Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

Hier riechts nach Mensch

Von Gianna Rovere

Es beginnt mit einem entzündeten Tattoo an der rechten Wade von Dirk. Vom krassen Dirk, den das Getuschel von Mitstudentinnen gefährlich verunsichert. Es folgt Irina; ihr neuer Chef reibt beim Vorstellungsgespräch Holztierchen aneinander, während er ihr tief in die Augen schaut.

«Menschen wie Dirk. Short Storys» heisst das zweite Buch der Zürcherin Julia Kohli und versammelt sieben Kurzgeschichten, die sich rasant – fast schon atemlos – lesen. Sie beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven vorherrschende Geschlechterrollen, Sexismus im Alltag und daraus entstehende, unvermeidbare Konflikte. Die Situationen, Szenen und Personen sind in einer detailreichen, flüssigen, auch mal ironischen Sprache beschrieben und zeigen Kohli als genaue Beobachterin. Durch ihre Schilderungen wirken alltägliche Ereignisse plötzlich absurd und lassen eine im positiven Sinne wütende Autorin durchscheinen. Jede Erzählung hat eine Hauptfigur, die entweder in der dritten Person beschrieben oder von Kohli salopp per Du durch unangenehme Situationen geführt wird: «Du musst dich jetzt zusammenreissen, welche Antwort hättest du dir denn gewünscht?», stichelt sie zum Beispiel gegen den «Eidgenossen» Urs, bevor sie ihm zur Strafe einen Computervirus auf den Rechner jagt.

In diesen Short Storys werden ProtagonistInnen wie Marionetten gegen ihre Mitmenschen ausgespielt, was innere Ausbrüche oder blutige Übergriffe provoziert. Wut ist das verbindende Element der Textsammlung – sie schwappt auch auf die Leserin über. Die Emotionen manifestieren sich je nach Kurzgeschichte anders: Körperbilder, Rollenzuschreibungen, Selbstverständnisse oder Gedanken, die über die Menschen kommen und nur schwer auszuhalten sind.

Manche Figuren sind durch die ungefilterte und voreingenommene Perspektive von Kohli gewollt stereotyp gehalten und verlieren so an Glaubwürdigkeit. Das ist erschreckend beruhigend: Denn wer will solchen Menschen schon in einer realistischen Version begegnen?

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