Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

So weit, so eng

Woher kommt der ländliche Trotz gegen alles Städtische? Vom fehlenden Debattenraum und von Beamten, die Blümchen zählen – eine Reportage aus den Berner Voralpen.

Von Renato BeckMail an AutorIn (Text) und Roland Schmid (Foto)

«Vielleicht sollten wir nur über das abstimmen, was uns direkt betrifft» – «Aber wenn wir was wollen, brauchen wir auch Unterstützung»: Doris Rüegsegger und Dänu Jost im Eriztal.

Am Abend, wenn Doris Rüegsegger im Garten steht, jätet und wässert, schaut sie manchmal hoch zum Himmel und zählt Kondensstreifen. Auf siebzehn ist sie schon gekommen – siebzehn Flugzeuge, die vor dem Eindunkeln ihren Horizont kreuzen. «Das ist doch verrückt, wo müssen die denn alle so dringend hinfliegen?» Rüegsegger lacht. Aber eigentlich findet sie es nicht besonders lustig. Leute, die schnell übers Wochenende irgendwohin jetten, aber ihnen hier das Benzin teurer machen wollen, obwohl jede Fahrt notwendig ist? «Für mich stimmt das nicht», sagt sie.

Doris Rüegsegger (45) hat einen kleinen Bauernhof im Eriztal in den Berner Voralpen. Ein weites, von Hügeln geprägtes Tal, das vom Thuner Vorort Steffisburg ansteigt und an den Hängen des Hogant und der imposanten Karstformation Sieben Hengste ausläuft.

Vom Hauptort Eriz, wo Rüegseggers Hof steht, bis in die Stadt nach Thun dauert es mit dem Auto eine gute halbe Stunde. Eine kurze Distanz zwischen zwei Welten, die angeblich so verschieden sind. Jedenfalls ist das die Erzählung, um die es hier geht, kurz nach der Abstimmung über das neue CO2-Gesetz und die beiden Agrarinitiativen.

Rüegsegger betreibt Milchwirtschaft, wie viele Bauernbetriebe im Eriz mit wenig Vieh. Zwölf Kühe halten sie und ihr Mann, und weil das finanziell nicht aufgeht, arbeitet er nebenbei noch als Zimmermann. Sie kaufen kein Futter zu, sie spritzen kein Gift. Fast alles, was es für ihren Betrieb braucht, entspringt mühseliger Handarbeit, etwa das Entfernen von zähem Unkraut auf den Alpwiesen. «Mein Vater hat sein Leben lang die Placken ausgestochen. Ich mache das auch, ich spritze sie nicht. Stundenlang laufe ich dem Gjätt nach mit Pickel und Jätsack. Das zahlt mir kein Mensch. Aber ich mache es, weil es der richtige Weg ist. So bin ich aufgewachsen», sagt sie.

Und trotzdem stimmte sie wie so viele in ihrer Gemeinde, wie das gesamte Berner Oberland, wie weite Teile der ländlichen Schweiz drei Mal Nein an jenem Abstimmungssonntag. Obwohl ihre Art der Landwirtschaft eigentlich bestärkt worden wäre. Der richtige Weg. Aber etwas war falsch daran.

Überall die SVP

An der Hauptstrasse, die das zehn Kilometer lange Tal durchläuft, hat jemand Holzschilder aufgestellt. Bloss ein Wort steht drauf: «Warum?» Vom Schild herab hängen an Schnüren Dosen, Büchsen, Bierflaschen. Abfall, den TagestouristInnen liegen gelassen haben. Sie kommen aus der Stadt, um hier oben durchzuschnaufen, und dann verschandeln sie das Land, so sehen sie das im Dorf. «Sie gehen auch einfach in die Ställe rein», sagt Rüegsegger. «Warum?»

Einer aus dem Eriz, der über beide Welten und über ziemlich viele verschiedene Wege Bescheid weiss, ist Dänu Jost (61). Bis vor kurzem war Jost Gemeindepräsident von Eriz, neun Jahre lang. In den achtziger und neunziger Jahren aber war er militanter Aktivist. In Gruppierungen, in die man nicht so einfach reinkam. Die sich gegenseitig so fest und den anderen so wenig vertrauten, dass sie irgendwann sogar eine Kita für die eigenen Leute aufmachten. In der Berner Reitschule sozialisiert, später beim Aufbau, Anti-Wef, heute, sagt er, «bloss noch ein bisschen Antiimp», Antiimperialismus.

Das alte, schön ausgebaute Bauernhaus, in dem Jost mit seiner Frau Anita (63) lebt, ist leicht zu erkennen. An der Fassade haben sie Fahnen aufgehängt. Gletscherinitiative, Frauenstreik, Kovi, Anti-Wef und Radio Rabe, das Dänu Jost einst mitgegründet hat. Bald wird eine neue dazu kommen. Gerade hatten sie eine dicke Broschüre von jesus.ch im Briefkasten, in der gegen die Homoehe argumentiert wird. Anita Jost bestellte sofort eine Fahne für die «Ehe für alle».

Wie passt das ins Eriz? Der Stadtberner Jost kam wegen einer früheren Beziehung hier herauf; die ist zerbrochen, aber Jost ist geblieben. «Ich hab mich grad wohlgefühlt hier. Es sind gute Leute. Aber klar, du redest anders, hast andere Themen.» Als dann der ehemalige Gemeindepräsident von Tür zu Tür ging, um einen Nachfolger zu finden, blieb er bei Jost hängen. Sie fanden keinen anderen, also machte er es. Heute sagt er: «Ich weiss von etlichen Leuten, dass sie mich gut fanden. Und von etlichen, dass sie mich nicht gut fanden.»

Was ihm zu schaffen machte, waren die Sitzungen mit den anderen GemeindepräsidentInnen im Bezirk. Fast alle SVP. Einer davon: der ehemalige SVP-Präsident Albert Rösti. «Dann musst du einen auf Kumpel machen. Da merkte ich, es reicht. Du kannst jetzt mal aufhören», sagt Jost. Mit der SVP als dominierender Partei hatte er sich arrangiert. Jost ignorierte die «Hohlköpfe», wie er es ausdrückt. Hielt sich an jene, bei denen er keine Ideologie spürte. Es gebe nun mal nur eine Partei, die hier Politik mache. «Und viele übernehmen einfach die Positionen der Partei», sagt er. «Wenn eine Sektion offen ist, ist das Ganze offen. Wenn eine Sektion reaktionär ist, ist das Ganze reaktionär.»

Eriz liegt im Kernland der SVP. Unten, im Thuner Kessel, befindet sich das bäuerliche Uetendorf, wo Rösti Gemeindepräsident ist. Zwischen Eriz und dem Thunersee liegt das Gemeindegebiet von Sigriswil. Amstutzland. Grosse Figuren der Partei, die hier jede Abstimmung und jede Wahl haushoch gewinnt. Adrian Amstutz ist besonders beliebt im Schnittbereich zwischen SVP und evangelikalen Freikirchen, die im Oberland Zulauf haben und die traditionelle reformierte Kirche stark bedrängen.

Dabei ist hier auch die reformierte Kirche eine andere als in Zürich oder Bern. Anita Jost ist nicht gläubig, aber sie ist nie aus der Kirche ausgetreten. In Schwarzenegg, ein paar Kilometer talabwärts von Eriz, besucht sie manchmal die kleine Kirchgemeinde. Als Jost fragte, warum sie nicht die Mitgliederzeitung der Deutschschweizer Reformierten erhalte, erfuhr sie, dass der Versand per Abstimmung gestoppt worden war. «Ich finde das schade, da ging es auch mal um Gleichberechtigung, um Lebensrealitäten in Afrika oder Südamerika», sagt Anita Jost. Stattdessen verschickt die Kirchgemeinde ein eigenes, vierseitiges Blatt. Die Gründe? Anita Jost zuckt mit den Schultern. «Ist doch klar, die Zeitung war ihnen zu liberal», glaubt Dänu Jost.

Der Debattenraum hier oben ist eng. Abonniert wird allenfalls das «Thuner Tagblatt» oder der «Schweizer Bauer», geschaut wird SRF, wo die SVP gerade wieder mit harten Bandagen um noch mehr Präsenz kämpft. Aber verhängnisvoller als die fehlende Medienvielfalt ist die Absenz der Parteien. Vor einer Abstimmung hängen nur die Plakate der SVP, das ganze Tal ist voll damit, in den Briefkästen liegen nur deren Flyer. Bei den letzten kantonalen Wahlen holte die krude Liste «5G Ade!» in Eriz mehr Stimmen als FDP und CVP zusammen.

Trotz gegen die Stadt

Die SVP setzt nach ihrem Abstimmungssieg über das CO2-Gesetz voll auf die ländliche Basis. Schlägt mit aller Kraft in die Kluft zwischen Stadt und Land. Twittert über «linksgrüne arrogante Städter». Die für die Partei ungünstigen demografischen Gewichte kann nur eine Dauermobilisierung auf dem Land ausgleichen. Wenn dort 80 Prozent der Stimmbevölkerung für die SVP an die Urne gehen, dann kann es reichen. Wer hält dagegen, gerade im Eriz?

Aber die Ressentiments gegen die Stadt reichen tiefer, über die SVP hinaus. Jost sagt: «Es gibt den Trotz gegen die Stadt.» Ein typischer Moment sei gewesen, als vor ein paar Jahren über eine neue Tramlinie in Bern abgestimmt wurde. Das Eriz war dagegen. «Ich habe gedacht, das geht euch doch einen Scheiss an. Wenn sie das in Bern brauchen, sollen sie es haben.» Jost sagt aber auch: «Auch wenn wir was wollen, brauchen wir Unterstützung.»

Er spricht über den Moorschutz, ein wichtiges Thema in der Gemeinde; weite Teile des Gemeindegebiets stehen unter Schutz. «Mich hat der Kanton so genervt. Die kamen hier rauf und haben jedes Pflänzchen gezählt. Mit der Attitüde, dass unsere Bauern hier die Natur kaputtmachen und sie jetzt Ordnung schaffen müssten. Das ist eine Frechheit. Hier ist alles intakt, weil wir sehr gut zur Natur schauen.»

Das Rotmoos ist ein Hochmoor von nationaler Bedeutung. Jetzt im Sommer blüht der Torf. Vor dem Auge tut sich ein Teppich aus Sauergräsern auf, aus dem die buschigen, weissen Blütenköpfe des Scheiden-Wollgrases herausragen und die sternförmigen Blütenspitzen des Fieberklees. Adlerfarn wächst unbedrängt, kleine Birken recken sich aus dem Gras. Weit verteilt im Moor stehen uralte Gehöfte, mit Schindeldächern, die fast bis zum Grund reichen. Ein Landstrich von fast unwirklicher Schönheit.

«Und was ist mit dem Jagdgesetz?»

Doris Rüegsegger war eben wieder im Rotmoos. In Begleitung von vier Beamten aus Bern. «Blümchen zählen», sagt sie und lacht. Einmal im Jahr mähen die Bauern das Moor. Der Stichtag wird vom Kanton vorgegeben. «Nur ist es heute nicht mehr so wie damals, als mein Vater noch den Hof hatte», sagt Rüegsegger. Die Blütezeiten haben sich nach vorne verschoben, um eine, zwei Wochen. Eine Folge der Klimaerwärmung. Nach der Blüte wird das Gras schnell hart und zäh. Dann können die Bauern die Lischen, das Moorgras, nicht mehr ihren Tieren verfüttern.

Die Berner Behörde bewilligte einen neuen Stichtag. Hat sich Rüegsegger über die Kontrolle geärgert? «Ganz im Gegenteil, ich war froh, dass sie gekommen sind. Sie haben gesehen, dass wir das sehr anständig machen.»

Wir sitzen vor ihrem Hof. Doris Rüegsegger, ihre vierzehnjährige Tochter Anja, Dänu Jost. Wir diskutieren über die Stadt, das Land, die Ressentiments. Irgendwann kommen wir auf Migrationspolitik zu sprechen, darauf, warum Gemeinden wie Eriz Phänomene bekämpfen, von denen sie völlig unberührt sind. Eriz hat 482 EinwohnerInnen, davon sind 9 AusländerInnen. Es gibt kaum Jobs, keine Gewerbe- und Bauzonen, es gibt keine ZuzügerInnen. Rüegsegger hört sich das an, dann sagt sie: «Und was ist mit dem Jagdgesetz?»

Wenn sie abstimmt, liest sie das Abstimmungsbüchlein genau durch, so hat sie das jetzt auch ihrem Sohn beigebracht; dann wägt sie ab und entscheidet. «In erster Linie muss es für mich stimmen, aber ich will auch, dass es Anja einmal gut geht.» Und das grosse Ganze? Das, was einem selber nicht hilft, aber dafür anderen? Sie denkt kurz nach. «Vielleicht sollten wir nur darüber abstimmen, was uns direkt betrifft.»

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