Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Von Schnecken und blinden Flecken

Drei Bände zum Jubiläum versammeln Texte von Frauen vieler Schichten und Generationen. Nicht alle Autorinnen sind sich der Kämpfe bewusst, die ihren Erfolg möglich gemacht haben.

Von Alice Galizia

«Ich bin damals als ‹die Frau› in den Bundesrat gewählt worden. Meine Kollegen waren total verwirrt: Ist die jetzt so, weil sie ‹die Frau› ist oder weil sie die Welsche ist oder weil sie die Jüdin ist?» Ruth Dreifuss im Rückblick auf ihre Wahl in den Bundesrat 1993; Illustration: Katharina Reidy, Coboi

Feminismus ist nichts für Ungeduldige. Kein Wunder, ist die Schnecke ein beliebtes Symbol der Frauenbewegung, schon 1928 an einem Umzug durch die Strassen gezogen mit der Aufschrift «Fortschritte des Frauenstimmrechts in der Schweiz» – da liessen die Männer noch lange auf sich warten, bis zum 7. Februar 1971. Diesen Sonntag ist das genau fünfzig Jahre her.

Fünfzig Jahre, das ist sehr wenig im Hinblick auf die Tatsache, dass die Schweiz einer Mehrheit ihrer Bevölkerung erst damals das Recht gab, politisch mitzubestimmen. Aber es sind doch auch fünfzig Jahre, in denen sich einiges verändert hat, angestossen durch eine erstaunlich hartnäckige Frauenbewegung. Im Sammelband «Jeder Frau ihre Stimme» erzählen die Historikerinnen Elisabeth Joris, Anja Suter, Fabienne Amlinger, Leena Schmitter und Angelika Hardegger in Schritten von je einem Jahrzehnt von Frauen, Gruppierungen und Parteien, die diese Jahre geprägt haben. Jedes Kapitel ist mit einem Bildteil und einem Porträt ergänzt. Es ist eine Geschichte vieler Endlichs und Ersts und Beweis auch dafür, wie rückständig, träge und konservativ dieses Land sein kann.

Bewegung in Schnipseln

«Jeder Frau ihre Stimme» ist aber zum Glück kein Jammerbuch, sondern richtet den Blick auf die Frauenbewegung in ihrer ganzen Vielfalt, schaut in die Parlamente, die Kultur, die Wissenschaften, nimmt erfreulicherweise auch ein wenig Theorie mit. Gleichzeitig bleibt man den Konfliktlinien auf der Spur, die sich durch die Bewegungsgeschichte ziehen, wie etwa der vor allem seit den Achtzigern lauter werdende Vorwurf von Frauen mit Migrationsgeschichte gegenüber weissen Mittelschichtsfeministinnen, ihren Kampf nur für sich selbst (und ihre Karriere) zu führen. Schliesslich ist auch die radikalste Feministin nicht vor blinden Flecken sicher.

Doch nicht nur die Frage nach dem Wie, sondern auch danach, wo die Kämpfe geführt werden, begleitet die Bewegung seit ihren Anfängen: Strasse oder Parlament, Autonomie oder Institution? Oder beides, aber wie? Im Band finden militante Aktionen Platz, Frauendiscos, Punk und Riot Grrrls, die Einrichtung von autonomen Frauenhäusern und unabhängigen Beratungsstellen, aber auch die Kämpfe der Gewerkschaften und der lange Weg in die Parlamente und bis zur ersten Bundesrätin. Umso eindrücklicher wirkt vor diesem Hintergrund, wie sich all diese Schnipsel 2019 gemeinsam zum Frauenstreik zusammenschlossen – gerade auch wenn man bedenkt, wie leise die feministische Bewegung Anfang der nuller Jahre geworden war.

Geschichten über Grossmütter

Dass Frauen vor 1971 nicht nur nicht wählen und abstimmen durften, sondern eine heute kaum vorstellbare Geringschätzung erfuhren: Das kann die Literatur eindringlicher vermitteln als jede noch so sorgfältige Analyse. Die Sammlung «Gruss aus der Küche», ebenfalls zum Fünfzig-Jahr-Jubiläum erschienen, ist ein hübsches Lesebuch mit 31 Texten zum Frauenstimmrecht; kein systematischer Zugang also, sondern viele persönliche Stimmen.

Die stärksten Geschichten sind jene einiger Autorinnen über ihre Grossmütter: Frauen, deren Vermögen noch vom Ehemann verwaltet wurde und über deren Möglichkeit, zu arbeiten, auch er entschied. Frauen, die eben manchmal «hinhalten» sollten zur ehelichen Pflicht. Frauen, deren Ansichten, Träume und Wünsche keinen interessierten und die trotzdem den Haushalt auf Trab hielten. Ihren Schmerz vermitteln etwa die Texte der Schriftstellerin Angelika Waldis oder der Satirikerin Patti Basler so präzise, dass einem ganz anders wird. Diese zeigen, was es für diese Frauen bedeutet haben muss, als ihnen endlich zugestanden wurde, am politischen Leben teilzuhaben.

Ein breiteres Spektrum an politischen Positionen will ein dritter Band zum Thema auftun. In «50 Jahre Frauenstimmrecht» schreibt etwa die Verteidigungsministerin Viola Amherd fürchterlich trocken von den vielfältigen Möglichkeiten, die ein Einsatz in der Armee Frauen biete. Es sei schliesslich «nicht nur in der Wirtschaft so, dass gemischte Teams bessere Leistungen erbringen!». Die Unternehmerin Bea Knecht, Gründerin der Streamingplattform Zattoo, verbreitet derweil gänzlich unbeschwert einen kruden «Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst»-Mythos, es brauche einfach «etwas Vorbereitung und Durchhaltewillen». Dass zu einer solchen Vorbereitung Geld nötig ist und zum Durchhaltewillen ein entsprechendes Umfeld, das fällt bei ihr dann eben unter den Tisch.

Neoliberal abgerutscht

Es ist sicher ein Verdienst des Buches, Frauen unterschiedlicher politischer Couleur zusammenzubringen – neben naheliegenderen Figuren der Schweizer Frauengeschichte wie Elisabeth Kopp (erste Bundesrätin) oder Margrith Bigler-Eggenberger (erste Bundesrichterin) kommen etwa auch die Moderatorin und Unternehmerin Christa Rigozzi oder die Mäzenin und Verlegergattin Ellen Ringier zu Wort. Das führt aber auch dazu, dass der Band stellenweise etwas gar neoliberal abrutscht – als wäre die Sache gegessen, wenn nur eines Tages alle Unternehmen von Frauen geführt würden. Gerade Frauen, die nicht einer (weissen) Mittelschicht angehören, können nicht einfach «mutig voran stehen» oder «bestehende Unternehmens-Kulturen verstehen oder auffrischen» (Bea Knecht), weil ihnen der Zugang zu diesen strukturell versperrt bleibt. Schade, dass diese Konflikte, von den Historikerinnen in «Jeder Frau ihre Stimme» so gründlich herausgearbeitet, hier nicht kritisch beleuchtet werden.

Ein schönes Detail noch: In «Jeder Frau ihre Stimme» werden die Kurzbiografien der Autorinnen mit denen ihrer Mütter ergänzt. Daran kann man sehen, wie sehr sich die Gesellschaft in den letzten fünfzig, hundert Jahren verändert hat – aber auch, was gleich geblieben ist.

Meine Mutter gab mir, als ich von zu Hause auszog, ein altes T-Shirt von sich mit. Es stammt aus ihren Zeiten als Aktivistin Ende der Siebziger, ist schwarz mit einem weissen Siebdruck von Mona Lisa, die aus ihrem Rahmen steigt. Darunter steht: «Lass die Frau raus.» Es ist ein ewiger Kampf.

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