Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Jäger wie Opfer sind Beute der Gewalt

Kämpfen oder trauern? Elsa Dorlins rasante Geschichte der Kampftechniken der Unterdrückten endet im Nirgendwo, Judith Butlers Utopie einer globalen Gewaltlosigkeit ist zu vernünftig: Zwei Bücher über Gewalt, die ratlos machen.

Von Andrea Roedig

Folgende Techniken setzten die britischen Suffragetten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, um sich bei Demonstrationen gegen die Staatsgewalt zu wehren: Durchschneiden der Hosenträger von Polizisten, Blenden des Gegners durch Öffnung einer Armee von Regenschirmen, Angreifen der Pferde genau in dem Moment, in dem die Polizei aufsitzen will. Die Women’s Social and Political Union (WSPU) richtete sogar einen Selbstverteidigungsklub ein, in dem Edith Garrud, eine ihrer Führungsfiguren, die englische Kampftechnik des Bartitsu unterrichtete.

Sich selbst verteidigen zu lernen, verändere das eigene Körperschema und sei zugleich «ein mächtiger Hebel der politischen Bewusstseinsbildung», schreibt die französische Philosophin Elsa Dorlin in ihrem Buch «Selbstverteidigung». Dabei geht sie von einer klaren Trennung aus: Es gebe in der Welt jene Subjekte, die vom Gesetz her geschützt und in der Lage sind, sich zu verteidigen – und die anderen, die Subalternen, die rassisch oder sexuell Diskriminierten, deren Selbstschutz immer schon als Angriff auf die bestehende Ordnung gedeutet und gefürchtet werde. Diese Subjekte seien im Grunde «verteidigungslos», und Dorlin will ihre «Kampfethiken» beschreiben, die subalternen Techniken der Selbstverteidigung. Es steht hier Gesetz gegen Muskel, Waffe gegen Faust.

Die Flagge der Notwehr

Denn wer darf überhaupt Waffen tragen? Dorlin untersucht unter anderem den historischen Wandel hin zum Gewaltmonopol des Staates, der nie so ganz auf BürgerInnen verzichten kann, die notfalls zur Verteidigung ihrer selbst, ihres Eigentums und ihrer Nation ausrücken. Es geht auch um die Entwaffnungen von Indigenen in Kolonialverwaltungen und die rituellen Tänze der SklavInnen, die nicht ganz zu Unrecht von den Kolonisatoren als geheime Übung für den Aufstand mit blossen Händen gedeutet wurden. Ein Kapitel des Buches beschreibt, wie Jiu-Jitsu nach Europa kam, ein anderes beschäftigt sich mit der «Ethik des Aufstands» im Warschauer Ghetto – wenn schon sterben, dann lieber mit der Waffe in der Hand –, ein weiteres mit militanten Kampfstrategien der Black Panther Party und der Gay-Liberation-Bewegung in den USA. Immer hat die Autorin dabei die Ambivalenz der Notwehr im Blick, denn je nachdem, von wem und aus welchen Gründen Selbstverteidigung in Anspruch genommen wird, kann sie zu blanker Selbstjustiz werden, meist mit rassistischem Hintergrund. Lynchmorde stehen ebenso unter der panisch beschriebenen Flagge der Notwehr wie die israelische Politik des präventiven Angriffs, die das ganze Land, so Dorlin, unter eine «Kosmologie des Krieges» stelle.

All die Beispiele sind spannend zu lesen, das Versprechen des Buches allerdings, eine «Philosophie der Gewalt» zu liefern, ist zu hoch gegriffen – zumindest, wenn man davon eine systematische Abhandlung erwartet. Elsa Dorlin, Professorin für Philosophie an der Universität Paris VIII, steht in der Tradition Michel Foucaults, und wie dessen berühmtes «Überwachen und Strafen» beginnt auch ihr Buch mit einer Folterszene. Angelehnt an Foucaults Methode der «Genealogie» will sie die Entwicklung jener Herrschaftsstruktur nachzeichnen, die dominante und subalterne Körper produziert, Jäger und Beute.

Ein klares Bild ergibt sich jedoch nicht, was zum einen daran liegt, dass Dorlin jede mögliche These mit Satzgirlanden eines wild gewordenen Theoriejargons zukleistert, der sich von der «Phänomenologie der Beute» zu «Dispositiven der Entwaffnung» bis zur «Semiologie militanter Körper» hochschraubt. Zudem ist nicht klar, worauf Dorlin wirklich hinauswill. Ihre Schilderungen insinuieren eine Sympathie für die gewaltsamen Kämpfe der Subalternen; gleichzeitig fügt sie zum Schluss, eher konfus, eine Analyse des Computerspiels «Hey Baby» und des Romans «Schmutziges Wochenende» von Helen Zahavi an, beides explizite Rachefantasien aus der Sicht von Opfern, die aber nichts Emanzipatorisches transportieren. Sie entkommen – wie jede Selbstverteidigung – dem fatalen Kreislauf nicht, denn Jäger und Opfer bleiben immer Beute der Gewalt. Abrupt und pessimistisch endet Dorlin mit der Beschreibung eines rassistischen Mordes.

Wer betrauert wird

«Selbstverteidigung» lässt viele Fragen offen, und eine Antwort gibt in gewisser Weise das neue Buch von Judith Butler: «Die Macht der Gewaltlosigkeit» versammelt eine Reihe von Vorlesungen, in denen sie am Rande auch Elsa Dorlin zitiert. Wie diese geht auch Butler von der Beschreibung eines Status quo aus, in dem nicht jedes Leben gleich viel zählt. Doch die prekär lebenden Subjekte, die Dorlin als «verteidigungslos» bezeichnet, heissen bei Butler «nicht betrauerbar», das heisst, ihr Tod werde gesellschaftlich nicht als Verlust verbucht.

Dorlins «verteidigungswürdig» und Butlers «betrauerbar» sind bezeichnend für den Unterschied der beiden Herangehensweisen: Butler erteilt dem Konzept der Selbstverteidigung, wie überhaupt jeglichem Individualismus, eine klare Absage. Selbstverteidigung befördere unweigerlich den Krieg, weil sie zwischen «wir» und «anderen» unterscheidet. Stattdessen müsse es darum gehen, ein «egalitäres Imaginäres» zu schaffen, das nicht dem alten Märchen vom «Naturzustand» des Kampfes aller gegen alle im Sinne von Thomas Hobbes aufsitze. Im Gegenteil sei ja die Grundlage allen Lebens, dass wir auf andere angewiesen sind. Wir sind «immer in die Hände eines anderen gegeben», nennt Butler diese Interdependenz, wobei sie vor allem auch die physische Abhängigkeit betont.

Aus diesem prinzipiellen Aufeinander-Angewiesensein leitet Butler die Forderung radikaler Gleichheit ab – «damit aus jedem Leben ein betrauerbares Leben wird, ein Leben, das sein eigenes Leben verdient». Mehr noch: Gewaltlosigkeit, schreibt Butler, sei nur auf der Grundlage von Gleichheit möglich, die durchzusetzen daher auch als eine «globale Pflicht» zu verstehen sei. Mehrmals betont Butler, dass Gewaltlosigkeit nicht das Eiapopeia eines einträchtigen Miteinanders meint; mit Martin Luther King und Mahatma Gandhi zielt sie auf eine Ethik der Gewaltlosigkeit, die durchaus aggressiv auftreten kann, die Ambivalenzen zulässt und aktiv Widerstand leistet: «Wir müssen einander nicht lieben, um zu einer Schaffung einer Welt verpflichtet zu sein, in der jedes Leben sich selbst erhalten kann.»

Von engelsgleicher Güte

Butlers Argumente sind gut abgewogen, ein bisschen zu gut vielleicht. Denn im Vergleich lesen sich Dorlins Geschichten, weil sie von Gewalt handeln, wesentlich spannender. Aggression ist in Butlers Text zwar nicht geleugnet, aber die böse Faszination, die in der Gewalt und Gegengewalt liegt, ist bei ihr getilgt. Genauso wie die Frage, warum manche Menschen zwar nicht prinzipiell, aber konkret mehr von anderen abhängen als andere. «In Wahrheit ist der Kolonisierer vom Kolonisierten abhängig», schreibt Butler in Anlehnung an Hegels Herr-Knecht-Dialektik. «Ja», möchte man einwenden, «der Herr braucht den Knecht, aber nicht diesen speziellen.» Der Knecht ist austauschbar, weil er auf die Seite der vielen gehört.

Butler hat recht, und ihre Ethik, die von der Verletzlichkeit jedes einzelnen Lebens ausgeht, ist von engelsgleicher Güte. Aber wir werden noch einiges lernen müssen, um sie genauso spannend zu finden wie den Kriminalroman der Gewalt.

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