Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Der Hipster schwitzt, die Bürgerwehr schiesst

Haarscharf über die Gegenwart hinaus: In zwei neuen Romanen wird Deutschlands Hauptstadt zur Bühne für dystopische Visionen – einmal neofaschistisch, einmal neoliberal.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wann es gekippt ist in Berlin? Angefangen hat es bei geschmolzenem Käse nach Walliser Art. Sie hatten sich übers Netz gefunden, später traf man sich zu einer geselligen Racletterunde: So erinnert sich Charlotte, eine der Figuren in Laura Lichtblaus Roman «Schwarzpulver», an die Anfänge der Bürgerwehr, für die sie jetzt, mehr schlecht als recht im Schnellverfahren ausgebildet, auf den Dächern über Berlin patrouilliert – als Präzisionsschützin, die jeden Aufruhr im Keim ersticken soll.

Deutschland steht auf der Schwelle zu einem faschistischen Staat, aber das erfährt man hier zunächst nur nebenbei, aus beiläufig gestreuten Hinweisen. Und ganz neu sind die strammen Normen ja auch wieder nicht, für Burschi zumindest nicht: Ihr ist vieles davon bestens vertraut aus dem Dorf in Bayern, wo sie herkommt – zum Beispiel der brutale Spott gegenüber denen, die in ihrem Geschlecht oder mit ihrem Begehren nicht der Regel entsprechen. Daheim im Dorf wusste man seit jeher ganz genau, was der sogenannten Volksgesundheit förderlich ist und vor allem, was nicht. In Berlin verliebt sich Burschi jetzt in die widerspenstige Johanna, deren Hals beim Küssen nach Schwarzpulver riecht. Ein «ungefähres Wesen» ist sie, diese Johanna, und irgendwann verschwindet sie buchstäblich im Untergrund.

Verhör auf dem Sitzsack

Etwas im Ungefähren bleibt auch das politische Klima in diesem kalten neuen Berlin. Da gibt es zwar Charlotte mit ihrer bewaffneten Bürgerwehr, und bei dem Label, wo ihr Sohn ein Praktikum macht und wo RapperInnen mit lustig zeitgeistigen Namen wie Sozialdilemma oder Pseudoluchs verkehren, geht auch schon eine Aufpasserin vom «Amt für Staatsmoral» ein und aus. Doch als Burschi später einmal zum Verhör vor einer Kommission des «Ministeriums für Volksgesundheit» erscheinen soll, findet die Befragung zwischen gläsernen Wänden und auf bunten Sitzsäcken statt, als wärs ein Bewerbungsgespräch bei Google oder irgendeinem kreativen Start-up.

Es ist also keine scharf umrissene totalitäre Vision, was Laura Lichtblau in ihrem Romandebüt entwirft – der neue Faschismus, der sich in «Schwarzpulver» abzeichnet, schillert in einem postmodernen Biedermeier. So ist auch die Scharfschützin Charlotte, alleinerziehende Mutter mit Alkoholproblem und als unverschämte Opportunistin vielleicht die interessanteste der vier Hauptfiguren in diesem Buch, nicht etwa aus politischer Überzeugung zur bewaffneten Parteigängerin geworden, sondern aus einer Art existenziellen Leere heraus, als ihr Keramikladen mal nicht mehr lief. Das Dystopische steht hier nicht im Vordergrund, es bildet eher das Grundrauschen für eine Liebe, die sich gegen die neuen Verhältnisse auflehnt – in einer eigenwilligen, ungemein plastischen Sprache, die spielend jeden Gegensatz zwischen dem Landschaftlichen und der Grossstadt überwindet.

Ganz anders «Oval», der erste Roman der US-Kunstkritikerin Elvia Wilk, in dem Berlin ebenfalls als dystopisches Testgelände dient. Die Hauptstadt ist ja auch der Ort, wo die stadtplanerische Zukunft laufend verschoben und zugleich die Vergangenheit wiederbelebt wird. Da ist einerseits der neue Berliner Flughafen, der zum milliardenteuren Running Gag geriet, bevor er endlich doch noch eröffnet werden konnte. Und andererseits der restaurative Geist beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses, wo die Stadt ihre Zukunft im Vergangenen sucht.

Unkraut in der Wohnung

Vor diesem Hintergrund ist es schon mal eine schöne Pointe, dass Elvia Wilk in ihrem Roman eine andere städtebauliche Vision von 2009 wahr macht, die allerdings nie umgesetzt wurde: die Idee des Architekten Jakob Tigges, auf dem Tempelhofer Feld den grössten künstlichen Berg der Welt anzulegen. Auf diesem Berg wohnt in «Oval» nun das Hipsterpärchen Anja und Louis in einer ökologischen Pioniersiedlung. Doch das Klima im Haus ist chronisch gestört, es ist immer zu heiss und zu feucht, irgendwann spriesst überall Unkraut, als wäre die Wohnung selber ein wuchernder Organismus.

Mit der Verpflichtung zu absoluter Nachhaltigkeit samt Zero-Waste-Prinzip ist das auch so eine Sache. Das Recyclingsystem der Ökosiedlung ist jedenfalls schnell einmal überlastet von dem Abfall, der tagtäglich anfällt. Ein Konstruktionsfehler, oder ist der Mensch das Problem? Anja und Louis jedenfalls behelfen sich damit, dass sie ihren Müll nun einfach den Berg hinuntertragen, um ihn dann heimlich in den öffentlichen Abfalleimern zu entsorgen. Schummeln sie also? Nein, findet Louis, der immer auf alles eine smarte Antwort weiss. Sie täten doch nur, was von ihnen verlangt werde: Sie verleihen der Nachhaltigkeit ein sauberes Image.

Und unten in der Stadt? Dort sind im kreativen Umfeld von Anja und Louis alle irgendwie als Consultants tätig, ganz egal, ob sie nun etwas zu beraten wissen oder auch nicht. Louis sowieso, der ausgebildete Künstler: Bei der gemeinnützigen Firma, die ihn gleich nach dem Kunststudium angeworben hatte, soll er durch seine schiere Anwesenheit den unternehmerischen Geist wachhalten. Aber auch seine Freundin Anja wird schon bald von ihrem Job als Labortechnikerin gefeuert – bloss, um beim gleichen Konzern umgehend zum «Knowledge Manager» befördert zu werden. Was das genau sein soll? Weiss niemand so genau.

Droge gegen Ungleichheit

Anja ist durch ihre Privilegien so sehr «immunisiert», wie sie selber bemerkt, dass man sie in ihren existenziellen Krisen nicht so recht ernst nehmen mag. Auch sonst ist «Oval» in den Figuren manchmal etwas geschwätzig, samt stilgerecht nervigem Partygeplauder der Hipstergemeinde – alles hoch reflektiert abgedichtet in dieser Kreativblase. Aber wie Elvia Wilk in ihrem Buch die unheiligen Allianzen und Wechselwirkungen zwischen neoliberalem Denken und dem kreativen Imperativ der Kunstszene aufs Korn nimmt, ist absolut bestechend und oft abgrundtief komisch. Und man lernt auch so einiges in diesem Roman: etwa über Philanthropie als treibende Kraft beim neoliberalen Rückbau der öffentlichen Dienste oder über Non-Profit-Organisationen als Tochtergesellschaften des Profits.

Und damit ist noch gar nichts gesagt über die ovale Designerdroge, mit der Louis dann allen Ernstes das Problem der Ungleichheit auf der Welt lösen will: Wer diese Pille schluckt, wird nämlich von einer Welle der Grosszügigkeit erfasst. Aber wie Anjas Freundin hellsichtig kommentiert: Mit dieser Pille werde nur die Moral privatisiert, ohne dass wir dabei die Realität neu denken müssten. Und Anja merkts dann selber: Die vermeintliche Umverteilungsdroge ist auch nur ein leeres High fürs Ego, «der White-Savior-Komplex in Pillenform».

Der Klimakollaps in den eigenen vier Wänden, kreatives Consulting als Businessscharade, eine Designerdroge für eine gerechtere Welt: «Oval» ist die umfassende dystopische Satire, die unsere Zeit verdient. Eine sarkastischere Analyse unserer neoliberalen Kultur als diesen Roman wird man so schnell nicht finden.

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