Nr. 23/2021 vom 10.06.2021

Langsamkeit

Von Köbi Gantenbein

Schritt um Schritt von Ilanz nach Genf; Tag um Tag bis zu acht Stunden. Das ist «Klimaspuren», die öffentliche Wanderung, die am Wegrand vom Rhein bis zum Lac Léman in sechs Wochen und an siebzig Ortsterminen die Folgen des Klimawandels in Natur, Landschaft und Gesellschaft studiert. Nach sechs Tagen hat sich der Körper an den Takt gewöhnt, die grosse Langsamkeit. Und nach den ersten zwölf Ortsterminen hat die Expedition ein Paradox kennengelernt: Die Langsamkeit des Wanderns entspricht dem Tempo, in dem Gesellschaft, Politik und Wirtschaft die Klimakrise angehen.

Ist Langsamsein der Daseinsgrund des Wanderers, ist sie in der Klimakrise verheerend. Nur der «Klimastreik» macht Tempo. Seine Churer Gruppe hat mit einer Aktion gegen die Automobilisierung, die das Bündner Rheintal mit der «Neuen Agglomerationspolitik» bedrängt, protestiert. Der Bündner Bau- und Verkehrsdirektor Mario Cavigelli jedoch, den wir in Chur trafen, ist ein Herold der Langsamkeit; er weiss, was die Klimakrise im Berggebiet anrichten wird, verweist aber auf die Vernehmlassungen und andere politische Prozesse. Jürg Schmid, der Präsident von Graubünden Ferien, drechselt hingegen elegante Marketingsprüche; geht es ums Handeln, so sind die Hoteliers, Bergbähnler und Kurdirektorinnen zuständig.

So treffen wir uns im Lob der Langsamkeit. Mit einem Unterschied allerdings: Sie ist die Lebensform des Wanderers und die Ausrede des Politikers. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft machen sich schuldig, wenn sie in die Lebensform und den Daseinsgrund der Wanderinnen flüchten.

www.klimaspuren.ch. Beachten Sie bitte auch die Hausmitteilung auf Seite 2.

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