Nr. 10/2021 vom 11.03.2021

Männercliquen an der Macht

Es reicht: Einmal mehr haben Tamedia-Journalistinnen gegenüber der männlichen Führungsriege ihren Unmut über die Betriebskultur auf den Redaktionen kundgetan.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Die Vorwürfe sind happig: 78 Tamedia-Journalistinnen haben sich letzte Woche in einem offenen Brief an die männliche Chefetage gewandt, um ihren Unmut über die Betriebskultur auf den Redaktionen zu äussern. «Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert», heisst es darin. «Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht. Frauen werden seltener gefördert und oft schlechter entlohnt.»

Sie seien nicht mehr bereit, diesen Zustand hinzunehmen, schreiben die Frauen. Und sie stellen Forderungen: Der Frauenanteil in Führungspositionen müsse verbessert werden, Beleidigungen und Beschimpfungen müssten aufhören, Frauen und Nachwuchskräfte gezielt gefördert werden. Bis zum 1. Mai erwarten sie konkrete Vorschläge.

Die im Briefanhang aufgeführten Erlebnisse werfen kein gutes Licht auf das Arbeitsklima in den Redaktionen der Tamedia. Noch immer sind sexistische Sprüche an der Tagesordnung, Männer nehmen sich viel mehr Redezeit heraus als Frauen, «Frauenthemen» werden an Sitzungen niedergemacht, Themenvorschläge von Frauen verhindert. Ersuchen sie um eine Lohnerhöhung, werden sie als unverschämt abgewimmelt (obwohl die männlichen Kollegen oft mehr verdienen).

Nur leere Versprechungen

Die desolate Situation beim Zürcher Medienunternehmen, zu dem neben «Tages-Anzeiger», «Basler Zeitung», «Der Bund», «Berner Zeitung» («BZ») noch über zwanzig weitere Medientitel gehören, ist nicht neu. Schon 2013 schrieb der «Schweizer Journalist»: «Auf der Führungsetage des ‹Tages-Anzeigers› ist die Luft für karriereorientierte Frauen extrem dünn.» Und die Frauen von «BZ» und «Bund» forderten vor zwei Jahren im Rahmen des Frauenstreiks mehr Gleichstellung – doch ausser leeren Versprechungen kam nichts.

In Bern scheint sich die Lage mit der geplanten Zusammenlegung der Redaktionen von «Bund» und «BZ» noch zu verschärfen. Schon Ende Februar haben deshalb rund dreissig Journalistinnen der beiden Berner Zeitungen einen Brief an die Chefetage geschickt: «Wir wehren uns dagegen, dass vorab Frauen in der geplanten neuen Ressortstruktur eine Nebenrolle spielen sollen.» Die Führungsriege werde hinter verschlossenen Türen und nur von Männern aufgebaut. Die Frauen befürchten, dass die neuen Chefposten mehrheitlich an Männer gehen. Deswegen verlangen sie: «Die Hälfte aller Schlüsselpositionen muss zwingend mit Frauen besetzt werden.»

Kaufen, aber nicht mitreden

Die schwammige Antwort der Chefs kam postwendend: «Ihr rennt damit bei uns offene Türen ein», schrieben die Herren und beteuerten, dass die künftige Führungscrew «keine reine Männerclique» sein werde. Ihr Bekenntnis zur Diversity relativierten sie gleich selber: «Zu Diversity gehören neben dem Geschlecht auch die Erfahrung, das Alter sowie der Aspekt, dass wir eine Leitung aus beiden Titeln zusammenstellen wollen.» Auf die konkrete Forderung gingen sie gar nicht ein.

Die aktuelle Situation ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Einerseits ist es schlicht erschreckend, dass Schweizer Redaktionen im Jahr 2021 immer noch weit von Gleichstellung entfernt sind. Das ist auch deshalb ein Problem, weil Medien Öffentlichkeit schaffen: Je diverser eine Redaktion, umso diverser ist auch der Blick auf die Welt und die Themen, die ihren Weg in die Zeitungen finden. Nur scheinheilig klingt da die von Tamedia formulierte Absicht, ein «jüngeres und zunehmend weibliches Publikum anzusprechen und zahlungswillige Leserinnen zu gewinnen». Die Frauen sollen das Produkt zwar kaufen, aber bitte nicht in leitenden Funktionen daran mitarbeiten.

Mittlerweile haben sich rund hundert Tamedia-Männer in einem eigenen Brief mit den Frauen solidarisiert. Und vier Tage nach den Vorwürfen melden sich nun auch Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser und «Tages-Anzeiger»-Ko-Chefredaktorin Priska Amstutz zu Wort. In einem unverbindlich formulierten Text äussern sie ihre Betroffenheit und versprechen eine interne Untersuchung. «Wir sind laufend auf der Suche nach Optimierungen im Kleinen und nach Potentialen im Grossen», heisst es im Leitbild der Firma. «Deshalb sind wir offen für Neues und bereit zu lernen.» Klar ist: Der Lernbedarf ist nach wie vor gross.

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