Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Apathisch in der Apokalypse

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Wer sein Leben weitgehend vor dem eigenen Rechner führt, ist nur schlecht auf die Herausforderungen des realen Alltags vorbereitet – erst recht, wenn dieser plötzlich von menschenfressenden Untoten beherrscht wird. Oh Joon-woo (Yoo Ah-in) hat zwar einen rückenfreundlichen Gamingstuhl, und beim Onlinezocken mit Freunden ist er es, der den Ton angibt. Als dann aber in den Nachrichten der Ausbruch einer mysteriösen Krankheit vermeldet wird, die Menschen in Zombies verwandelt, verharrt er in seinem Appartement und beobachtet apathisch vom Fenster aus, wie die Welt um ihn herum zusammenbricht. Wie untauglich für die Heldenrolle der junge Mann ist, von dem der südkoreanische Horrorfilm «#Alive» («#amLeben») erzählt, zeigt sich verdichtet in einer Szene, als er in der Hoffnung auf Rettung eine Videobotschaft ins Netz stellt – um dann am Ende des Clips rasch noch die potenziellen ZuschauerInnen aufzufordern, ja auch seinen Kanal zu abonnieren. Krasser kann man die herrschenden Realitäten kaum verkennen.

Während draussen blutrünstige Gruselgestalten umherschlurfen, wird Joon-woo drinnen zunehmend von Hunger und Einsamkeit geplagt. Gerade aber, als dieser Grenzgang zwischen Tragik und Komik auf ein vorzeitiges Ende zusteuert, betritt eine zweite Überlebende die Bühne: Kim Yoo-bin (Park Shin-hye) lebt im Block gegenüber, und anders als Joon-woo ist sie überaus praktisch veranlagt. Das zeigt schon der Vergleich der Wohnungen der beiden: dort teenagertypische Verwahrlosung, hier Ordnung und Organisation. Als Yoo-bin ihren künftigen Kompagnon erst einmal eine Weile mit dem Feldstecher beobachtet, fragt sie sich ungläubig: «Kann es wirklich sein, dass er ein Idiot ist?» Folglich nimmt fortan die junge Frau das Heft in die Hand.

Diese Konstellation eines ungleichen Paares, das sich erst finden und dann den Weltuntergang irgendwie meistern muss, vermag dem abgehangenen Plot «Zombieapokalypse» doch überraschende Seiten abzugewinnen. Regisseur Cho Il-hyung hat seinen Film minimalistisch inszeniert, die ProtagonistInnen reden nicht viel und schon gar nichts Tiefschürfendes, ihr Aktionsraum beschränkt sich im Wesentlichen auf die eigenen vier Wände und die Flure vor der Wohnungstür, was das Gefühl der sozialen Isolation nur verstärkt. Ganz am Ende steht dann zwar die eher krude Botschaft, dass Hashtags Leben retten können. Das ist aber nur die halbe Wahrheit von «#Alive»: Viel wichtiger als Likes in den sozialen Netzwerken ist die handfeste Solidarität mit den Menschen, die direkt nebenan wohnen. Nicht nur, wenn mal wieder Lockdown ist.

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