Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Der schlechte Einfluss von Rettich

Verloren im Wühltisch namens Netflix: «A Sun» ist ein filmisches Kleinod aus Taiwan – ein vielstimmiges Drama über ein Sorgenkind, das sich zum Lieblingssohn wandelt.

Von Timo Posselt

«Wenn dich acht Leute zerhacken, jeder sechs Mal, wie oft wurdest du dann zerhackt?» Was A-Ho (Wu Chien-ho) im Gefängnis gelernt hat, nützt ihm später nicht viel. Still: Netflix

Auf Netflix herrscht das reinste Risikomanagement: Der Streamingdienst will um jeden Preis vermeiden, dass sich jemand langweilt. Dafür wälzt der Konzern die Daten von weltweit inzwischen 183 Millionen AbonnentInnen und versucht, ihnen genau das vorzusetzen, was ihr Geschmack angeblich verlangt: «Leute, die dies mochten, mögen auch das.» Die algorithmische Empfehlungslogik fusst auf statistischer Ähnlichkeit und hat einen entscheidenden Nachteil: Überraschungen sind selten. Ein Film wie «A Sun» ist deshalb auf Netflix eigentlich verloren. Glücklich, wer ihn dort trotzdem entdeckt.

Der Film von Regisseur Chung Mong-hong erzählt die Geschichte zweier unterschiedlicher Brüder. A-Hao ist der Hoffnungsträger der Familie: offen, zuvorkommend und kurz vorm Medizinstudium. A-Ho hingegen ist das Sorgenkind: ein aufbrausender Delinquent, der unter dem schlechten Einfluss seines Freundes «Rettich» steht. Und schon die erste Szene beweist: Dieser Rettich lässt trotz seines vegetarischen Namens jegliche Ausgeglichenheit missen. Im Hintergrund klimpert lieblich eine Gitarre, im Vordergrund wird jemand in einem Restaurant auf äusserst unappetitliche Weise zugerichtet. Was als Warnung für das Opfer gedacht war, wirkt gleichermassen auf das Publikum: Danach ist man auf alles gefasst, und enttäuscht wird man nicht.

A-Ho kommt als Mittäter ins Jugendgefängnis und lernt dort, sich gegen andere Kriminelle zu behaupten. Als ihm ein Häftling mit Prügel droht, wenn er einschläft, stellt er seinem Kontrahenten Rechenaufgaben, um sie beide wach zu halten: «Sechs Leute kaufen dir Amphetamine ab. Jeder acht Tüten. Wie viele Tüten macht das?» Oder: «Wenn dich acht Leute zerhacken, jeder sechs Mal, wie oft wurdest du dann zerhackt?» Antwort: «Nach fünf Mal bist du tot. Öfter wäre überflüssig.» Das kleine Einmaleins für Verbrecher.

Ein Sprüchlein in allen Lagen

Während A-Ho im Gefängnis schmort, muss sich sein Vater, ein Fahrlehrer, mit dem Vater des Opfers herumschlagen, der ihn mit einer horrenden Schadenersatzforderung belagert. Selbst als Häftling schafft es A-Ho also, seiner Familie noch neue Sorgen aufzubürden. Der Film hingegen lässt in seinen zweieinhalb Stunden die Hoffnungen der Familie vom Lieblingssohn auf den Delinquenten herüberwandern. Für A-Ho ist der Weg lang und steinig. Und für das Publikum führt er über lohnenswerte Umwege.

Regisseur Chung Mong-hong hat im Dekor seines Films zahlreiche Losungen versteckt: «Nutze den Tag, wähle deinen Weg», steht auf einem Notizbuch, das die Söhne jedes Jahr vom Vater geschenkt bekommen. «Viele Segenswünsche» prangt im Besuchszimmer des Jugendgefängnisses, wo A-Ho schliesslich seine Freundin heiratet. Und im Krematorium: «Seien Sie ruhig und respektvoll.» Dass ein Leben nach diesen Kalendersprüchen nicht immer gelingt, ist klar. Sie wirken reichlich hilflos angesichts des Strudels an Schicksalsschlägen, in den die Familie hineingezogen wird. Dennoch greifen sie trotz ihrer Naivität die Kernfragen des Films auf: Wie gehen die Kinder mit den Erwartungen der Eltern um? Und wie kann man sich ändern?

Bis die Kacke dampft

Die grosse Stärke von «A Sun» ist, dass der Film die Antworten auf die Fragen genauso vielfältig gestaltet wie sein Figurenensemble. So entspinnen sich aus dem Familiendrama um A-Ho zahlreiche Nebenerzählungen: Sein Bruder A-Hao verliebt sich in eine Mitstudentin, was ihn jedoch nicht vor dunklen Gedanken bewahrt. Seine Mutter trifft die Mutter von A-Hos Freundin, an deren Selbstaufopferung sie sich ein Beispiel nimmt. Sein Vater A-Wen wird wegen der Schadenersatzforderung so lange belagert, bis der Vater des Opfers mit einem Klärtransporter auf das Gelände seines Arbeitgebers zurückkehrt: Er lässt die Fahrschule in einer Pfütze aus Fäkalien versinken.

Alle diese Nebenhandlungen sind einnehmend, weil sie die tragenden Figuren mit psychologischer Tiefe versehen. In zahlreichen Szenen schwebt die Kamera fast unmerklich auf die Figuren zu, als nähere sie sich ihnen so behutsam, um ihr Vertrauen zu gewinnen – so bekommen sie den Raum, um ihr Innenleben anzudeuten, ohne es zu banalisieren. Der minimalistische Soundtrack aus akustischen Gitarren und Pianoklängen konterkariert die Brutalität mancher Szenen, in anderen gibt er dem Film eine enorme, reflexive Ruhe. Regisseur Chung Mong-hong ist ein filmisches Sprachgenie: Für das Drama dieser Familie findet der 56-Jährige nicht bloss eine Filmsprache, sondern unzählige.

Auch A-Ho macht eine erstaunliche Wandlung durch: Nach der Rückkehr aus dem Gefängnis arbeitet er in einer Autowaschanlage. Er putzt und putzt, doch die Flecken in seinem Lebenslauf wird er nicht so leicht los. Der Film changiert so zwischen Familiendrama und Gangsterthriller. Die Spannung unterbrechen die komischen Szenen, wenn der Vater etwa in der Fahrschule den SchülerInnen zur bestandenen Prüfung gratuliert und sich zu einem lebensphilosophischen Exkurs versteigt: «Wenn ihr das Lenkrad im Griff habt, bei Rot anhaltet und bei Grün langsam anfahrt, geht auf der Strasse des Lebens alles glatt.» Der Film straft ihn Lügen. Aber woran soll man sich denn sonst halten?

Jetzt auf Netflix.

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