Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

«Ein Feminismus für sich selbst»

Während sie zu Hause noch nicht mal abstimmen durften, suchten manche Schweizerinnen ihr Glück in den Kolonien. Das habe sie nicht unbedingt zu Revolutionärinnen gemacht, sagt die simbabwisch-amerikanische Historikerin Ruramisai Charumbira.

Interview: Raphael AlbisserMail an Autor:in

«Die Einführung des Frauenstimmrechts ist kein Experiment und kein Wagnis mehr. Wir sind ja in dieser Sache wahrhaftig nicht vorangestürmt, und das Fehlen des Frauenstimmrechts ist geradezu zum weltweiten Kuriosum geworden.» Kurt Bächtold, FDP, zur Eröffnung der Parlamentsdebatte über das Frauenstimmrecht 1970; Illustration: Katharina Reidy, Coboi

WOZ: Frau Charumbira, Sie forschen zu Schweizerinnen, die einst ins südliche Afrika reisten, um als Ärztinnen zu arbeiten. Was hat diese Frauen dazu bewegt?
Ruramisai Charumbira: Die Medizin war in der Schweiz lange eine Männerdomäne. Auch wenn die medizinischen Fakultäten mehr Frauen aufnahmen als die meisten anderen Wissenschaften, waren die Hürden hoch. Und selbst mit einem Abschluss waren die Karrierechancen für Frauen schlecht. Die Reise ins südliche Afrika bot einen Ausweg.

In Ihrem Artikel im Sammelband «Colonial Switzerland» von 2015 zeichnen Sie den Weg der Ostschweizerin Bertha Hardegger nach, die 1936 nach Südafrika ging. Ist sie ein typisches Beispiel?
Zumindest nicht biografisch: Hardegger war Katholikin, und sie begann ihr Medizinstudium an der Universität Basel bereits mit zwanzig. Bei vielen anderen Frauen stellte ich fest: Sie machten ihre höhere Ausbildung spät und aus eigener Kraft, weil dies von ihren Familien nicht so vorgesehen war. Hardegger führte nach ihrem Studium sogar kurz die Praxis ihres verstorbenen Vaters – aber nur, bis ihr Bruder seinen Abschluss gemacht hatte und übernehmen konnte. Sie besuchte dann in Würzburg eine Art Tropeninstitut, in dem sich Katholikinnen für das Leben in den Kolonien ausbilden und vorbereiten lassen konnten. Mit 33 ging sie nach Südafrika.

Auch dort traf sie aber auf hohe Hürden. Das Land befand sich in einer Art Zwischenphase, es war noch nicht lange unabhängig von Grossbritannien und war auf dem Weg zum Apartheidstaat.
Ja, und weil kurz zuvor entschieden worden war, dass für die Arbeitszulassung ein britischer Universitätsabschluss erforderlich war, durfte sie lange nicht arbeiten. Die Briten hatten eine soziale Hierarchie etabliert, in der Konzepte von Nationalitäten, Ethnizitäten und Race auf komplexe Weise verschachtelt waren. Auch das Geschlecht und die soziale Klasse spielten eine Rolle. Es gab jede Menge Lokalpolitik. Schlussendlich durfte Hardegger im abgelegenen Lesotho arbeiten.

Historikerin Ruramisai Charumbira

Lesotho war noch immer britisches Protektorat, das der südafrikanischen Wirtschaft als eine Art Reservoir für billige Arbeitskraft diente. Bertha Hardegger blieb dort drei Jahrzehnte lang und baute mehrere Missionskrankenhäuser auf.
Als verheiratete Frau hätte sie ihre Rolle einnehmen und möglichst viele Kinder haben müssen, um den weissen Bevölkerungsanteil zu vergrössern. Als unverheiratete Ärztin wurde Hardegger stattdessen zur angesehenen Persönlichkeit, sie kam weit herum und genoss einen gewissen Schutz. Eigentlich hätte sie also das Potenzial gehabt, revolutionär zu sein. Weil sie aber eine bestimmte Grundhaltung gegenüber der Schwarzen Bevölkerung entwickelte, hatte sie keinen transformativen Einfluss auf die Kolonie.

Welche Grundhaltung?
Aus ihren Tagebüchern geht hervor, dass sie sich zwar als eine Art «bessere Kolonialistin» fühlte, weil sie die Schwarze Bevölkerung medizinisch behandelte, während diese der Kolonialregierung ziemlich egal war. Aber sie hat sich eben auch dem kolonialen Projekt verschrieben, das darin bestand, Schwarze Menschen zu «zivilisieren». Das heisst: Sie sah die koloniale Ausbeutungslogik nicht, die hinter der Armut der Menschen in Lesotho steckte, und stellte auch keine Verknüpfung mit der eigenen patriarchalen Unterdrückung in der Schweiz her. Das zu tun, hätte die Afrikaner zu Menschen gemacht – und die ganze Zivilisierungsidee basiert ja darauf, dass sie genau das nicht sind.

Wieso hat sie diese Grundhaltung entwickelt?
Zum einen war in ihrem Missionskrankenhaus ein französisch-kanadischer Erzbischof, der sich forsch gegen den Rassismus der Kolonialregierung auflehnte und dann rausgeworfen wurde. Das könnte ihre Ambitionen gedrosselt haben. Zum anderen musste sie für ihren eigenen Status kämpfen, um als Schweizerin von den Briten akzeptiert zu werden. Allerdings scheint sie mir ohnehin keine Person gewesen zu sein, die wir heute als eine Linke bezeichnen würden.

Wie viele Lebensgeschichten von Schweizerinnen im südlichen Afrika haben Sie eigentlich bereits untersucht?
Derzeit habe ich eine Sammlung von etwa zwanzig Frauen. Als Historikerin musst du deine Forschung eingrenzen, sonst verbringst du ein ganzes Leben damit, und dein Buch wird trotzdem nie fertig. Mein Fokus liegt vor allem deshalb auf Medizinerinnen, weil sie am meisten in den Archiven auftauchen. Zu ihnen gibt es besonders umfassendes Quellenmaterial, manche haben selbst viel gesammelt.

Erkennen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Biografien?
Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, aber es gibt durchaus Aspekte, die sie verbinden. Viele waren ambitioniert, machten ihre höhere Ausbildung gegen gesellschaftliche und familiäre Widerstände. Interessant ist auch, dass es Begegnungen mit britischen Touristinnen in der Schweiz waren, die bei manchen einen entscheidenden Einfluss hatten. Diese Britinnen waren teils selbst in den Kolonien gewesen, und die Schweizerinnen realisierten: Wenn du gebildet und qualifiziert bist, öffnet dies Türen für dich, wenn auch nicht in der Schweiz.

Haben sich die Frauen explizit mit dem Patriarchat in der Schweiz auseinandergesetzt? Nennen sie es ausdrücklich als Grund für den Weggang?
Nun, sie taten das nicht sehr explizit. Aus Bertha Hardeggers Tagebuch ging etwa nicht hervor, dass sie reflektierte, wie viel emanzipierter sie in Lesotho leben konnte als in der Schweiz. Was ich wahrnehme, ist stattdessen eine Art Feminismus für sich selbst. Warum ich das wichtig finde: Auch wenn sie sich selbst auf einem persönlichen Level etwa gegenüber ihrer Familie emanzipierten, war die Arbeit, die sie im südlichen Afrika machten, nicht sehr emanzipatorisch für andere. Sie haben etwa kaum versucht, Schwarze Frauen zu ermutigen, ebenfalls Ärztinnen zu werden. Vielmehr scheinen sie sich gesagt zu haben: Ich erkämpfe mir meinen Platz und niste mich dort ein.

Es geht um eine individuelle Ermächtigung.
Ja. Gegenüber jenen Menschen, denen sie «helfen» sollten, blieb es eben genau dabei: beim «Helfen». Zumindest in meinem Verständnis müsstest du tiefe strukturelle Veränderungen anstreben, wenn du wirklich Emanzipatorisches erreichen willst. Es ist aber auch nachvollziehbar, dass die Schweizerinnen im südlichen Afrika vor allem ihre eigene Position zu wahren versuchten – denn wären sie als Revolutionäre aufgefallen, hätte es wohl rasch geheissen: Warum packst du nicht deine Sachen und gehst wieder zurück in die Schweiz?

Sie mussten ihren Status laufend verteidigen?
Ja, aber nicht nur die Frauen. Das hängt mit der Situation der Schweiz zusammen: Sie besass keine eigenen Kolonien, aber die Schweizer fügten sich ein ins koloniale Projekt. Und es gelang ihnen, als Weisse klassifiziert zu werden – also weit oben in der rassistischen Farbpyramide mit ihren vielen Schattierungen.

Und das ist auch bei den Schweizerinnen so?
Ja, überspitzt könnte man sagen: Race gewann gegen Gender. Für sie war es wichtiger, weiss und nordeuropäisch zu sein, als sich als unterdrückte Frau zu sehen. Durch den Weggang aus der Schweiz haben sie ihren sozialen Status verbessert. Es ist eigentlich andersherum als bei mir.

Wie meinen Sie das?
Es war sehr interessant für mich, in der Schweiz anzukommen. Wenn du aus der «Dritten Welt» kommst, dann behandeln dich die Leute zunächst als Nobody, bis sie zum Beispiel deinen akademischen Titel kennen.

Auch wenn es bei diesen Frauen andersherum war als bei Ihnen: Empfinden Sie Empathie für sie?
Ich will es so sagen: Hier in der Schweiz fühlt es sich für mich an, als würde sich ein Kreis schliessen. Vieles leuchtet mir jetzt ein. Ich habe schon lange in Europa gelebt: Europa in Afrika, Europa in Kanada, Europa in den USA. Aber jetzt im eigentlichen Europa verstehe ich endlich, warum die Schweizerinnen, zu denen ich forsche, so angespannt waren. Denn die Schweiz ist nicht nur ein Ort mit limitierten natürlichen Ressourcen, sondern hatte historisch gesehen auch eine limitierte Weltsicht in Bezug auf die Rechte von Frauen, Ausländerinnen und Ausländern. Ich glaube, meine Empathie gegenüber den Frauen wurde deshalb grösser, seit ich hier bin.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch