Literatur : Kein romantischer Ort

Nr.  20 –

Twentynine Palms ist der Name einer staubigen Kleinstadt mit einem Stützpunkt des US-Marinecorps mitten in der kalifornischen Mojavewüste. Ein trostloser Ort entlang des Highway 62, an dem die Schilder von Diners, Cafés und Vergnügungsstätten um die Aufmerksamkeit der TouristInnen auf der Durchreise zum nahen Joshua-Tree-Nationalpark buhlen. Ein Ort, in dem Gewalt wie der omnipräsente Sand in die Seelen der Menschen einsickert und sich mitunter abrupt und verstörend Bahn bricht. Das Setting trifft atmosphärisch ins Herz von Laila Lalamis Roman «Die Anderen», einem vielstimmigen Soundteppich, gewoben aus Familiengeschichten, Kriegstraumata, Rassismus und Identitätssuche. Die Aufklärung des tödlichen Unfalls – oder war es Mord? – von Noras Vater, Driss Guerraoui, zieht sich als roter Faden durch das Geflecht an Stimmen, die mit Ausnahme von Noras Schwester Salma alle in der Ich-Form erzählen.

Zu ihnen gehören nebst Nora und Mutter Maryam auch der tote Driss, der vor vielen Jahren mit seiner Familie aus Marokko geflohen ist und den Diner neben Andersons Bowlingbahn am Highway 62 übernommen hat. Oder der Irakveteran Jeremy und seine Schwarze Polizeikollegin Coleman, die den Hintergründen der nächtlichen Fahrerflucht nachgehen. Und Efrain, der mexikanische Familienvater mit unklarem Aufenthaltsstatus, der den davonbrausenden Wagen gesehen hat, sich aber nicht zur Polizei traut. Unaufgeregt und mit Blick für kleine Details orchestriert Lalami, die selber in Marokko aufwuchs und 1992 in die USA immigrierte, die unterschiedlichen Perspektiven der Personen auf- und zueinander. Wie kleine Nadelstiche kommen so frühere wie aktuelle, eigene wie gegenseitige Verletzungen ans Licht.

Fast ist man am Ende erstaunt, wie nach all dem doch noch ein Happy End am Horizont aufscheint. Oder ist es nur die Fata Morgana des amerikanischen Traums, den uns Lalami hier spiegelt – weil auch sie ihn noch nicht aufgegeben hat?

Laila Lalami: Die Anderen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger. Verlag Kein & Aber. Zürich 2021. 432 Seiten. 34 Franken