Dimitris Koufontinas : Sterben im Hungerstreik

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«Geboren am 17. November», so heisst die Autobiografie des griechischen Kommunisten Dimitris Koufontinas. Der Titel spielt auf den 17. November 1973 an, den Tag, als die griechische Militärdiktatur den Aufstand von StudentInnen blutig niederschlug; und auf die «Bewegung des 17. November», die Stadtguerilla, der sich Koufontinas Jahre später anschloss.

Nun droht dem 63-Jährigen der Tod. Er liegt derzeit auf der Intensivstation.* Koufontinas wäre der erste Gefangene seit Jahrzehnten, der in einem EU-Land einen Hungerstreik mit dem Leben bezahlt. Seit dem 8. Januar verzichtet der Inhaftierte aufs Essen und kündigte zudem an, ab dem 22. Februar in einen Durststreik zu treten. Sein Fall erinnert an die siebziger Jahre: So starb Bobby Sands, ein Mitglied der nordirischen IRA, 1981 nach 66 Tagen Hungerstreik; Holger Meins, RAF-Mitglied, 1974 nach 57 Tagen – aus Protest gegen die Haftbedingungen in Deutschland.

Der «17. November» hatte von 1975 bis 2002 Attentate verübt, unter anderem auf Institutionen und RepräsentantInnen des griechischen Staats, der ehemaligen Militärjunta und der CIA. Koufontinas sitzt seit 2002 im Gefängnis. Er wurde zu mehr als elf Mal lebenslänglich verurteilt – wegen Beteiligung an zahlreichen Anschlägen, Banküberfällen und der «Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation».

2018 wurden dem Langzeitgefangenen unter der linken Syriza-Regierung verbesserte Haftbedingungen zugestanden, auf die er rechtlich seit 2010 Anspruch gehabt hätte. Doch der aktuelle Premierminister und Vorsitzende der konservativen Partei Nea Dimokratia, Kyriakos Mitsotakis, hat bereits im Wahlkampf 2019 versprochen, diese Lockerungen explizit für Koufontinas rückgängig zu machen. Im Dezember 2020 wurde nun extra ein entsprechendes Gesetz erlassen.

Koufontinas trat daraufhin in den Hungerstreik. Neben kommunistischen und anarchistischen AktivistInnen unterstützen auch Ärztinnen, Anwälte, Amnesty International sowie einzelne Mitglieder des Europäischen Parlaments Koufontinas’ Anliegen. 800 Kulturschaffende und AkademikerInnen unterzeichneten einen Solidaritätsaufruf. Zuletzt wurden sogar in der Nea Dimokratia Stimmen laut, die Forderungen des Gefangenen zu erfüllen.

Für Dimitris Koufontinas aber könnte all dies zu spät kommen.

* Korrigendum vom 8. März 2021: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion stand, dass Dimitris Koufontinas zwangsernährt werde. Das stimmt so nicht. Die griechische Staatsanwaltschaft ordnete zwar Ende Februar eine Zwangsernährung für den hungerstreikenden Gefangenen an, die ÄrztInnenvereinigung weigerte sich aber, den Befehl auszuführen. Auf der Intensivstation wird Koufontinas mit einer Kochsalzlösung versorgt. Am 5. März verlor er das Bewusstsein infolge eines akuten Nierenversagens und wurde gegen seinen Willen von den behandelnden ÄrztInnen wiederbelebt.