Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

Wie viel Material hat die Polizei mitgenommen?

Die Luzerner Informatikerin und Hackerin Tillie Kottmann hat vertrauliche Daten von grossen US-Firmen publiziert. Im März hat die US-Justiz Anklage gegen sie erhoben, die Luzerner Polizei hat in deren Auftrag Kottmanns Wohnung durchsucht.

Von Susan Boos (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Die Polizei kommt früh, möglichst, wenn man noch im Bett ist. Auch meinen Pass haben sie mir abgenommen»: Tillie Kottmann.

WOZ: Frau Kottmann, die Zeitungen nennen Sie «die berühmteste Hackerin der Schweiz». Alle Medien schreiben über Sie. Wie fühlt es sich an, plötzlich berühmt zu sein?
Tillie Kottmann: Es ist surreal. Ich hatte ja schon vorher immer mal wieder fünfzehn Minuten Ruhm wegen einzelner Hacks. Da ging es aber immer um die konkrete Sache.

Zum Beispiel bei der Intel-Geschichte? Sie haben im vergangenen August eine grosse Menge vertraulicher Daten des Chipherstellers geleakt.
Ja, es gab aber auch andere Leaks, die ich veröffentlicht hatte und die in den USA für Wirbel sorgten, die Schweiz aber kaum erreichten. Jetzt geht es plötzlich auch um mich als Person.

Was ist surreal daran?
Schwierig zu sagen. Alle wollen auf einmal etwas von mir.

Wann hat dieses neue Interesse begonnen?
Das Hackerkollektiv Advanced Persistent Threat 69420: Arson Cats, bei dem ich dabei bin, hat ja die US-Firma Verkada gehackt. Ich habe dann international die Medienarbeit gemacht und Material der Firma veröffentlicht.

Erklären Sie bitte kurz den Verkada-Hack.
Verkada bietet Videoüberwachungssysteme an. Die Daten waren so schlecht gesichert, dass wir Zugriff auf viele Überwachungskameras hatten – von einer chinesischen Fabrik von Tesla über amerikanische Spitäler und Schulen bis hin zu Gefängnissen. Wir konnten über die Kameras sogar in Gefängniszellen reinschauen. Ich habe danach die Daten auf meiner Website und meinem Twitter-Kanal publiziert.

Sie haben auch direkt mit US-amerikanischen JournalistInnen zusammengearbeitet. Wie kamen Sie mit ihnen in Kontakt?
Twitter ist ein gutes Instrument, um etwas an die Medien zu bringen. Journalisten haben sich dann direkt bei mir gemeldet. Mit einigen wie etwa mit William Turton von der Nachrichtenagentur Bloomberg habe ich inzwischen einen permanenten Kontakt.

Bloomberg schrieb Anfang März als erstes Medium über diesen Hack. Wie gings weiter?
Schon drei Stunden nachdem Bloomberg den Artikel veröffentlicht hatte, haben sich japanische Presseagenturen gemeldet. Es kamen Medien aus der ganzen Welt. Drei Tage lang habe ich praktisch nur Presseanfragen beantwortet. Aber da ging es immer noch um den Fall, nicht um mich.

Wann hat sich das geändert?
Nach der Hausdurchsuchung war zum Beispiel der «Blick» plötzlich sehr an mir interessiert. Sie haben auf jedem Weg probiert, mich zu kontaktieren. Ein paar Tage lang haben sie fast nonstop meine Eltern angerufen.

Weil Sie selbst nicht mit Leuten vom «Blick» sprechen wollten?
Nein, weil sie meine Kontaktdaten nicht herausfanden. Ich denke, sie glaubten, dass sie mich bei meinen Eltern finden würden. Ich wohne aber nicht mehr dort. Ein anderes Beispiel: Einen Tag nachdem die Polizei meine Wohnung durchsucht hatte, machte der lokale TV-Sender einen Bericht. Sie brachten Bilder vom Haus, in dem ich wohne, und vom Türschild mit meinem Namen. Da frage ich mich schon, wie die auf die Idee kommen, so was zu tun. Am nächsten Morgen, es war Sonntag, wurde ich um zehn Uhr geweckt, weil irgendwelche Journalisten an der Haustür klingelten.

Was wollten die?
Das weiss ich nicht, ich habe nicht aufgemacht. Ich bin davon ausgegangen, dass es Leute vom «Blick» waren.

Ist Ihnen der Rummel unangenehm?
Es ist einfach ein bisschen stressig und eben surreal – in meinem Leben hat sich ja aktuell sonst nicht viel geändert. Ich werde aber plötzlich auf der Strasse erkannt und bekomme jeden Tag Anfragen für Interviews zu irgendwelchen Themen oder ob ich eine Kolumne schreiben möchte. Das ist megaspannend, aber auch sehr plötzlich sehr viel. Ich vermute, es ist erst der Anfang.

Sie haben die Hausdurchsuchung erwähnt. Im März hat die Luzerner Polizei aufgrund eines US-amerikanischen Rechtshilfegesuchs Ihre Wohnung durchsucht. Wie lief das ab?
Die kommen früh, möglichst, wenn man noch im Bett ist. Es war etwa sieben Uhr, ich war noch in Unterwäsche. Sie haben an der Wohnungstüre geklingelt, also nicht unten an der Haustüre. Zuerst wird geläutet, und dann gibt es ein aggressives Klopfen an der Türe. Da weisst du sofort instinktiv: Die Cops sind da.

Die Wohnung Ihrer Eltern wurde auch durchsucht. Wie fanden die das?
Ja, etwa gleichzeitig. Aber dazu möchte ich nichts sagen.

Wie viel Material nahm die Polizei mit?
So ziemlich alle meine elektronischen Geräte und den Pass.

Den Pass?
Ja, das ist normal in den USA. Die US-Behörden wollen wissen, wohin ich früher gereist bin.

Tillie Kottmann (21) nimmt es recht gelassen, die nächsten Jahre nicht mehr ins Ausland reisen zu können, weil sie sonst verhaftet und an die USA ausgeliefert werden könnte.

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