Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Erst der Piks, dann die Speisekarte

Um möglichst viele Unwillige in diesem Herbst doch noch zum Impfen zu ermutigen, braucht es positive Signale. Eine erträumte Anregung.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in

Mit Zertifikat ans bezahlte Gelage im Bahnhofsbuffet: Ach, was wär das schön! Bild: «Zehn Minuten Aufenthalt» (1875) von Knut Ekvall, AKG-Images

Zuerst waren es nur einzelne Szenen, die mir wieder in den Sinn kamen, doch allmählich setzten diese sich zu einem Ganzen zusammen. Wobei – wie bei Träumen üblich – klar ist, dass sich manches erst nachträglich ins Geschehen einbettete. Auf jeden Fall fand ich mich in diesem Traum im Bahnhofbuffet Olten wieder, und mit annähernder Sicherheit musste es sich um einen Montag handeln.

Montag, der 13. September, an diesem Datum also hätten im Bahnhofbuffet Olten Andi Handke, Stadtzürcher Quartierbeizer und Mitinitiator des soeben gegründeten Gastroverbands Gastrobon, Anne Lévy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit, Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur, Lukas Engelberger, Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz, Anna Hofmann von Cuisine sans frontières sowie Murat Yakin, Cheftrainer des Fussballnationalteams, verkündet, dass man sich angesichts der tiefen Impfquote und der bevorstehenden kälteren Jahreszeit zu einer neuen Strategie entschlossen habe. Statt die Leute mit sackteuren Coronatests zu bestrafen, wolle man alle, die sich bereits hätten impfen lassen, belohnen – ebenso jene, die sich demnächst doch auch noch zu einer Impfung entschlössen. Dafür bekomme jedeR mindestens sechzehnjährige LandesbewohnerIn, und zwar unabhängig vom Aufenthaltsstatus, einen Gutschein im Wert von hundert Franken für den Konsum in frei wählbaren Restaurants, Bars, Klubs und Kulturlokalen. Mit dem gleichzeitigen Vorweisen eines amtlichen Ausweises würden die Bons, jeweils mit dem Code des Impfzertifikats versehen, sofort als Zahlungsmittel funktionieren. Menschen, die über genug Geld verfügten, sei geraten, ihren Bon an Menschen weiterzugeben, für die hundert Franken mehr als ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk sind.

75 Prozent bis Dezember

Hierbei gebe es zwar noch datenschutztechnische Probleme, was umso mehr dafür spreche, jemanden direkt zu einem gemeinsamen Essen einzuladen. Mit all dem, so der Basler Gesundheitsdirektor Engelberger, wolle man mehrere Effekte in einem auslösen: die Impfquote rasch und deutlich erhöhen, die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle erheblich senken, das Spitalpersonal spürbar entlasten, die gebeutelte Gastro- und Kulturbranche nachhaltig unterstützen, weniger Privilegierte mehr teilhaben lassen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt neu beleben.

Gastronom Handke erläuterte darauf die Gründung des neuen Gastroverbands. Der Entschluss fiel, nachdem Casimir Platzer, der Präsident von Gastrosuisse, die Zertifikatspflicht verfassungswidrig genannt hatte. Die Abspaltung von Gastrosuisse, so Handke, sei in vollem Gang, immer noch mehr WirtInnen schlössen sich dem neuen Verband an und beteiligten sich an der Aktion, worauf Murat Yakin sein Proseccoglas hob und mit verschmitztem Lächeln sagte, dass auch er Erfreuliches berichten könne: Nachdem der Schweizerische Fussballverband partout nur gegen Entgelt Teil einer solchen Kampagne habe sein wollen, habe er mit einigen Spielern erreichen können, dass sie als Privatpersonen kostenlos für eine solche Kampagne bereitstünden. Sein Team sei ja geradezu prädestiniert, um möglichst viele Gruppen anzusprechen, und die sprachliche und kulturelle Vielfalt immens, immerhin stünden Kinder von Eltern aus fünfzehn Herkunftsländern im aktuellen Kader.

Worauf auch Anna Lévy vom BAG das Glas erhob. Gewiss sei es mit Gutscheinen noch nicht getan. Man habe daher zusammen mit Lehrerinnen, Hausärzten sowie Kultur- und Quartiervereinen weitere niederschwellige Impfmöglichkeiten in die Wege geleitet, auch seien ab heute zahlreiche Impfbusse unterwegs, womit alle, die sich noch nicht zu einer Impfung entschlossen hätten, dies ab sofort nachholen könnten. Ein rascher Entschluss sei dabei von Vorteil, da man so noch vor Weihnachten in den Genuss von schönen Abenden kommen würde. Ziel sei es, die Impfquote bis Mitte Dezember auf mindestens 75 Prozent zu erhöhen, sodass sich hoffentlich auch die Angestellten in den Spitälern Zeit für ein solches Vergnügen nehmen könnten.

Wobei, so Lukas Engelberger, man sich im Klaren darüber sei, dass es auch dann noch Leute gebe, die eine Impfung ablehnten – vor allem aber auch Menschen, für die aus medizinischen Gründen eine solche nicht infrage komme. Letztere könnten ihren Bon mit einem entsprechenden Attest selbstverständlich ebenso einlösen. Und selbst für die radikalsten ImpfgegnerInnen wolle man Treffpunkte im Freien und auf Terrassen zulassen, sodass sie, zwar ohne Bons, doch auch auf ihre Art mitfeiern könnten.

Guten Appetit!

Überhaupt sei es an der Zeit, einen neuen Ton anzuschlagen, betonte Isabelle Chassot vom Bundesamt für Kultur. Schliesslich gehe es auch um eine Aufhellung des politischen Klimas und darum, die Gesellschaft zusammenzubringen – an einen landesweiten Tisch sozusagen –, auf dass dieser Herbst im Zeichen einer bunten Schweiz stehe. Zusammen mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft sei man zum Schluss gekommen, dass das weit weniger Kosten verursachen würde als die immensen Nothilfen, Entschädigungen und Sozialleistungen, die ein erneuter Lockdown nach sich ziehen könnte. Das ganze Vergnügen würde höchstens 700 Millionen Franken kosten. Allez, hop! Und guten Appetit!

Was sagt Anna Lévy zum Vorschlag? Was VertreterInnen der Gastrobranche? Wer soll das Ganze finanzieren? Und wie reagiert Murat Yakin? Antworten dazu in der nächsten Ausgabe.

Nachtrag vom 9. September 2021

«Grundsätzlich schöne Gedanken»

Wie die Impfquote rasch und markant steigern? Und so die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle senken, das Spitalpersonal entlasten – gleichzeitig aber auch die gebeutelte Gastro- und Kulturbranche unterstützen, Schlechtergestellte mehr teilhaben lassen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern?

Die WOZ träumte in der letzten Ausgabe: Statt Ungeimpfte mit teuren Tests zu strafen, sollen alle LandesbewohnerInnen, die sich doppelt haben impfen lassen, einen Bon im Wert von hundert Franken für den Konsum in Restaurants, Bars, Klubs und Kulturlokalen erhalten. In diesem Traum haben die Idee unter anderen der Zürcher Quartierbeizer Andi Handke, der Direktor der Gesundheitsdirektorenkonferenz Lukas Engelberger, Anne Lévy vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Murat Yakin, Cheftrainer des Fussballnationalteams, präsentiert. Was sagen sie in der Realität dazu?

Handke gefällt «das Belohnende anstelle des Bestrafenden», problematisch findet er «das damit verbundene Ausgrenzen gewisser Gästegruppen». Engelberger bedankt sich für «grundsätzlich schöne Gedanken», glaubt aber, dass die «kostenlose und einfach zugängliche Impfung» reiche: «Die Vergabe eines Zusatzbenefizes bei medizinischen Anwendungen ist in der Schweiz zudem nicht üblich, da der Entscheid unabhängig von monetären Anreizen zustande kommen sollte.» Vom viel beschäftigten BAG kommt keine Antwort, derweil sich der Fussballverband «in dieser Phase der für uns so wichtigen Qualifikationsspiele nicht mehr weiter äussern» will.

SP-Nationalrat Roger Nordmann findet die Idee prüfenswert, hundert Franken jedoch zu viel: «25 Franken wären adäquat, auch wenn das keine Impfgegner, aber sicher ein paar Impffaule bewegen würde.» Und SP-Kopräsident Cédric Wermuth meint: «Vom Grundsatz her ist das sicher eine gute Idee. Auch wir haben in Kantonen und einigen Gemeinden versucht, ähnliche Ideen einzubringen. Wir schauen, ob wir es in die laufende Debatte nochmals einbringen können.»

Und Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer? Lässt ausrichten, dass er bei einer Ausweitung der Zertifikatspflicht Entschädigungen fordert.

Adrian Riklin

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