Nr. 15/2021 vom 15.04.2021

Hans-Ueli, falsches Gleis!

In der Coronapandemie zeigt sich: Die Wirtschaftsverbände haben ein massives Personalproblem.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Zumindest in einem Punkt hatte Hans-Ulrich Bigler recht. Am Montag trat der Direktor des Gewerbeverbands vor die Medien und meinte: «Die Krise deckt auch bestehende Schwächen auf.» Sie biete aber auch eine Chance, Fehler zu beheben. Nun dürfte Bigler mit diesen Schwächen kaum sich selbst gemeint haben. Rekapituliert man das neuste Zetermordio der Wirtschaftsverbände zu den Coronamassnahmen, drängt sich dieser Verdacht allerdings auf: Das Personal an der Spitze unserer Wirtschaftsverbände ist so schwach wie nie.

Um mit Bigler zu beginnen: 2008 wurde er zum Direktor des Gewerbeverbands gewählt. Seit über einem Jahrzehnt hätte er also die Möglichkeit, die Wirtschaftspolitik der Schweiz mitzugestalten. Doch ausser seinen Schimpftiraden, das Gewerbe dürfe bloss nicht reguliert werden, kam von Bigler in der ganzen Zeit kaum ein origineller Gedanke. Schlimmer noch, er verirrte sich in einen Kampf gegen die Radio- und Fernsehgebühren.

Müsste Bigler draussen in der freien Wirtschaft arbeiten, die er in seinen Ansprachen stets anmahnt, und nicht in seinem geschützten Verband, hätte ihm wohl irgendwann jemand gesagt: Hans-Ueli, falsches Gleis! Doch so passierte in der Coronapandemie das Undenkbare. Tiefrote SozialistInnen wie Mattea Meyer, Cédric Wermuth oder Jacqueline Badran schnappten Bigler das Thema weg und kümmerten sich um die Gewerbetreibenden.

Wenn Bigler jetzt das sofortige Ende des Lockdowns fordert, will er wohl vor allem von seiner eigenen Untätigkeit ablenken. Doch von welchem Lockdown spricht Bigler überhaupt? Abgesehen davon, dass Beizen und Kulturbetriebe geschlossen sind, präsentiert sich die Schweiz im europäischen Vergleich für einmal als eines der offensten Länder überhaupt. Immerhin dieser Trost bleibt Bigler: Am Ende sind die Beschäftigten hierzulande noch immer ihr eigener, verinnerlichter Gewerbeverband. Unvergessen, wie sie einst mit ihm gegen eine Initiative für mehr Ferien stimmten.

Auch der Arbeitgeberverband, das etwas krawattiertere Pendant zu den Gewerblern, meldete sich dieses Wochenende zu Wort. Präsident Valentin Vogt referierte in der «Tagesschau», bis zu 30 000 Neuinfektionen täglich mit Sars-CoV-2 wären verkraftbar. Man muss wahrlich kein Virologe sein, um zu bemerken, dass eine solche sozialdarwinistische Durchseuchung zu einem Kollaps des Gesundheitssystems führen dürfte.

Auch wenn Vogt die Aussage später relativierte: Mit ihm verhält es sich gleich wie mit Bigler. Ähnlich lang, seit 2011, im Amt, ist seine Bilanz alles andere als positiv. Vogt wird als der Mann in Erinnerung bleiben, der das europapolitische Bündnis zwischen den Gewerkschaften und den Bürgerlichen aufbrach. Vor der «Masseneinwanderungsinitiative» der SVP verweigerte er flankierende Massnahmen zur Personenfreizügigkeit, prompt wurde sie angenommen. Bei der Umsetzung wollte er mit den RechtspopulistInnen paktieren, blieb aber zum Glück erfolglos. Seither ist die Europapolitik nachhaltig beschädigt, siehe Rahmenabkommen.

Selbstverständlich könnte man sich aus einer linken Sicht darüber freuen, dass die politische Gegnerschaft über eine schwache Rennleitung verfügt. Erst recht, weil das Phänomen nicht nur die Verbände, sondern auch die Parteien zu erfassen scheint. SVP-Chef Marco Chiesa meldete sich am Wochenende ebenfalls mit einer plumpen Videobotschaft zu Wort, wonach Öffnungen vordringlich seien und die Schweiz angeblich von einer Linksregierung bestimmt werde.

Nur fühlt man sich als BürgerIn, ob links oder rechts, ungern für dumm verkauft. Nach einem Jahr Maskentragen und anderen Einschränkungen ist es zwar verständlich, dass Jugendliche die Nerven verlieren. Die Ungeduld von Krawallsenioren wie Bigler oder Vogt wirkt angesichts der fortschreitenden Impfkampagne und einer drohenden nächsten Infektionswelle nicht nur unverantwortlich, sondern ideologisch verblendet. Bleibt zu hoffen, dass die Wirtschaftsverbände nach der Pandemie Biglers Worten Taten folgen lassen und ihre Fehler beheben: Sie haben eine bessere Leitung verdient.

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