften Unfalltod – weil er mit der Waffe in der Hand ausrutscht, erschiesst er sich versehentlich selbst. Merke: Wo Kriegsrecht gilt, ist Forschung zunächst mal hinfällig. Und was brauchts noch einen Virologen, wenn Brad Pitt die Sache in die Hand nimmt?

In der politischen Rhetorik zur Coronapandemie war ja schon früh vom «Krieg gegen das Virus» die Rede. Die Bilder, die eine solche Kriegsmetapher unweigerlich aufruft, sind vorgespurt von Filmen wie «World War Z». Bei Marc Forster reicht die Sprache des Kriegs bis ins Forschungslabor, wo sein Film zu einem erstaunlich leisen Finale findet – ohne Wissenschaft scheint es eben doch nicht zu gehen. Weil unser Held auf seiner Reise erkannt hat, dass die rasenden Zombies nur auf gesunde Menschen losgehen, spritzt er sich hier einen Erreger, der ihn für die Infizierten unsichtbar macht. Anstelle eines Impfstoffs gibts also nur Camouflage, wie bei einem militärischen Manöver.

Dabei verbirgt sich hier sogar eine humanistische Pointe in diesem sonst nicht eben feinnervigen Film: Der Mensch muss nicht gesünder und stärker sein als die Infizierten. Er muss sich im Gegenteil selber krank machen, ein bisschen werden wie sie – damit sie ihn als ihresgleichen wahrnehmen, nicht mehr als Beute. Zumindest dies könnte man vom fast schon zärtlichen Ende von «World War Z» lernen: Menschlichkeit fängt dort an, wo der kranke Körper nicht mehr als das monströse Andere gilt, das entsorgt werden muss.

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