Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

Der Diskurs der Dauerbeleidigten

Die «identitäre Linke» bedrohe die Demokratie, findet die französische Feministin Caroline Fourest – und wird dafür allseits gefeiert.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Der derzeit angesagteste Debattenbeitrag aus Frankreich stammt mal nicht von einem Intellektuellen mit weit aufgeknöpftem Hemd, sondern von einer lesbischen Journalistin und Filmemacherin: Caroline Fourests Pamphlet «Generation Beleidigt» (im Original: Génération offensée) hat die Feuilletons erobert. «Es ist das Buch zum Verständnis einer Debatte, die aus dem Ruder gelaufen ist», jubelte der «Tages-Anzeiger»; eine «treffendere Analyse» werde man «so schnell nicht finden», urteilte die FAZ, und die NZZ lobte die Schrift als wichtige Warnung wider einen «zurzeit modischen Hang zum Identitären und Moralistischen».

Was für ein Buch löst solches Entzücken aus? In Frankreich hat sich die 45-jährige Fourest in vielen Kontroversen einen Namen gemacht; sie selbst sieht sich als linke Feministin, liegt aber mit grossen Teilen der französischen Linken im Dauerclinch. Das liegt vor allem an ihrer Haltung in Fragen des Laizismus – der Trennung von Staat und Kirche: Immer wenn das Land über die dort lebenden MuslimInnen streitet, warnt sie vor einer falschen linken Toleranz gegenüber dem Islamismus. Auch «Generation Beleidigt» ist eine Streitschrift gegen die «identitäre Linke»: Damit meint sie Leute, die sich angeblich von den Prinzipien der Aufklärung verabschiedet hätten, um einen verqueren Kulturalismus zu pflegen.

Tatort: Internet

Diese Linke soll in den USA bereits die geistige Vorherrschaft errungen haben; nun mache sie sich auch in Europa breit. Konkret stösst sich Fourest etwa am Konzept der «kulturellen Aneignung», wonach sich Weisse etwa keine Rastazöpfe flechten dürften. Damit werde die Existenz homogener Kulturen unterstellt, die sich ohne Austausch mit anderen entwickelt haben sollen – eine ahistorische Sichtweise, die an rechte Reinheitsfantasien erinnert. So wurde, wie Fourest referiert, 2015 an einem kanadischen College ein Yogakurs für Studierende mit Behinderung gestrichen, aus Furcht, sich eine fremde Kultur anzueignen.

Solche Beispiele finden sich im Buch zuhauf, wobei diese sich auffällig häufig im Internet zugetragen haben. Problematisch wird Fourests Argumentation aber vor allem dort, wo ihre Massstäbe selbst ins Rutschen geraten: So berichtet sie, dass Opernhäuser in London und New York die Verwendung schwarzer Schminke – Stichwort «Blackfacing» – bei Inszenierungen von Verdis «Otello» untersagt hätten: «Ist das die Zukunft des Theaters: Stücke, Figuren und Geschichte umzuschreiben aus Angst, jemanden zu beleidigen?» Abgesehen davon, dass es im Theater immer darum geht, ein Stück zu vergegenwärtigen und insofern also umzuschreiben: Liesse es umgekehrt nicht auf ein unterirdisches Reflexionsniveau schliessen, würde eine Regisseurin heute ernsthaft noch einen blonden Tenor schwarz schminken?

Schrille Rhetorik

Genauso schräg ist Fourests Urteil, dass die «identitäre Linke» selbst an französischen Unis so verankert sei, dass jede Andersdenkende es riskiere, «wegen Abweichung angeklagt zu werden» und «nie wieder eine Stelle an der Uni» zu finden. Dieser Ton zieht sich durch das Buch: Vom «digitalen Lynchen», von «Inquisitoren» und einer «Gedankenpolizei» ist die Rede; auch die Moskauer Prozesse und die Taliban werden heraufbeschworen. Seltsam: Ist diese schrille Rhetorik nicht gerade Markenzeichen der Dauerbeleidigten? Fourest strickt trotzdem ohne Interesse an Differenzierungen Seite um Seite an der Erzählung, dass fanatisierte AktivistInnen zunehmend auch die liberalen Demokratien in Europa bedrohten.

Das mutet nicht nur paranoid an, es verschiebt auch die politischen Prioritäten: Nicht mehr Rassismus und Ausbeutung, sondern der Kampf dagegen sind das eigentliche Problem. Solche Thesen kommen rechts aussen gut an, aber nicht mehr nur da. In Frankreich hat die Hochschulministerin Frédérique Vidal jüngst angekündigt, angebliche Verbindungen zwischen linken WissenschaftlerInnen und dem Islamismus ausleuchten zu wollen. Das unablässige Geraune über linke Angriffe auf den freien Geist hat also dazu geführt, dass dieser nun ganz real vom Staat attackiert wird.

Caroline Fourest: «Generation Beleidigt». Edition Tiamat. Berlin 2020. 144 Seiten. 32 Franken.

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