Nr. 06/2021 vom 11.02.2021

Kein «political bullshit»

Reddit machte weltweit Schlagzeilen, weil NutzerInnen der Onlineplattform die Wallstreet in Turbulenzen brachten. In dem riesigen Soziotop wuchert aber auch Abgründiges.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Das Schreckgespenst der Sowjetarmee geistert durchs Internet: «Reddit army» tauften US-Medien die auf der Onlineplattform Reddit vernetzten KleinanlegerInnen, die Ende Januar Grossinvestoren an der Wallstreet Milliardenverluste bescherten. Die HobbyspekulantInnen hatten massenhaft Papiere des kriselnden Videospielhändlers Gamestop gekauft und deren Wert in ungeahnte Höhen getrieben. Genau auf die gegenteilige Kursentwicklung hatten grosse Hedgefonds gesetzt – eine irrwitzige Geschichte, die um die Welt ging.

Mit Aktivismus oder gar einem Kampf um die «Demokratisierung» der Börse hat sie allerdings wenig zu tun. In den Verhaltensrichtlinien von «r/wallstreetbets», dem betreffenden Reddit-Forum, wird ausdrücklich festgehalten, dass «political bullshit» unerwünscht sei. Überhaupt charakterisiert die Beiträge ein eigenwilliger Jargon: Die UserInnen sprechen etwa von «loss porn», wenn sie anderen ausführlich darlegen, welche Summen sie beim Zocken bereits verloren haben. Oder vom «yoloing», wenn jemand all seine Ersparnisse in einer einzigen Wette platziert (der Begriff spielt auf die Abkürzung Yolo für «man lebt nur einmal» an). Die Moderatoren des Forums bezeichnen sich und ihre MitstreiterInnen liebevoll als «minderbemittelt» oder «degeneriert», woraus der Stolz auf Kaufentscheidungen spricht, von denen halbwegs seriöse AnlageberaterInnen sofort abraten würden.

Die Schweiz ein Fake?

«r/wallstreetbets» verrät damit wohl weniger über den aktuellen Zustand des Finanzhandels als über den abgründigen Nonkonformismus, den einen Teil der Forenkultur im Netz auszeichnet. Reddit wird hierzulande eher wenig genutzt, der Grossteil der «redditors» kommt aus dem englischsprachigen Raum. Weltweit aber rangiert die Plattform, die 2020 52 Millionen tägliche UserInnen verzeichnete, unter den zwanzig am meisten aufgerufenen Websites. Dabei wirkt sie eher wie ein Anachronismus: ein riesiges Forum, das in viele Tausend Unterforen zu den verschiedensten Themen – sogenannte «subreddits», die mit dem Kürzel «r/» markiert sind – gegliedert ist. Um die Jahrtausendwende waren viele NutzerInnen in solchen Foren aktiv, heute dagegen dominieren Plattformen wie Facebook oder Instagram, die nicht thematisch strukturiert sind, sondern auf denen NutzerInnen ihre Profile vernetzen.

Der Reiz von Reddit liegt unter anderem darin, dass man auf der Seite rascher auf Unerwartetes abseits der eigenen Blase stösst. Die Plattform ist ein wucherndes Soziotop, in dem man Stunden mit der Lektüre dadaistischer Texte oder dem Studium von Memes und Fotos verbringen kann – etwa im Subreddit «r/SwitzerlandIsFake», wo nachzuweisen versucht wird, dass die Schweiz ein Potemkinsches Dorf ist. Es gibt aber auch strenger moderierte Unterforen, in denen das Posten lustiger Clips untersagt ist. Reddit dürfte vor allem für Leute mit speziellen Interessen interessant sein: So kann man sich hier etwa gut darüber informieren, welche Trends es bei Indiegames oder im linken Black Metal gibt. Reddit kann zudem sehr nützlich sein, wenn man nach Lösungen für Computerprobleme sucht.

Die Hardcorevariante

Allerdings sorgte die Plattform auch immer wieder für Aufsehen, weil sich dort Maskulinisten und Rassisten organisierten. Vergangenen Juni sperrte Reddit das Unterforum «r/the_donald», in dem Hunderttausende Donald Trump huldigten und rechte Memes und Verschwörungstheorien geteilt wurden. Zuvor war die Kritik an der Verbreitung rassistischer Propaganda auf grossen Plattformen infolge der Black-Lives-Matter-Bewegung lauter geworden. 2018 hatte Reddit-CEO Steve Huffman die Frage, ob offen gezeigter Rassismus gegen die Unternehmensrichtlinien verstossen würde, noch explizit verneint.

Viele Rechtsradikale sind dabei ohnehin längst auf Plattformen wie «8kun» umgestiegen, ein Forum, das von den Philippinen aus betrieben wird und das gewissermassen die Hardcorevariante von Reddit darstellt. Die NutzerInnen des Boards brüsten sich damit, «Normies» – also Leute aus dem «Mainstream» – zu verachten. Wiederholt posteten rassistische Attentäter, die dort als Helden verehrt werden, auf der Seite Bekennerschreiben. Der eher witzige Nihilismus und das Aussenseitertum von «r/wallstreetbets» schlagen so in den Schmuddelecken des Netzes endgültig in einen Todeskult um.

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