Nr. 10/2021 vom 11.03.2021

So jung und schon Technokrat

In der Netflix-Serie «Sweet Home» haben es die Überlebenden einer rätselhaften Seuche mit kuriosen Ungeheuern zu tun. Nebenbei machen sie sich gegenseitig das Leben zur Hölle.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Nicht weniger verstörend als das, was «Parasite» zeigte: Die Zombieserie «Sweet Home» ist ein bitterböser Zerrspiegel der südkoreanischen Gesellschaft. Foto: Netflix

Wir wissen mittlerweile, dass eine Pandemie kein Zuckerschlecken ist. Aber es hätte alles noch schlimmer kommen können: Auch die Menschen in der südkoreanischen Horrorserie «Sweet Home» haben es mit einer Seuche zu tun, die von einem neuartigen Virus verursacht wird (zumindest sieht es zunächst so aus, als wäre ein Virus der Ursprung).

Und sie sitzen ebenfalls im Lockdown vorm Fernseher, um zu erfahren, was die Regierung zu der ganzen Misere zu sagen hat. Nur dass unseren realen KrisenmanagerInnen bislang das Schicksal erspart geblieben ist, das hier den Staatschef ereilt: Als ihm plötzlich das Blut literweise aus der Nase schiesst, wird er mitten in der Liveübertragung von Militärs erschossen.

Die drastische Massnahme rechtfertigt sich damit, dass Nasenbluten hier ein Symptom für eine fast immer schwer verlaufende Infektion ist: Die Kranken sterben nicht nur, sondern verwandeln sich in Untote. Das entspricht dem bekannten Muster solcher Horrorstorys, doch bricht die Serie auch mit Genrekonventionen. Durch die Flure des tristen Wohnblocks, in dem die Geschichte spielt, schlurfen nämlich nicht einförmige Zombies, vielmehr mutieren die Toten zu überaus originellen und meist sehr agilen Ungetümen. So hat es der Held der Geschichte, der depressive Teenager Cha Hyun-Su (Song Kang), schon bald mit einem Monster zu tun, das praktisch nur aus einem überdimensionierten Augapfel besteht. Später dann lauert in einem Badezimmer ein Riesenfötus samt Fruchtblase. Derart abgefahrene Abscheulichkeiten hat man selbst in Zombiefilmen bisher selten zu Gesicht bekommen.

Lauter kalte Herzen

Sehenswert ist die Serie aber auch wegen des alltäglichen Horrors, von dem sie abseits des Fantastischen erzählt. Das Zuhause in «Sweet Home» ist nämlich keineswegs süss, sondern ein sozialer Mikrokosmos, wo eisige Kälte herrscht. Das wird schon vor der eigentlichen Katastrophe deutlich, als Hyun-Su, gebrochen vom psychischen und physischen Terror in der Schule, aufs Dach des Hochhauses steigt, um sich in die Tiefe zu stürzen. Abgehalten wird er von Lee Eun-Yu (Go Min-Si), einer Balletttänzerin, die dort zufällig gerade trainiert. Ihre Sorge gilt aber nicht etwa dem jungen Mann, sondern den Unannehmlichkeiten, den ein Suizid ihr und den anderen MieterInnen bereiten würde.

Auch als sich später die Überlebenden unten im Haus verbarrikadieren, bricht sich das zwischenmenschliche Grauen Bahn. Das Kommando hat ein jugendlicher Technokrat, für den Menschenleben blosse Rechengrössen sind. Es gibt einen Ladenbesitzer, der noch mitten im Weltuntergang den Leuten Geld abpressen will. Der Kleinunternehmer demütigt und misshandelt zudem seine Frau, was alle wissen, aber niemanden gross zu stören scheint. Überhaupt besteht hier an notorischen Feiglingen kein Mangel.

Schlimmer als die Monster

Was also «Sweet Home» unterschwellig über die südkoreanische Gesellschaft verrät, ist kaum weniger verstörend als das, was die Sozialgroteske «Parasite» zeigte, die 2020 vier Oscars gewann. Und die Serie ist derzeit nicht die einzige, die das Zombiegenre für politische Botschaften nutzt: Die kürzlich erschienene französische Serie «La Révolution», in der untote Adlige das verelendete Volk abschlachten, ist fast schon ein Aufruf zum Klassenkampf. Ähnliches gilt für die ebenfalls historische Zombieserie «Kingdom», wiederum eine südkoreanische Produktion.

Ganz so explizit ist «Sweet Home» zwar nicht, dafür aber nicht weniger blutig. Geschrieben und gedreht wurde die Serie schon vor der Pandemie. Gegen Ende der ersten Staffel taucht ein Gangster auf, der die HausbewohnerInnen belehrt: «Es sind nicht die Monster, wegen denen ihr euch sorgen müsst. Die Menschen sind es, die am schrecklichsten sind.» Das ist sicher ein bisschen übertrieben. Andererseits wissen wir inzwischen, dass auch weniger apokalyptische Seuchen nicht nur Gutes in den Leuten hervorbringen.

«Sweet Home». Korea 2020. Zehn Folgen, auf Netflix.

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