Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

Ausweglos in der Grauzone

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Unmöglich, an das Draussen zu denken, ohne eine Infektion zu befürchten.» Nein, das ist kein Covid-Roman aus dem Lockdown. Die Figur, die hier berichtet, ist zwar auch eingeschlossen, aber der schroffe Betonturm, in dem die Erzählerin mit ihren Eltern irgendwo im 5969. Stock ihr Dasein fristet, scheint nicht von dieser Welt. Ein gigantischer totalitärer Klotz, «Totalbeton» eben. So heisst dieser so schmale wie grandios erdrückende Roman der Kanadierin Karoline Georges.

Dystopien in der Literatur sind ja regelrecht inflationär geworden. Aber im Vergleich zur kalten Hölle, die Karoline Georges hier entwirft, wirkt so manche dystopische Vision wie der reinste Ponyhof. Alles an diesem allmächtigen Betonkomplex ist so ausweglos, dass selbst der Gedanke an eine Flucht nicht auf Befreiung abzielt, sondern höchstens auf eine beschleunigte Zersetzung: «Bloss nicht das Gebäude verlassen.» Draussen? Gibt es schon, aber da stapeln sich nur die Ausgestossenen. Wer drin ist, hat keinen Namen, nur eine Nummer, das Kind bleibt sowieso namenlos: «Wir werden du dazu sagen, das reicht», hatte der Vater verfügt. Zu essen gibts Rationen von undefiniertem Nährmittel, selbst die Droge ist absolut trostlos: Was der Vater in sich hineinschüttet, um sich zu betäuben, heisst einfach «Abstumpfungsmittel». Zumindest etwas wie Schule gibt es, der Kopf wird dazu in einen «Lernkubus» eingespannt.

«Die Endlosschleife meiner Zukunft sah für mich aus wie ein Würgeknoten», heisst es an anderer Stelle. Man kann diesen Roman als abstrakte Allegorie über Missbrauch lesen, aber das würde ihm nicht gerecht. In seiner Reduktion ist «Totalbeton» näher bei Samuel Beckett als etwa bei Margaret Atwood, der unbedingte Wille zum Drastischen droht manchmal zu kippen, in ein Potpourri aus dystopischen Superlativen.

Doch zugleich ist das ein ungeheuer sinnlicher Text, konkret bis an die Schmerzgrenze. Karoline Georges verdichtet die Klaustrophobie aufs Äusserste, bis unsere Vorstellungskraft förmlich an der Sprache zerschellt.

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