Nr. 28/2021 vom 15.07.2021

König ohne Reich

Parteipräsident Balthasar Glättli will die Grünen für Konservative wählbar machen – ohne die linke DNA der Partei preiszugeben. Kann das klappen? Und ist Glättli überhaupt zu verstehen?

Von Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Balthasar Glättli hat mehr Interesse an den grossen Fragen als am Klein-Klein der Parlamentspolitik. Aber ob er über Wasser gehen kann?

Balthasar Glättli wirkt an diesem Dienstag nach der verlorenen CO2-Abstimmung so, wie er eigentlich immer wirkt: aufgeräumt. Die Beine übereinandergeschlagen, den Körper leicht seitlich drapiert, sagt er in der Bundeshauscafeteria, am Sonntag habe er aus Frust zu viel getrunken. «Aber nun bin ich bereits wieder im Widerstandsmodus.»

Dabei ist die Abstimmungsbilanz für die Grünen bitter. Sie sind den Liberalen beim Co2-Kompromiss weit entgegengekommen. Haben ein auf marktwirtschaftlichen Lenkungsabgaben basierendes Gesetz geschluckt. «Und dann überzeugt die FDP ihre Basis nicht, das ärgert mich schon.»

Es sind ohnehin keine einfachen Zeiten für die Grünen, die im Herbst 2019 einen historischen Wahlsieg errungen haben. Sechs Prozentpunkte an WählerInnenstimmen gewannen sie damals dazu, legten in National- und Ständerat 21 Sitze zu. Seither leidet die Partei an Wachstumsschmerzen. Sie hat Bundesratsambitionen angemeldet, kann ihre Energie also nicht mehr aus der gewohnten Oppositionsrolle ziehen. Stattdessen müssen die Grünen ihre «Regierungsfähigkeit» beweisen. Gleichzeitig gemahnt gerade die Co2-Abstimmung daran, dass man mit einer Kompromisspolitik, die auf Dauer keinen Fortschritt bringt, nichts gewinnen kann.

Wie in den Nachbarländern Deutschland und Österreich reiben sich die Grünen auch hierzulande an der Machtfrage auf: Wie wird man zur «Volkspartei», ohne die eigenen Positionen abzuschleifen? Und wer soll die Grünen künftig wählen?

Die Bundesratsfrage

Balthasar Glättli, der die Grünen seit gut einem Jahr präsidiert, gab gleich nach seinem Amtsantritt eine Antwort, die in seiner traditionell linksorientierten Partei Unmut auslöste. In verschiedenen Interviews liess der Parteipräsident verlauten, die Grünen müssten auch WählerInnen aus der Mitte abholen. Einmal antwortete er auf die Frage, ob er grün sei wie eine Gurke oder eher wie eine Wassermelone – aussen grün, innen rot: «Melone! Auch ein wenig Zuckermelone. Also aussen grün und innen orange. Wir müssen zur CVP und auch zu potenziellen CVP-Wählern einen Draht finden. Über das wertkonservative Element können wir Grünen das schaffen.»

«Das waren ungeschickte Äusserungen», sagt ein Fraktionsmitglied. «Damit irritierte er unsere Stammwähler.» Glättli selbst will seinen Flirt mit der Mitte aber nicht einfach als Fauxpas abtun. Bei einem Treffen während der Sondersession im Mai sagt er, er wolle die Partei keinesfalls nach rechts rücken. «Das wäre die dümmste Überlegung, die man machen kann. Die Mitte ist völlig übernutzt.» Stattdessen habe er eine «dialektische Operation» versucht, «um den linksgrünen Block zu stärken».

Was Glättli damit meint: Vor zwei Jahren schickten die Grünen die damalige Parteipräsidentin Regula Rytz ins Bundesratsrennen. Man scheiterte nicht nur an der schlecht vorbereiteten Kampagne, sondern in erster Linie an einer bürgerlichen Mauer: Die Mitte-Partei, von der man sich Unterstützung für eine grüne Kandidatur erhofft hatte, lud Rytz noch nicht einmal zum Hearing ein, weil sie für den Bundesrat zu links sei. Balthasar Glättli war damals Fraktionschef. Die Bruchlandung habe ihm sehr zugesetzt, hört man aus seinem Umfeld. Glättli selbst sagt im Bundeshaus, der Wahlkampf sei die bislang stressigste Zeit seines Lebens gewesen. Aber er habe danach gut geschlafen, «weil klar war, dass wir auch ohne eigene Fehler keine Chance gehabt hätten».

Die Grünen wurden bei den letzten Wahlen zur viertstärksten Partei. Übervertreten sind in der Regierung in erster Linie die Bürgerlichen, zuvorderst die FDP. Sollte jedoch auch die SP bei den nächsten Wahlen weiter Stimmen verlieren, wackelt bald auch der zweite Sitz der SozialdemokratInnen. «Die Grünen dürfen ihren Sitz nicht auf Kosten der SP holen», sagt Glättli. Deshalb müsse man sich von der SP abgrenzen. «Wenn es beim nächsten Mal heisst: Links und grün ist doch dasselbe – was antworten wir dann darauf? Das dürfte entscheidend sein.»

Glättli will die Grünen zu einer eigenen Marke machen und auch in den ländlichen Regionen Stimmen holen, wo traditionell die Mitte-Partei stark ist. «Wir können Stimmen gewinnen von Leuten, denen die CVP zu katholisch-konservativ ist», sagt er. «Menschen, die aus einer Schöpfungsvorstellung heraus eine Beziehung zur Natur haben, zum Tierschutz, zur Landschaft. Leute, die wachstumskritisch sind, die aber ‹Büggeli› kriegen, wenn sie das Wort ‹Marxismus› hören.»

«Er könnte es verstolpern»

Für Balthasar Glättli gilt: Seine grösste Stärke ist als Parteichef gleichzeitig sein grösstes Risiko. Der grüne Parteichef spricht lieber über die grossen Fragen als über das Klein-Klein der Parlamentspolitik. «Covid ist ein Jahrhundertereignis, mindestens so einschneidend wie Tschernobyl oder der Mauerfall. Was mich wach hält, ist die Frage: Wie schafft man es, aus dieser historischen Position heraus linksgrüne Politik zu stärken?» FDP-Nationalrat Kurt Fluri, der mit Glättli in der Staatspolitischen Kommission sitzt, sagt: «Er ist ein interessanter Gesprächspartner, sehr belesen. Man kann mit ihm über alles tiefschürfend reden. Manchmal entwickelt er noch während des Votums eine weitergehende Idee.»

Aus seiner eigenen Partei hört man, Glättli interpretiere das Präsidentenamt auf fast etwas altmodische Art. «Er denkt weit über 2023 hinaus, will gesellschaftliche Vorschläge machen. Mit ihm zu reden, ist inspirierend.» Balthasar Glättli, der in einem Lehrerhaushalt im Zürcher Oberland aufgewachsen ist, versteht sich selbst als Intellektuellen. Eine Parteikollegin sagt: «Ich persönlich mag das sehr, aber manchmal denkt Balthasar zu laut nach. Er könnte sich verstolpern.»

Nach seinen Äusserungen zu seiner «melonengrünen» Identität musste sich Glättli intern den Vorwurf gefallen lassen, er habe nach aussen getragen, was man als taktische Überlegung nur innerhalb der Partei diskutieren dürfe. «Klar müssen wir auch Leute abholen, die wachstumskritisch sind, aber nicht klassisch links», sagt die Mahnerin. Doch das funktioniere nur bei einzelnen Sachabstimmungen, etwa zu Fluglärm. Nach aussen dürfe man das progressive Profil nicht verwässern. Es brauche «Slogans, Klartext, Forderungen statt pedantischer Analysen».

Manchmal, im Gespräch, schnellen Glättlis Augäpfel nach oben. Dann driftet er ab, zu Foucault, zu Thesen der Befreiungstheologie, zum naturalistischen Fehlschluss. Letzteren bringt der Zürcher während einer Tramfahrt Anfang April auf. Ziel der Fahrt ist das Unispital – Impftermin.

Bei den Grünen war die Impfskepsis anfangs relativ gross. Inzwischen sei sie zum Glück kleiner geworden, sagt Glättli. Er habe viele Zuschriften erhalten, viele Diskussionen geführt. Manche grünen Wähler hätten eine eher spirituelle Beziehung zur Natur. Eine Art Sehnsucht nach einem romantisierten Naturzustand. Da seien dann manchmal auch gefährliche Denkmuster nicht weit. «Bezogen auf das Coronavirus gibt es den naturalistischen Fehlschluss, dass das Naturgesetz des ‹survival of the fittest› auch in unserer Gesellschaft seine Richtigkeit hat.»

Spaziergang an der Limmat. Frühsommerlicher Regen. Der Grünen-Chef erzählt davon, wie der bekannteste Mythos über ihn zustande kam: Als sechsjähriges Kind erkrankte der heute 49-jährige Glättli an Leukämie. Seine Überlebenschancen lagen bei fünfzig Prozent. In zahlreichen Porträts über ihn kann man heute lesen, das Überleben der Krankheit habe ihm deutlich gemacht, dass er in diesem Leben noch einen Auftrag habe. Glättli sagt auf dem Spaziergang: Natürlich habe ihn die Krankheit geprägt, aber auf viel komplexere Weise. «Das mit dem Auftrag habe ich einmal bei Roger Schawinski gesagt. Er stellte ja am Anfang der Sendung immer die Frage: ‹Wer bist du?›. Beim ersten Mal sagte ich irgendetwas Gewöhnliches wie: ‹Ich bin Balthasar Glättli, grüner Politiker.› Doch ich merkte, dass er damit nicht zufrieden war. Er hakte immer wieder nach, wollte offensichtlich etwas anderes hören. Nach der Sendung sprach ich ihn darauf an, er sagte dann, ich solle doch etwas zur Krankheit sagen, das sei doch was Besonderes. Beim nächsten Mal tat ich ihm den Gefallen.»

Kein Konservativer

Am meisten habe ihn die Leukämie wohl in dem Sinne geprägt, dass ihn seine Eltern dadurch anders erzogen hätten, sagt Glättli beim Schlendern. «Allein dass ich lebte, dass ich mich zu einer Persönlichkeit entwickeln konnte, hat ihnen gereicht. Sie haben mir ein gewisses Urvertrauen, eine grosse Gelassenheit vermittelt. Haben mich bei allem unterstützt, was ich tun wollte. Das hat mich sehr geprägt.» Heute sei er keine ängstliche Person, sagt Glättli. «Klar, wenn ich zum Beispiel in einer Fernsehsendung im Zentrum stehe, werde ich leicht nervös.» Richtige Furcht aber sei das nie.

Zu Balthasar Glättlis Art der Gelassenheit gehört auch, dass er manches stehen lässt, Fehlinterpretationen nicht panisch aus dem Weg zu räumen versucht. Leicht einzuordnen ist der Politiker ohnehin nicht. Als Kantischüler war er eine Zeit lang im Umfeld einer Bibelgruppe aktiv. «Der Grund dafür war aber sehr weltlich: Ich war in eine Mitschülerin dort verliebt, die dann auch meine Freundin wurde.» Er habe die Gruppe umgepolt, sagt Glättli. Weg von der klassisch freikirchlichen Prägung, «hin zum tätigen Christentum». Theologische Fragen trieben den Schüler aber durchaus um. Wer ihm deshalb einen Hang zum Konservativismus zuschreibt, liegt dennoch falsch: Es waren vor allem die befreiungstheologischen Fragen, die den jungen Balthasar Glättli beschäftigten. Seine linke Haltung entspringt der daraus geschöpften Grundüberzeugung, dass die Welt verbesserbar sei, «während die Konservativen von einer göttlichen Weltordnung ausgehen, die allen ihren Platz zuweist».

ParteigefährtInnen sagen: Auch wenn es manchmal anders erscheinen könne – Glättli sei in seinen Grundwerten unkorrumpierbar. Er sehe die Grünen ganz klar als internationalistische Menschenrechtsbewegung. Die grosse Frage wird während seiner Amtszeit bleiben: Kann Glättli dies auch überzeugend kommunizieren? Und schafft er den Spagat zwischen grünen Wachstumsträumen und einer kritischen Bewegung, der die Forderungen der Partei nicht radikal genug sein können?

Noch fühle er sich etwas wie ein König ohne Reich, sagt Glättli bei einem Treffen. Er spricht zwar bloss von den Herausforderungen der Coronazeit: «Als neuer Parteipräsident musst du netzwerken, die Leute von deinen Ideen überzeugen, das ist über Videochats enorm schwierig.» Doch das Bild taugt auch für Glättlis Gesamtsituation.

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