Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

Schatten lügen nicht

Von Stephan Pörtner

Ein ebenso unvermeidlicher wie unabwendbarer Punkt ist erreicht, wenn beim als durchaus schwungvoll und dynamisch empfundenen Waldlauf der Blick mit einem Mal auf den einen an diesem schönen Frühlingstag begleitenden eigenen Schatten fällt und sich dieser unschwer als der eines alternden, sich etwas schwankend, fast schleichend fortbewegenden Menschen erkennen lässt. Das ist der Punkt, an dem sich die Illusion zerschlägt, es liesse sich durch Bewegung an der frischen Luft irgendetwas aufhalten oder hinauszögern. Kein Sportsockentum wird verhindern können, dass der Zerfall unaufhaltsam fortschreitet, die Form zurückgeht und die Eleganz schwindet, bis dass man nur noch ist: ein Schatten seiner selbst.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Im Herbst 2019 ist sein Köbi-Krimi, «Pöschwies», im Bilgerverlag erschienen. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» sowie «Mordgarten» und «Pöschwies» sind im WOZ-Shop www.woz.ch/shop als Buch erhältlich.

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