Nr. 25/2021 vom 24.06.2021

«Ich mache weiter den Mund auf»

Der deutsche Pianist Igor Levit ist gefeierter Interpret und unermüdlicher Aktivist. Im Interview erzählt er, wie die Pandemie sein Spiel veränderte, warum sein Land ihn enttäuscht und wie er mit antisemitischen Angriffen umgeht.

Interview: Cigdem AkyolMail an AutorIn und Adrian Riklin

«Ich erlebe in der Pandemie viel Ignoranz»: Igor Levit. Foto: Felix Broede

WOZ: Igor Levit, Sie haben kürzlich bei einem Fernsehauftritt eine Maske getragen, als Zeichen dafür, dass wir noch nicht zurück in der Normalität sind. Wie prägt die Coronapandemie Sie als Musiker?
Igor Levit: Es ist weniger kompliziert, als es klingt. Wir sind in einer Jahrhundertkrise. Das verschiebt Perspektiven, es verändert Emotionen. Diese Erfahrung wird nicht mehr verschwinden. Sie macht etwas mit uns, und dadurch prägt sie natürlich auch mich und die Art meines Spiels. Gemeinsame musikalische Erlebnisse wurden noch besonderer und wertvoller.

Und wie hat diese Zeit Sie als Person geprägt?
Zum einen sehe ich meine Welt, die Musikwelt, am Abgrund. Ich erlebe da seit über einem Jahr viel Ignoranz, auch politisch. Ein Jahr, in dem Kolleginnen und Kollegen nicht geholfen wurde, obwohl wir versucht haben, die Kultur als Thema in die Debatte einzubringen. Das ist uns nicht gelungen. Wir wurden nicht gehört. Ich bin enttäuscht von meinem Land, ich bin wütend und müde nach diesem Jahr. Und vierzehn Monate später werden wir dann doch noch gehört, indem eine komplett verunglückte Aktion von Schauspielerinnen und Schauspielern medial so gross gemacht wird.

Gibt es auch positive Erfahrungen?
Durch die Hauskonzerte, die ich auf Twitter gab, habe ich für mich eine Art Befreiung erlebt wie wahrscheinlich nie zuvor in meinem Leben.

Befreiung wovon?
Ich habe eine Unmittelbarkeit gewonnen mit meinem Instrument, wie ich sie vorher nicht kannte. Ich habe eine Freude und ein Glücksempfinden – nur schon beim Drücken von Tasten –, die ich so intensiv noch nie hatte. Das ist ein Glück, das ich kaum beschreiben kann.

Was lässt sich aus der aktuellen Situation lernen?
Die Frage für mich ist jetzt: Wie kann ich diesen unmittelbaren Glückszustand in die Zeit mitnehmen, wenn das Analoge der sogenannten Normalität wiederkommt? Ich glaube, das wird die Aufgabe. Menschen vergessen sehr schnell, auch das lehrt uns die Geschichte. Ich möchte zumindest in meinem ganz kleinen Bereich mit dafür sorgen, dass wir nicht zu schnell vergessen.

Mit Ihren Hauskonzerten auf Twitter haben Sie Hunderttausende erreicht. Wie schaffen Sie diesen Spagat zwischen der Innigkeit des Spiels und der Extravertiertheit des Twitterns?
Ich lebe nicht zwei verschiedene Leben. Ich bin der, der Musik macht, der in den sozialen Medien und auch der, der mit seinen Freunden unterwegs ist. Es gibt da keine Trennung. Nach sehr intensiven Erlebnissen brauche ich aber manchmal den härtesten aller möglichen Brüche, um mich selbst ein wenig zu schützen und auf den Boden zurückzuholen. Livemusik ist eine zeitspezifische Kunst: Wenn sie erklingt, ist sie da – und wenn sie aufhört, ist sie weg. Sie ist ja kein Besitz, den man in die Hand nehmen und festhalten kann. Sie haben nur den Moment. Das ist das Besondere an Musik, und deswegen liebe ich sie so: weil sie allen gehört und niemandem. Wenn dann so ein Konzert zu Ende ist, bin ich frei – dann muss es weitergehen.

Wie lässt sich diese Schönheit eines Musikstücks schützen?
Einfach erleben, einfach zuhören. Die Musik braucht unseren Schutz nicht, sie ist da. Sie können sich gar nicht dagegen verwehren.

Schutz ist ein zentrales Thema in Ihrem Buch «Hauskonzert». Früher, so schreiben Sie, hätten Sie einen Panzer gebraucht: «Ich habe das Haus ohne Anzug, Krawatte und Einstecktuch nicht verlassen. Das ist alles weg … Ich versuche, so lange Schichten abzutragen, bis ich nur noch selbst übrig bleibe.» Was ist geschehen?
Das ist eine grosse Frage, für die ich 300 Seiten gebraucht habe. Salopp ausgedrückt: Mein Leben ist geschehen. Mein bester Freund ist gestorben, meine Mutter hatte Krebs, gleichzeitig habe ich wunderbare Freundinnen und Freunde um mich, die mich getragen haben. Diese Erlebnisse haben mich stärker gemacht und mir erlaubt, den Panzer abzuwerfen.

Seit einigen Jahren sind Sie auch als politisch engagierter Zeitgenosse bekannt – vor allem auf Twitter als Kämpfer gegen Antisemitismus, Rassismus und für eine menschliche Migrationspolitik. Seither werden Sie regelmässig von rechts angegriffen und haben gar schon Morddrohungen erhalten. Tauchen Sie in die Musik ab, um diesen geistigen Müll abzuschütteln?
Ich tauche nicht in die Musik ab, ich lebe mit ihr. Das ist ein grosser Unterschied. Diese Leute nehmen mir meine Zeit, aber sie verändern gar nichts. Meine gute Freundin, die Bundestagsabgeordnete Claudia Roth, sagte schon: «Meine Angst kriegen die nicht.» Unzählige erleben das Tag für Tag, sie haben weder Stimme noch Plattform. Ich bin mit vielen in Kontakt, und man versucht, sich gegenseitig zu helfen. Aber natürlich verarbeite ich die Konfrontationen mit diesen Typen auch beim Musikmachen. Zu meinem Leben gehören halt auch Menschen, die solche Sachen über mich schreiben. Die sollen erstens zur Hölle fahren – zweitens werden sie strafrechtlich verfolgt. Und wenn irgendeiner von denen glaubt, dass ich irgendwas nicht mitkriege, nur weil er gerade mal zwanzig Follower bei Twitter hat, dann hat er sich getäuscht.

Fliesst, was Ihnen da zugetragen wird, in Ihre Musik ein? Zum Beispiel, wenn die AfD-Politikerin Alice Weidel an den Bundespräsidenten schreibt, Sie sollten nicht das Bundesverdienstkreuz erhalten?
Natürlich tut es das. Aber wenn Frau Weidel glaubt, sich über mich äussern zu müssen, dann geht mir das da rein und da wieder raus. Ich verabscheue diese Partei. Sie ist eine politische Repräsentation auch von Personen, deren Ziel es ist, dass Menschen wie ich nicht mehr leben. Das muss man auch mal so benennen. Diese Partei, die in unseren Parlamenten sitzt, ist Gift. Aber sie bekommt von meinem Leben keinen Deut Aufmerksamkeit. Frau Weidels Aussage ärgert mich, aber sie soll mir den Buckel runterrutschen. Wenn allerdings jemand schreibt: «Ich erschiesse dich auf der Bühne, du Judensau», dann werde ich aktiv.

Im Buch erzählen Sie von einem Privatkonzert im Jahr 2011. Beim anschliessenden Essen in dieser «wohlhabenden, sehr gepflegten Runde» soll Ihr Tischnachbar, ein Jurist, gesagt haben: «Sie sind zwar mit Ihren Eltern in Deutschland aufgewachsen, was ich in Ordnung finde. Aber Sie dürfen nie vergessen, dass Sie zu einer Bevölkerungsgruppe gehören, die zwar hier lebt, die hier zu leben aber nicht mehr vorgesehen war.» Warum räumen Sie diesem Mann in Ihrer Biografie Platz ein?
Wir kommen mit so einem Thema nicht voran, wenn die Gegenseite nicht auch die Schmerzen versteht, die wir erleben. Es geht darum, den Leserinnen und Lesern zu zeigen, wie hart das ist. Geht damit um, ich muss auch damit umgehen! Deswegen ist es so wichtig, dass Menschen Rassismuserfahrungen in aller Deutlichkeit und Härte mitteilen können.

Helmut Mauró von der «Süddeutschen Zeitung» hat im vergangenen Herbst eine Kritik über Sie geschrieben, die als antisemitisch verstanden werden kann. Darauf haben Sie getwittert, am meisten getroffen habe Sie das E-Mail des Chefredaktors, der betonte, hinter diesem Artikel zu stehen. Ist das angesichts der Machtstrukturen innerhalb elitärer Systeme nicht ein wenig naiv?
Natürlich weiss ich das, aber es tut trotzdem weh, wenn es dann wieder passiert. Was mich erschüttert hat, war die Ignoranz gegenüber meiner Perspektive. Alles andere als zu reagieren wäre ein Abstumpfen, und Abstumpfen wäre Tod.

Sie werden international gefeiert und lassen die Menschen nicht vergessen, dass der Antisemitismus noch sehr präsent ist in Deutschland. Sind Sie für gewisse Leute eine Kränkung?
Ja, das bin ich. Wie viele andere auch. Am Ende geht es um die Machtfrage. Aber die, die das kränkt, für die werde ich mein Leben nicht ändern. Ich werde weiter den Mund aufmachen und Musik machen. Ich liebe das, was ich tue. Ich liebe die Menschen, für die ich es tue.

Das Interview wurde per Video geführt.

«Hauskonzert»

Pianist des Widerstands

Geboren 1987 im russischen Nischni Nowgorod, erhielt Igor Levit den ersten Klavierunterricht von seiner Mutter, einer Klavierlehrerin. Mit sechs Jahren spielte er erstmals ein Konzert mit Orchester. 1995 siedelte die Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland über. Nach einem Zwischenhalt am Salzburger Mozarteum schloss Levit in Hannover sein Klavierstudium mit Auszeichnung ab und übernahm dort 2019 eine Professur für Klavier.

Levit, der in Berlin lebt, gilt als einer der besten klassischen Pianisten der Welt und tritt in den renommiertesten Konzerthäusern auf, kommenden August etwa erneut im KKL am Lucerne Festival. Es sind mehrere Aufnahmen von ihm erschienen, unter anderem von Johann Sebastian Bachs «Goldberg-Variationen». Zum Beethoven-Jahr 2020 spielte er alle 32 Klaviersonaten von Beethoven ein.

Bekannt ist Levit auch durch seinen regen Social-Media-Aktivismus. Letztes Jahr streamte er für seine zigtausenden Twitter-FollowerInnen Hauskonzerte aus seiner Wohnung. Regelmässig äusserte er sich in den letzten Jahren über Twitter mit politischen Statements. So hat sich Levit, der Mitglied der Grünen ist, neben seiner Kunst auch einen Namen im Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus sowie für den Klimaschutz gemacht. 2018 gab er den Echo-Klassik-Preis, den wichtigsten deutschen Musikpreis, zurück – aus Protest gegen die Verleihung eines Echos an die Rapper Kollegah und Farid Bang trotz deren antisemitischen Rapzeilen. Für sein politisches Engagement erhielt er unter anderem den Internationalen Beethoven-Preis, eine Auszeichnung des Internationalen Auschwitz-Komitees und das Bundesverdienstkreuz. Wegen nicht enden wollender Anfeindungen hat er seinen Twitter-Account kürzlich gelöscht.

Unter dem Titel «Hauskonzert» ist im Hanser-Verlag ein Buch erschienen, das Levit gemeinsam mit dem «Zeit»-Redaktor Florian Zinnecker verfasst hat: keine klassische Biografie, eher ein freies Spiel der Erinnerungen, in denen die jüngste Vergangenheit den grössten Raum einnimmt. Rührend wird es, wenn Levits Mutter Elena zu Wort kommt. Zärtlich beschreibt sie, wie ihr Sohn als Kind sehr ungeduldig und schwer zu bändigen war, sodass er aus der Schulklasse flog. Etwas weniger Eitelkeit, mehr kritische Distanz und analytische Einordnung hätten dem Werk aber gutgetan. So erscheint das Buch vielmehr wie ein langes Gespräch zwischen einem Musiker und seinem Fan.

Cigdem Akyol

Igor Levit und Florian Zinnecker: «Hauskonzert». Hanser Verlag. München 2021. 304 Seiten. 38 Franken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch