Nr. 22/2021 vom 03.06.2021

Mit Kapital und Logik gegen die Ölkonzerne

Ein Gerichtsurteil in den Niederlanden gegen Shell und eine denkwürdige Generalversammlung von Exxon Mobil machen klar: Den Ölkonzernen stehen raue Zeiten bevor.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Die einflussreichsten Wirtschaftsblätter sind sich einig: Der 26. Mai war für die Ölkonzerne ein schwarzer Tag. Der «Economist» schreibt von einem «Bombeneinschlag», die «Financial Times» von einem «Wendepunkt» und das «Wall Street Journal» von einer «grossen Niederlage der Ölgiganten». An diesem Tag verurteilte ein Bezirksgericht in Den Haag den niederländisch-britischen Öl- und Gaskonzern Shell dazu, den CO2-Ausstoss seiner Geschäftstätigkeit bis 2030 um 45 Prozent zu senken. Gleichentags stimmten in den USA die AktionärInnen des US-Ölkonzerns Chevron für eine Resolution, die den Konzern dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen seiner Produkte zu reduzieren. Und noch viel bedeutender: Dem kleinen Hedgefonds Engine No. 1 gelang es – gegen den Willen der Konzernführung –, mindestens zwei Personen in den Verwaltungsrat von Exxon Mobil, einem weiteren US-Ölkonzern, zu hieven, damit sich diese dort für einen klimafreundlicheren Kurs des Unternehmens einsetzen.

Das Urteil von Den Haag bringt nicht nur Shell in Bedrängnis. Denn das Gericht machte mit der Gutheissung der Klage der niederländischen Umweltorganisation Milieudefensie deutlich, dass Shell mit seinen Öl- und Gasprodukten eine Sorgfaltspflicht hat. Der Konzern sei mitverantwortlich für den CO2-Ausstoss, der damit verursacht werde, und mache sich so tendenziell Menschenrechtsverletzungen schuldig. Ein unverbindliches Bekenntnis zum Pariser Klimaabkommen genüge nicht. Es brauche einen klaren Absenkpfad.

Diese Forderung lässt sich auch auf alle anderen Öl- und Gaskonzerne, aber auch viele weitere Unternehmen anwenden, den Zementkonzern Holcim etwa. Denn der Schweizer Multi will zwar den CO2-Ausstoss pro Tonne Zement reduzieren, doch scheut sich das Unternehmen bisher davor, einen klaren Weg aufzuzeigen, wie es den Gesamtausstoss seiner Treibhausgase sukzessive senken will (siehe WOZ Nr. 20/2021).

Wohl noch überraschender als das Urteil gegen Shell und die Annahme der relativ vage formulierten Resolution bei Chevron ist der Sieg von Engine No. 1. Der kleine Hedgefonds besitzt gerade einmal 0,02 Prozent aller Aktien von Exxon. Doch während eines monatelangen Wahlkampfs, bei dem beide Seiten mehrere Dutzend Millionen US-Dollar einsetzten, gelang es ihm, gewichtige Akteure auf seine Seite zu bringen: zuerst vier grosse staatliche Pensionskassen aus New York und Kalifornien und dann auch noch die Vermögensverwalter Blackrock (siehe WOZ Nr. 1/2021) und Vanguard – die beiden grössten Aktionäre von Exxon Mobil. Die Konzernführung stemmte sich bis zum Schluss gegen die Wahl und versuchte, mit einer Verzögerungstaktik noch in letzter Minute InvestorInnen umzustimmen – vergeblich. Ob sogar noch eine dritte Person aus dem Umfeld von Engine No. 1 die Wahl geschafft hat, wird erst bei der Bekanntgabe des offiziellen Wahlresultats nach Redaktionsschluss klar.

Die Wahl bei Exxon Mobil ist ein Beleg dafür, wie sich der Wind auch bei den InvestorInnen dreht. Pensionskassen, aber auch Vermögensverwalter wie Blackrock stehen seit Jahren unter Druck von KlimaaktivistInnen. Dazu zeigt sich immer deutlicher, dass das alte Geschäftsmodell der Öl- und Gaskonzerne nicht mehr taugt. So musste Exxon Mobil für vergangenes Jahr einen Rekordverlust in Höhe von 22 Milliarden US-Dollar bekannt geben. Die Verschuldung des Konzerns hat sich seit 2015 auf über 60 Milliarden US-Dollar fast verdoppelt. Der Gründer von Engine No. 1, Chris James, versteht sich denn auch weniger als Klimaaktivist denn als Kapitalist, der auf «Logik und Ökonomie» setzt.

Doch die grossen Ölmultis wollten bislang nichts von radikalen Änderungen ihres Geschäftsmodells wissen. Nachdem sie – angeführt von Exxon Mobil – jahrzehntelang Lügen und Verharmlosungen über die Gefahr der Klimakrise verbreitet hatten, glaubten sie in den letzten Jahren, mit unverbindlichen Bekenntnissen sei es getan. Das Gericht in Den Haag wie auch der kleine Hedgefonds Engine No. 1 zeigen nun, dass es auch damit bald vorbei sein dürfte.

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