Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Topografie des Verbrechens

Von Lukas Tobler

Wie schreiben über Moria? Über die Personen, die im Flüchtlingslager festgehalten werden, und die Verbrechen der europäischen Grenzpolitik? Journalistisch wird die Situation an Europas Aussengrenzen zwar regelmässig bearbeitet. Literarische Aufarbeitungen sind aber rar. Mit «Amori. Die Inseln» wagt die Autorin Johanna Lier einen Versuch mit einem – wie sie es nennt – Bericht.

Angelegt ist er als eine Art Collage aus Erlebnisberichten sowie Zitaten von TheoretikerInnen. Den Rahmen bilden die Erfahrungen von Henny L. Sie ist als Aktivistin auf Lesbos und schreibt auf, was sie sieht und was ihr erzählt wird. Viel mehr über sie erfahren wir nicht. Der Fokus liegt auf den Erzählungen der BewohnerInnen Morias, den eigentlichen ProtagonistInnen.

Da ist zum Beispiel Deniz Z., der sofort bei seiner Ankunft auf der Insel merkte, dass es dort wie in einem Gefängnis sein würde. Er beschreibt etwa die Machenschaften der christlichen NGO Euro Relief, die für die alltäglichen Belange im Lager verantwortlich ist, deren Freiwillige sich rassistisch äussern und ihn mehrmals zu konvertieren versucht haben. Oder Véronique L., die erzählt, wie sie schwer erkrankt ist, nachdem ein nicht zugelassenes Medikament an ihr getestet wurde. Und die das Prinzip der Verletzlichkeit in Moria erklärt: «Es gibt Verletzlichkeit A und Verletzlichkeit B. Du musst also dafür sorgen, dass du von A zu B kommst, weil sie dich dann in ein besseres Lager verlegen oder aufs Festland transferieren.»

Eine eigentliche Handlung gibt es nicht. Die Bruchstücke sind kategorisiert nach den Orten, an denen die Erzählungen ihren Anfang nehmen: vor dem Lidl, im Duschhaus, auf der Strasse. Entstanden ist so keine mitreissende Geschichte über das politisch motivierte Leid, sondern eine Art Topografie des Verbrechens.

Wer aus einer westeuropäischen Perspektive über die Lager schreibt, kann viel falsch machen: etwa den ProtagonistInnen eine blosse Opferrolle ohne Handlungsfähigkeit zuschreiben. Wie man nicht über Moria schreiben soll – das ist recht klar abgesteckt, und Johanna Lier umgeht diese Fallstricke. Stattdessen ist «Amori. Die Inseln» ein Zeitdokument, das mit dem Niederbrennen seines Gegenstands im September 2020 noch an Relevanz gewonnen hat.

Die Autorin liest am Montag, 6. September 2021, um 19 Uhr in der Autonomen Schule Zürich.

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