Das China-Abenteuer der ZHdK : Kunstschaffen und Zwangsarbeit

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Die von der Zürcher Hochschule der Künste geplante Designschule im chinesischen Shenzhen stösst immer mehr auf Kritik, auch von Angehörigen der Hochschule selber. Das Rektorat taktiert.

«Es führt kein Weg an einem raschen Abbruch des China-Projekts vorbei»: David Bircher, Kopräsident der Studierendenorganisation Verso.

Thomas Meier, Rektor der Zürcher Hochschule der Künste, ist um Schadensbegrenzung bemüht. Seit Wochen verteidigt er in Interviews die von der ZHdK seit 2012 mitgeplante International School of Design im chinesischen Shenzhen. Aber ob die Zürcher noch dabei sein werden, wenn im Herbst die ersten Lehrgänge starten, ist offen. Gegen das Projekt hat sich Widerstand formiert – und er kommt aus dem eigenen Haus. Die Studierendenorganisation Verso verlangt den sofortigen Abbruch des Abenteuers in China. Um ihre Forderung zu untermauern, sammelt sie nun Unterschriften.

Kritisiert am Chinaengagement der ZHdK wird unter anderem, dass es auf einer Kooperation mit dem Harbin Institute of Technology fusst. Dabei handelt es sich um eine technische Universität, die stark in den chinesischen Sicherheitsapparat eingebunden ist. Die StudentInnen verweisen auf die gut dokumentierten Menschenrechtsverletzungen etwa im Umgang mit der uigurischen Minderheit. In der Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes sind laut Amnesty International seit 2018 rund eine Million Menschen in Internierungs- und Umerziehungslager eingewiesen worden. Folter und Zwangsarbeit seien dort an der Tagesordnung. Der britische TV-Sender BBC berichtet auch über Zwangssterilisierungen und Vergewaltigungen. Verso beklagt, es fehle an einer klaren Haltung der ZHdK: «Eine Kunsthochschule ist in der Pflicht, den ‹kulturellen Genozid› nicht einfach hinzunehmen, sondern offen zu adressieren.»

Mitwirken, aber nicht mitentscheiden

Daneben befürchten die KunststudentInnen, die Freiheit von Forschung und Lehre könne nicht gewährleistet, Hochschulangehörige könnten nicht vor dem Zugriff des Regimes geschützt werden. Eine Fortsetzung der Kooperation sei deshalb nicht tragbar. David Bircher, Kopräsident von Verso, sagt, die Kritik am Designcampus sei in der ZHdK weitverbreitet: «Es ist klar, dass der Ausstieg nicht die Lieblingsoption von Rektor Meier ist, aber es führt kein Weg an einem raschen Abbruch vorbei.»

Mit der Berichterstattung über den Campus in China hat eine Politisierung der Studierenden stattgefunden. An einer Aussprache mit den Verantwortlichen Mitte Dezember nahmen 160 Angehörige der Hochschule teil. Die WOZ konnte die interne Videokonferenz mitverfolgen. Die Kritik an den Plänen der Hochschulleitung um Meier fiel massiv aus. David Bircher sagt: «Lange wurde das Projekt ziemlich geheim gehalten. An der Podiumsveranstaltung wurde dann sehr offen diskutiert. Leider läuft die Debatte seither hinter verschlossenen Türen weiter.» Das Problem der Studierenden: Mitwirken dürfen sie, mitentscheiden nicht.

Die Hürde für den Rückzug wurde derweil heimlich erhöht. Lange sagte Rektor Meier, man könne jederzeit aus dem Vertrag aussteigen. Nun heisst es, dies werde nur in Absprache mit den beiden beteiligten Partnerhochschulen in Barcelona und Stuttgart getan. Eine davon, die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, will von einem Rückzug nichts wissen: Rektorin Barbara Bader teilt mit, das Grossprojekt stehe aktuell nicht zur Disposition.

Kritik an der Chinakooperation kommt auch von DozentInnen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Christopher Kriese sagt: «Was die Kommunistische Partei Chinas in Xinjiang mit der uigurischen Bevölkerung macht, hat Züge eines Genozids. Da werden derart viele rote Linien überschritten, dass die ZHdK niemals eine solche Partnerschaft eingehen darf.»

«Wertekanon» bis März

An der Aussprache Mitte Dezember war Kriese einer der schärfsten KritikerInnen des Projekts. Nun hofft er, dass sich möglichst viele ZHdK-Angehörige dem Protest anschliessen. Gelinge das nicht, könne die kritische Debatte mehr Schlechtes als Gutes bewirken: «Sie kann genutzt werden, um das Projekt reflektierter erscheinen zu lassen. Es wird Arbeitsgruppen geben, Papiere, schöne Worte – aber die Kooperation wird einfach weiterlaufen.» Tatsächlich arbeitet die Hochschulleitung derzeit eine Liste von Prinzipien für die Partnerschaft mit den Chinesen aus. Bis März soll dieser «Wertekanon» vorliegen.

Und so könnte es kommen wie so oft an der ZHdK. Kommt eine Kontroverse auf, stellt sich die Leitung der Kritik, versichert, man höre gut zu. Aber dann passiert: nichts.